Generationen von Kindern sind mit Disney-Klassikern wie „Das Dschungelbuch“. aufgewachsen. Foto: picture-alliance/ dpa
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Disney thematisiert Rassismus in Kinderklassikern „Peter Pan“, „Aristocats“ und „Dschungelbuch“ nur noch unter Aufsicht

Disney nimmt bekannte Filme aus seinem Kinderprogramm und versieht sie mit Warnhinweisen. Ein weiterer Schritt, rassistische Darstellungen aufzuarbeiten.

Der Märchenonkel war ein schlimmer Finger. 1944 gehörte Walt Disney zu den Gründungsmitgliedern des antisemitischen Verbands MPAPAI, später auch zu den feurigsten Unterstützern von McCarthys Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten.

Keinen Hehl machte er zudem aus seiner Bewunderung für Leni Riefenstahl, 1938 traf er Hitlers Hofchronistin sogar persönlich, obwohl Hollywood da längst einen Boykott verhängt hatte. (Demgegenüber steht natürlich, nicht zu vergessen, der Anti-Nazi-Cartoon „The Fuehrer’s Face“) Nach außen hin gab Walt Disney stets das Bild des amerikanischen Saubermanns ab, hinter die Fassade blickte sein Biograf Marc Eliot, der ihn den „dunklen Fürsten Hollywoods“ nannte.

An dieser Darstellung scheiden sich bis heute die Geister, es gibt kaum glaubwürdige Überlieferungen von rassistischen Ausfällen. Doch 2014 reagierte Abigail Disney, die Nichte des Patriarchen, auf Meryl Streeps Kritik am Biopic „Saving Mr. Banks“ über die Mary-Poppins-Autorin P. L. Travers, in dem Tom Hanks einen onkeligen Walt gibt, mit einem beifälligen Facebook-Posting: „Antisemit? Haken. Frauenfeind? Natürlich! Rassist? Come on, er hat das 'Dschungelbuch' gemacht, in dem es – auf dem Höhepunkt der Segregation – darum ging, unter seinesgleichen zu bleiben.“

Diskussionen um den Umgang mit dem kontroversen Erbe Walt Disneys gab es in der Vergangenheit immer wieder. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der milliardenschwere Konzern, zu dem heute auch Marvel, Pixar und das „Star Wars“-Franchise gehören, mehr ist als ein wirtschaftlicher Supertanker.

Animationsklassiker wie „Cinderella“, „Dumbo“ und „König der Löwen“ sind, wie Abigail Disney vor zwei Jahren in einem Meinungsstück für die „Washington Post“ schrieb, ein Stück amerikanischer Kulturgeschichte. Generationen sind mit den Filmen aufgewachsen, unbescholten. Das ändert sich langsam.

Warnhinweis für Kinderfilme

Gerade hat Disney einige Klassiker wie „Dumbo“, „Peter Pan“, „Aristocats“ und „Das Dschungelbuch“ aus dem Kinderprogramm seines Streamingdienstes Disney+ gestrichen; sie stehen künftig nur noch Kindern unter der Aufsicht Erwachsener zur Verfügung. Der Grund: „Dieses Programm enthält negative Darstellungen und/oder eine nicht-korrekte Behandlung von Menschen oder Kulturen. Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute.“

Die Popsängerin Halle Baile wird in der Realverfilmung die Rolle der Meerjungfrau Arielle übernehmen. Foto: AFP Vergrößern
Die Popsängerin Halle Baile wird in der Realverfilmung die Rolle der Meerjungfrau Arielle übernehmen. © AFP

So steht es seit einiger Zeit schon in einem Warnhinweis, der den Filmen vorangestellt ist. Zudem versieht Disney neuerdings fragwürdige Szenen in seinen Filmen mit einordnenden Erklärungen über rassistische Stereotypen und diskriminierende Darstellungen kultureller Minderheiten. Der Bedarf ist, nicht nur bei Disney, groß.

Ausgangspunkt ist die Disney-Initiative „Stories Matter“, mit der der Konzern in salbungsvollen Worten seinen Einsatz für kulturelle Diversität erklärt: „Geschichten formen das Bild von uns und unserer Umwelt. Als Geschichtenerzähler haben wir die Macht und die Verantwortung, andere Menschen nicht nur zu inspirieren, sondern auch die Bandbreite von Stimmen und Perspektiven in unserer Welt bewusst zu fördern.“

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Disney hat in den vergangenen Jahren tatsächlich viel zur wachsenden kulturellen Vielfalt in der Filmindustrie (vor und hinter der Kamera) beigetragen, nicht immer mit Zustimmung der Fans. Die Besetzung eines Stormstroopers in „Star Wars“ mit dem schwarzen Schauspieler John Boyega zog genauso Kritik auf sich wie die Wahl der Afroamerikanerin Halle Bailey für die Rolle der Meerjungfrau Arielle.

Disney+ gehört zu den Krisengewinnern

Die spannende Frage hinter diesem teilweise erbittert geführten „Kulturkampf“ sowie hinter der Entscheidung Disneys, seine Filme nicht etwa umzuschneiden, sondern als „kritische-historische Edition“ mit Warnhinweisen zu versehen, lautet: Welche Rolle spielen kulturelle Prägungen und Erfahrungen in der individuellen Sozialisation? Und wie weit ist es Betroffenen von jahrzehnte- und jahrhundertelanger Diskriminierung zumutbar, um einer historischen Authentizität willen weiterhin herabwürdigenden Darstellungen und verbalen Rassismen in kulturellen Werken ausgesetzt zu sein?

Junge Menschen, die zu Beginn des Jahrtausends geboren wurden, haben sich nie darüber gewundert, dass ein amerikanischer Präsident schwarz sein kann – oder Deutschland eine Kanzlerin hat. Es wird noch etwas länger dauern, bis auch die Idee eines schwarzen Stormtroopers keine Irritationen mehr verursacht. Eingewöhnung ist das eine. Eine hegemoniale Kultur, deren Prägungen uns in Schul-Lektüren, in der Politik, in Werbung und Medien bis heute begegnen, erfordert aber auch ständige Aufklärung.

Disney+ gehört in der Pandemie zu den Krisengewinnern; Eltern konnten die Kids einfach mal für zwei Stunden vor den Fernseher setzen. Kritische Filme vor – unbeaufsichtigten – Kindern zu verschließen, ist sicher keine Ideallösung. Aber der Konzern wird zumindest seiner Verantwortung für die eigene Geschichte gerecht; und im Zweifelsfall ist dieser Eingriff auch weniger geschichtsrevisionistisch, als diese Filmversionen ganz aus dem Verkehr zu ziehen.

Konzerne gehen immer öfter auf Kritik ein

Es macht einen Unterschied, den Affentanz im „Dschungelbuch“ als Slapstick-Musicalnummer zu sehen – oder darin die rassistische Anspielung auf die berüchtigten Minstrelshows zu erkennen. Gerade die frühen Disney-Filme werden immer wieder für ihren perfiden Anthropomorphismus kritisiert. Die süßen Kätzchen in „Aristocats“ bedienen durch ihre Augenform, ihre Hasenzähne und ihr gelbes Fell (sie spielen zudem mit Stäbchen Klavier) rassifizierende asiatische Stereotype.

Solche Darstellungen müssen nicht per se rassistisch sein, aber Kennzeichnungen im Film sind in jedem Fall ein erster Schritt zur kindlichen Sensibilisierung. Das wohl bekannteste Beispiel für „Racial Profiling“ ist das Kinderlied um die „drei Chinesen mit dem Kontrabass“, die auf der Straße gleich mal von der Polizei kontrolliert werden.

Die Konzerne scheinen auf solche Kritik immer öfter einzugehen. HBO Max versieht das Südstaatenmelodrama „Vom Winde verweht“ inzwischen mit einer Warnung, und die deutsche Schauspielerin Thelma Buabeng hat Netflix gerade das Einverständnis abgerungen, eine Szene in „Kevin – Allein in New York“ von 1992, in der das N-Wort fällt, neu zu synchronisieren. Das Wort kommt übrigens nur in der deutschen Fassung vor. So gesehen wäre auch dieses Detail aus historischer Sicht also durchaus interessant, als Beleg für den Umgangston in der gerade wiedervereinigten Bundesrepublik.

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