Bong Joon-ho, hier an der Seite seiner Produzentin Kwak Sin-ae (2. v. re.), gewann mit „Parasite“ schon in Cannes die Goldene Palme. Foto: Matt Petit/AFP
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Diversität bei den Oscars 2020 Südkoreas Auswärtssieg in Hollywood

Die 92. Oscar-Verleihung: Bong Joon-hos schrille Sozialkomödie „Parasite“ gewinnt vier Trophäen und lässt das US-Kino ganz schön weiß aussehen.

Der oscarnominierte Tom Hanks gehört nicht zu den Siegern des Abends, in der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ hat er drei Stunden zuvor gegen einen sichtlich entspannten Brad Pitt verloren. Trotzdem bleibt Hanks für das denkwürdigste Bild der 92. Oscar-Verleihung in Erinnerung. Als die Organisatoren des Abends den Siegern des Hauptpreises, dem Regisseur Bong Joon-ho, Min Heoi Heo und Miky Lee, Produzentin und Produzent der südkoreanischen Sozialkomödie „Parasite“ mitten in ihren Reden Licht und Strom abdrehen, erheben sich Hanks und Charlize Theron von ihren Sitzen und fordern die Academy-Mitglieder eindringlich zu Standing Ovations auf. Mit Erfolg.

Die Lichter im Saal gehen wieder an. Dieser Moment kommt einer Revolution in Hollywood gleich, man will ihn auskosten. Erstmals gewinnt ein nicht-englischsprachiger Film den Preis als bester Film. Fassungslose Koreanerinnen und Koreaner stehen auf der Bühne im Dolby Theater, sie haben soeben das Herz der amerikanischen Filmindustrie erobert.

Die Folgen dieses Abends könnten die Akademie noch eine Weile beschäftigen. In der Geschichte der Oscars waren schon einige „internationale Filme“ (so der in diesem Jahr erstmals benutzte Name der Kategorie) für den besten Film nominiert, erst im vergangenen Jahr verlor der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, kein Unbekannter in Hollywood, gegen „Green Book“. Die Namen Bong Joon-ho sowie die seiner Darstellerinnen und Darsteller (Kang-ho Song, Yeo-jeong Jo) waren außerhalb Südkoreas bislang nur Fans des Weltkinos geläufig. Das dürfte sich nun ändern.

#OscarsSoWhite trendet auch in 2020

Es ist eine schöne Pointe des Abends, dass „Parasite“, der in Südkorea schon die großen Hollywoodfilme an den Kinokassen ausbootete, mit vier Oscars der große Gewinner des Abends ist; die Branche hatte sich eigentlich auf ein Duell zwischen Sam Mendes’ „1917“ und Todd Phillips „Joker“ eingestellt, mit Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ als Zünglein an der Waage. Die gewinnen am Ende in den Hauptkategorien nur Preise für die beste Kamera (Roger Deakins, „1917“) und den besten Hauptdarsteller (Joaquin Phoenix, „Joker“). Viel war im Vorhinein über den Mangel an Diversität gespottet worden, das vier Jahre alte Hashtag #OscarsSoWhite war um 2020 ergänzt worden und ging viral.

Mit Cynthia Erivo war immerhin eine Afroamerikanerin als Darstellerin nominiert, Greta Gerwig wurde trotz ihres hinreißenden Kostümfilms „Little Women“ in der Regie-Kategorie ignoriert. Joaquin Phoenix hatte bei den BAFTAs vergangene Woche in seiner Dankesrede bereits auf den beklagenswerten Zustand einer Filmindustrie hingewiesen, der es nicht gelingt, die Demografie westlicher Gesellschaften adäquat abzubilden. Bei den Golden Globes hatte im Januar noch die Komikerin Awkwafina den Preis für die beste Rolle in einer Komödie gewonnen. Dass sie bei den Oscars gegen Erivo „ausgewechselt“ wurde, lässt vermuten, dass die Academy auf Quoten-Diversität aus ist. Für zwei nicht-weiße Nominierte scheint die Zeit noch nicht reif.

Erfolg für die asiatisch-amerikanische Community

Darum ist der Erfolg von „Parasite“ so bahnbrechend. Während die Unterstützerinnen von #OscarsSoWhite meist auf den Prozentsatz schwarzer Künstlerinnen und Künstler achten, ist der Erfolg von Bongs Film ein unmissverständliches Zeichen an die wachsende asiatisch-amerikanische Community Hollywoods, die im vergangenen Jahr mit dem Überraschungserfolg „Crazy Rich Asians“ einen Platz am Tisch für sich beanspruchte.

„Parasite“ ist zudem ein durch und durch koreanischer Film. Dass er dennoch die Academy überzeugte – er ist auch der erste Film, der beide Preise als bester Film gewann, national und international –, sollte der Industrie zu denken geben. Filme mit Untertiteln gelten in den USA noch immer als Kassengift. Der Indie-Verleih Neon hat mit seiner Marketingkampagne jetzt die  Studios Disney/Fox, Warner und Netflix ausgestochen. Bongs letzter Film „Okja“ war noch eine Netflix-Produktion. „Parasite“ ist daher ein Signal an die Majors, das Segment des Arthouse-Films nicht aufzugeben und den Streamingproduzenten zu überlassen.

Um es mal pathetisch auszudrücken: Die Oscars 2020 sind ein Triumph des Kinos. Netflix konnte trotz 24 Nominierungen nur einen einzigen Preis gewinnen. Laura Dern wurde für ihre kaltblütig lächelnde Scheidungsanwältin in „Marriage Story“ mit dem Preis für die beste weibliche Nebenrolle ausgezeichnet, „The Irishman“ ging trotz zehn Nominierungen leer aus. Die Zaudertaktik des Streamingproduzenten, seine Filme nur mit einem Alibi-Kinostart zu versehen, um bei den Oscars mitzumischen, ist zu durchschaubar. Beide Seiten müssen sich einander annähern: Netflix sollte Hollywood ernsthafter umgarnen, umgekehrt allerdings auch – solange die Filmindustrie zumindest bei Verleihungen noch nicht von den Streamern abhängig ist. Die Vorzeichen könnten sich bald drehen.

Phoenix kritisiert weiße Privilegien und beschwört Einigkeit

Der Triumphzug von „Parasite“, der auch Quentin Tarantino und das Autorenduo Sam Mendes/Krysty Wilson-Cairns beim Originaldrehbuch ausstach, wirft noch ein anderes Licht auf die diesjährigen Oscars, in denen Filme mit historischen Themen und Sujets dominierten: der erste Weltkrieg, die goldene Ära Hollywoods, NS-Deutschland (Taika Waititi wurde mit „Jojo Rabbit“ für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet).

Denn Sonntagnacht gewann eine südkoreanische Komödie, die sich mit sehr gegenwärtigen globalen Problemen auseinandersetzt, die in Trumps Amerika genauso zu beobachten sind wie in Deutschland. Dieser Zustand der Welt spiegelt sich auch in Joaquin Phoenix’ bemerkenswerter Dankesrede wider, in der er sich gegen soziale und kulturelle Ungleichheit, die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen und die „Cancel-Kultur“ ausspricht, die einen Dialog verhindere. Die Oscars haben schon eine Menge wohlfeiler Worte produziert, aber Phoenix, der sich selbst von seiner Generalkritik nicht ausnahm, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Da der Sender ABC ihn über drei Minuten ausreden ließ, hat die Academy in Phoenix nun vielleicht sogar einen neuen Markenbotschafter gefunden.

Die Forderung nach mehr Diversität wird nach dieser Verleihung nicht abreißen. Das Traditionsunternehmen Academy ist – siehe den Umgang mit Netflix – noch immer nicht in der Gegenwart angekommen. Sie wird noch viele Mitglieder werben müssen, um das weltoffene Image zu verkörpern, auf das diese Oscars immerhin eine kleine Vorschau boten.

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