Ruangrupa haben in Kassels Innenstadt das bunte „Ruru-Haus“ eröffnet, das schon vor Ausstellungsbeginn im Sommer 2022 als Treffpunkt dient. Foto: Swen Pförtner, picture alliance/dpa
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Documenta Kasseler Kunstschau weist Antisemitismus-Vorwürfe zurück

Birgit Rieger

Am Pranger: Das Kuratorenteam der Documenta muss sich mit Antisemitismus-Polemik auseinandersetzen. Der Aufsichtsrat tagt.

Ruangrupa, das indonesische Kuratorenteam der Documenta, muss sich mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. Es heißt, sie würden antisemitischen und antizionistischen Positionen im Umfeld der zur Documenta eingeladenen Künstlergruppen ein Forum geben. Einige der Teilnehmenden der im Sommer 2022 startenden Weltkunstschau sollen der Kampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) nahe stehen, die zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Boykott gegen Israel aufruft.

Am Montag kam Kulturstaatsministerin Claudia Roth per Videoschalte mit den Gesellschaftern der Documenta gGmbH zusammen, um über die Anschuldigungen zu beraten. Bis zum Wochenende soll es eine weitere Sondersitzung des Documenta-Aufsichtsrats geben. Man nehme die Vorwürfe sehr ernst, hieß es von Seiten der Documenta.

Unterschiedliche Haltungen zum BDS

Überbewerten sollte man sie allerdings auch nicht, schaut man auf die Seite der Kritiker. Ein Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus hat die Anschuldigungen gegen die Documenta-Kuratoren in einem anonymen Blogbeitrag auf ihrer Webseite veröffentlicht. Dort wird die zur Documenta eingeladene palästinensische Künstlergruppe „The Question of Funding“ kritisiert. Sie arbeite in Ramallah in einem nach dem arabischen Nationalisten Khalil al-Sakakini benannten Kulturzentrum. Wie die Gruppe zu dem Antizionisten steht, ist jedoch nicht bekannt.

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Dem kuratorischen Konzept der Documenta wird eine „romantische Verklärung von Blut und Boden“ unterstellt. Angekreidet wird auch, dass Mitglieder der Documenta-Findungskommission den BDS-Einspruch „Wir können nur ändern, was wir konfrontieren“ unterschrieben haben; auch Ruangrupa wird dies vorgeworfen. Am Pranger steht der „links-identitär und postmodern gewendete Kunstbetrieb“ insgesamt.

Auf Basis dieses polemischen Blogs fragte die „Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 13. Januar „Hat die Documenta ein Antisemitismus-Problem?“ und weitete den Bogen bis zu den Anfängen der Großausstellung unter Werner Haftmann, einem ehemaligem SA-Mitglied.

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum hatte 2021die Auswirkungen von Haftmanns Gesinnung auf das Programm der ersten drei Documenta-Ausgaben gezeigt. Jüdische Maler:innen und die Kunst von Nazi-Opfern wurden damals bewusst nicht gezeigt.

Perspektiven des globalen Südens

Die Ex-Nazis im deutschen Kunstbetrieb in Zusammenhang mit Ruangrupa zu bringen, ist schlicht boshaft. Aber der Stein ist geworfen, das Thema gesetzt. Nun müssen sich alle dazu verhalten. Die eigentlichen Inhalte der Documenta wie Solidarität und gerechtere Ressourcenverteilung werden im schlimmsten Fall als Ausweis für „ideologische Untertöne“ gewertet.

Das indonesische Kollektiv trat bei der Documenta an, um die Perspektive des globalen Südens in den westlichen Kunstbetrieb einzubringen. So wollte es auch die Findungskommission, die Ruangrupa berufen hat, um die Documenta als internationale Diskursplattform voranzubringen. Globale Machtverhältnisse und Themen wie Dekolonisierung sollen auf den Tisch. Diese Agenda soll nun offenbar mit Antisemitismus-Vorwürfen torpediert werden. Soll bloß niemand aus Asien kommen und hier seine Themen setzen.

Der Deutsche Bundestag hat in einem Beschluss von Mai 2019 festgelegt, dass die Unterstützung der Israel-Boykott-Bewegung BDS als antisemitisch anzusehen ist und dass öffentliche Gelder nicht an Unterstützer gehen sollen. 2020 sprachen sich 1557 Künstler, Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen in einem offenen Brief mit der Überschrift „Wir können nur ändern, was wir konfrontieren“ gegen den Beschluss aus und forderten, dass alle – auch propalästinensische Gruppen – ihre Meinung äußern können sollten und dass Kritik an Israel nicht mit antijüdischem Rassismus gleichgesetzt werden dürfe, wie es zuvor bereits in der „Initiative GG 5.3. Weltoffenheit“ gefordert worden war.

Keine roten Linien überschritten

Die Documenta hat sich in einem Statement wie auch im Tagesspiegel-Interview vom 17.1. deutlich vom Vorwurf des Antisemitismus distanziert. Grundlage der Schau sei „die Meinungsfreiheit einerseits und die entschiedene Ablehnung von Antisemitismus, Rassismus, Extremismus, Islamophobie und jeder Form von gewaltbereitem Fundamentalismus andererseits“, teilte die Documenta am Mittwoch mit.

[Die Documenta findet von 18. Juni bis 25. September statt.]

Die Zeitschrift „Monopol“ hat früh die Vorwürfe des Kasseler Bündnisses gegen Antisemitismus durchleuchtet und auf rassistische Untertöne und Recherchefehler hingewiesen.
Kassels Bürgermeister und Documenta-Aufsichtsratsvorsitzender Christian Geselle verteidigte bereits am Sonntag Ruangrupa und stellte sich im Gespräch mit den Gesellschaftern hinter das Kollektiv. An dem Termin nahmen auch die Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann und die hessische Kulturministerin Angela Dorn teil. „Rote Linien“ seien von Seiten der Kuratoren nicht überschritten worden, so Geselle.

Die Documenta-Verantwortlichen kündigten an, zeitnah Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen, etwa der Kolonialismus- und Rassismusforschung und der Holocaust- und Antisemitismusforschung, zu einem internationalen Forum einzuladen. (mit dpa)

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