Probenbesuch. Frank Castorf inszeniert seinen Fünf-Stunden-„Faust“ . Foto: Wilcke
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Doku über Frank Castorf Legendenbildung als Volksbühnen-Sport

Schluss ohne Ende: Andreas Wilcke nostalgische Doku über die letzte Spielzeit von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne.

Frank Castorfs Volksbühnen-Ära zählt sicher zu den bestdokumentierten Theaterintendanzen der Republik. Auch die Chronik des angekündigten Scheiterns seiner Nachfolge liegt detailreich vor. Keine Fragen offen. Obwohl, es wäre mal interessant zu erfahren, wie viele Kamerateams die letzte Castorf-Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz eigentlich begleitet haben. 2018 feierte auf der Berlinale die Dokumentation „Partisan“ von Lutz Pehnert, Matthias Ehlert und Adama Ulrich Premiere, entstanden in der Endprobenphase der monumentalen „Faust“-Inszenierung. Und zu eben dieser Zeit sammelte auch Regisseur Andreas Wilcke Impressionen in den Gängen und Garderoben. Hier, hinter den Kulissen, traf er nach eigenen Aussagen auf etliche weitere Jäger des untergehenden Glanzes. Die Last-Minute-Legendenbildung als Volksbühnen-Sport.

„Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja – warum dauert es so lange?“ hat Wilcke, bekannt geworden mit der Gentrifizierungs-Doku „Die Stadt als Beute“, seinen Film betitelt. Der zeigt unter anderem: Alexander Scheer, der auf der Probe Van Morrisons „It’s all over now, Baby Blue“ singt. Einen schlecht gelaunten Frank Castorf bei der Arbeit. Einen weinseligen Frank Castorf backstage während eines Gastspiels. Eine Bühnenbildbesprechung zu „Faust“ mit dem tollen Aleksandar Denic. Einen Auftritt von Jürgen Kuttner, der sich ziemlich angestrengt in den Furor auf all die anderen doofen Theater schraubt, die syrische Mütter auf die Bühne holen oder Stücke über Rinderwahnsinn spielen.

Klar, Distinktions-Dünkel war an der Volksbühne auch immer Programm. Und man sieht, es sind wirklich schöne Szenen, die die Gewerke bei der Umsetzung dessen schaffen, was Castorf als alter Linker die Zusammenarbeit von Kopf und Hand nennt. Wie Denics „Faust“-Hölle da zusammengeschraubt, -geschweißt und -gezimmert wird, ist beeindruckend.

Man sieht auch Chris Dercon in einigen Szenen

Ein paar Mal sieht man auch Chris Dercon, den gescheiterten Nachfolger, wie er in Diskussionsrunden oder bei einer Mitarbeiterversammlung ziemlich schwammiges Zeug erzählt. Allerdings wirken diese Szenen (wofür der Regisseur nichts kann) aus heutiger Perspektive wie plumpes Nachtreten. Die ideologische Schlacht um den Rosa-Luxemburg-Platz hat Spuren hinterlassen. Das Volksbühnen-Rad ist zurück, aber die Geschichte hat sich weitergedreht.

Andreas Wilcke – der sich vor Zeiten mal (vergeblich ) als Schauspieler bei Castorf beworben hat – gibt seiner Dokumentation bei all dem auch keine Richtung. Irgendwo zwischen Berlin, Paris und Athen, zwischen den stilprägenden Verausgabungen auf der Bühne und ihrer mühsamen Herstellung wird ein nebliges „War schon geil, das alles“-Gefühl beschworen.

Er habe auf Kommentare und Einordnungen verzichtet, weil er kein „betreutes Zuschauen“ wollte, hat Andreas Wilcke im Interview gesagt. Schon okay. Aber mit ein bisschen mehr Haltung wäre vielleicht mehr entstanden als nur ein weiteres Fanprodukt für Hardcore-Nostalgiker.

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