Der Berliner Musiker Hans Unstern. Foto: Brian Apteiker
© Brian Apteiker

"Diven" von Hans Unstern Mit Gedankenblitzgeklimper gegen die Eindeutigkeit

Ein Spiel mit den Identitäten: Der Berliner Songwriter Hans Unstern und sein wundersames drittes Album „Diven“.

„Diven“ von Hans Unstern ist bei Staatsakt erschienen. Am 13. Juni 2020, um 21 Uhr findet das Releasekonzert im Stream des HAU Hebbel am Ufer statt.

Und da ist es wieder. Das Verwirrspiel um Hans Unstern. Verstecken sich nun hinter dem Namen eine oder mehrere Personen? Lässt der männlich konnotierte Vorname eine geschlechtliche Definition der oder des Beteiligten zu? Und warum sind solche Fragen überhaupt wichtig? Das Berliner Kunst-, Performance- und Musikkollektiv um Hans Unstern ist seit Jahren eine Zumutung für jenes Denken, das nach Eindeutigkeit strebt. Und für Musikkritiker, die die Dinge auf einen letztgültigen Begriff bringen wollen.

Dabei schien doch zu Beginn alles so eindeutig zu sein. Damals 2010, als die Gruppe Ja, Panik auf ihrem Label die erste Single des Künstlers veröffentlichte. Die „Zeit“ adelte Hans Unstern früh als „talentiertesten Skeptiker im deutschen Songwriterpop“. Auf dem Debütalbum „Kratz Dich Raus“ befand sich mit „Paris“ sogar ein kleiner Hit. Dazu eine Bilderbuchgeschichte, die sich nur all zu gut las: Ein durch Europa gereister Straßenmusiker, ein wieder nach Hause gekommener Vagabund, der die Erzählungen seiner Abenteuer auf Vinyl presste. Und sie live vollbärtig und wunderbar verschroben darbot.

Doch so wollte Unstern offensichtlich nicht gelesen werden. Bei der Präsentation des zweiten Albums „The Great Hans Unstern Swindle“ saß auf einmal ein junger Mensch ohne Bart und mit blaugefärbten Haaren vor den Pressevertretern. Ein kalkulierter Streich, um dem Irrglauben an künstlerische Authentizität etwas entgegenzusetzen. Mit den Jahren dehnte Hans Unstern das Korsett der Denkschablonen immer weiter aus. Vor allem das engste von allen: das der Geschlechteridentität. Zehn Jahre nach Unsterns Auftauchen, schaut vom Cover von „Diven“ eine Person herunter, die die alltäglichen Sehgewohnheiten irritiert. Rauschender Bart. Wallendes, gelocktes Haar. Blauer Lidschatten, blaues Kleid.

Der Bau der Instrumente war Teil des Projektes

Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Diven“ gewährte Hans Unstern der Anhängerschaft diesmal umfassende Transparenz. An mehreren Abenden lud er in der Reihe „Pop und Geheimwissen“ ins HAU Hebbel am Ufer, wo auf über den ganzen Raum gespannten Saiten improvisiert und Fragmente des Albums präsentiert wurden. Zugleich konnten Interessierte in einem Livestream aus einer Werkstatt verfolgen, wie in Zusammenarbeit mit dem Kontrabassisten Simon Bauer gewaltige V-Harfen entstanden. Deren aufwendiger Bau soll maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass „Diven“ so lange auf sich warten ließ.

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Zwischen Störgeräuschen, Stimmengewirr und Computergeplucker sind die Klänge der Harfen auf „Diven“ der akustische Leitfaden. Die lyrisch dargebotene Variabilität von Selbstbildern, die erwünschte Produktion von Pluralität finden durch sie ihren musikalischen Ausdruck. Mal zart vor sich hin klimpernd, dann im hektischen Stakkato gezupft, gesteigert bis zum wilden Glissando. Nur selten mündet das Album in unmittelbar schmeichelnde Melodien, wie im zauberhaft verspielten Stück „Haare Zu Gold“.

Drumherum entfesselt Unstern ein Assoziationsfeuerwerk hingeworfener Textfetzen mit erratischem Charakter. Zuweilen erinnern Lyrik und Darbietungsform an Schorsch Kamerun, der bei der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen die Verwandlung von Songtexten in Richtung Uneindeutigkeit vorantrieb. Hans Unstern nennt „Diven“ eine „Hexenzauberspruchsammlung“. Beschwörungen gegen die versteinerte Welt, gegen die Vereinheitlichung.

Ein Puzzle, dass nicht zusammenpassen will

Da ist „Bonbons aus Plastik“, das die grobe Sexualmetaphorik von Helge Schneiders Oralsexfantasien aus „Bonbon aus Wurst“ aufgreift. Vielleicht ein Bezug auf den spanischen Philosophen und Queer-Theoretiker Paul B. Preciado, der in seinem „Kontrasexuellen Manifest“ neue Vorstellungen von Sexualität entwirft und dabei Dildos ins Zentrum rückt. Dann wieder geht es um Rasurzwänge und die Unmöglichkeit des Verliebens als Hartz-IV-Empfänger.

Das Abschlussstück „Cis“ unterstreicht noch einmal, dass die Genderidentität nicht, wie die Tonart in der Musik, durch Vorzeichen bestimmt sein muss. Ein weiteres Wortspiel, das auch auf die geschlechtlich normierte Welt der Cisgender (Menschen, die nicht Transgender sind) abzielt.

Auch nach mehrmaligem Hören bleibt „Diven“ dieses Puzzle, das sich einfach nicht zu einem Ganzen zusammenfügen lässt. Nicht zusammenfügen lassen will. Oder wie Unstern an einer Stelle treffend singt: „Es gibt keine Stille, es gibt keinen Donner, nur Gedankenblitzgeklimper“.

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