Nodoka Okisawa ist die aktuelle Assistentin von Kirill Petrenko. Sie wurde noch ohne Wettbewerb Stipendiatin der Karajan-Akademie. Foto: Martin Walz
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Dirigentenwettbewerb der Berliner Philharmoniker Messe der Maestri von morgen

Ein neuer Dirigierwettbewerb für Berlin: Die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker vergibt künftig das Siemens Conductors Scholarship.

Eine Villa hatte er schon und auch ein Privatflugzeug. Darum schenkte sich Herbert von Karajan 1969 zu seinem 60. Geburtstag: eine Stiftung. Deren Ziel sollte sein, „junge Künstler zu fördern“ und „die wissenschaftliche Forschung zu unterstützen“. Der Maestro selbst ließ sich dann beispielsweise für neurologische Untersuchungen bei der Probenarbeit in einer Testkapsel wie ein Astronaut „verdrahten“, um die Gehirnströme messen zu können. Es gab akademische Symposien bei den Salzburger Osterfestspielen – und an seiner deutschen Wirkungsstätte bei den Berliner Philharmonikern gründete Karajan sowohl ein internationales Jugendorchestertreffen als auch einen Dirigentenwettbewerb.

Als „meine Rache an dem Beruf“ bezeichnete Karajan den Wettbewerb später einmal. „Weil man mir nicht geholfen hat, als ich jung war“, wollte er nun den Nachwuchs fördern. Mit weisen Ratschlägen, aber auch monetär: Die Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, die es zu gewinnen hab, waren gut dotiert, das Renommee des Namens Karajan öffneten den Siegern viele Türen.

Karajans Wettbewerb konnte Karrieren starten

400 Bewerbungen gingen 1969 ein, und das, obwohl die Teilnehmer eine saftige „Bearbeitungsgebühr“ zu zahlen hatten und auch die Kosten für Reise und Unterbringung selbst tragen mussten (die Philharmoniker halfen dafür bei der Suche nach Gastfamilien). 60 Kandidaten durften schließlich in Berlin vordirigieren – wobei nicht die hochnoblen Philharmoniker musizierten, sondern extra bestallte Ensembles wie die Berliner Symphoniker oder auch mal das Radioorchester aus Köln.

Ein „explosives Talent“ zu finden, das war in Karajans Worten der Sinn des aufwändigen Unterfangens, und in der Tat ist die Liste der Teilnehmer lang, die anschließend Karriere gemacht haben: Okko Kamu und Dmitri Kitajenko aus dem ersten Jahrgang, 1971 Mariss Jansons, später noch Valery Gergiev, Christian Ehwald, Vasily Sinaisky, Bruno Weil, Gabriel Chmura, Oleg Caetani oder auch Antoni Wit. Fast jedes Mal nahmen auch einige wenige Frauen teil, einen Preis erringen aber konnte keine von ihnen.

Preisverleihung 1971 mit Herbert von Karajan und dem Preisträger Mariss Jansons (4. von links) Foto: Reinhard Friedrich Vergrößern
Preisverleihung 1971 mit Herbert von Karajan und dem Preisträger Mariss Jansons (4. von links) © Reinhard Friedrich

Je mehr Karajan seine Krankheiten im Alter plagten, desto weniger Kraft hatte er für den Wettbewerb übrig, Mitte der 1980er Jahre schlief er dann ganz ein. In diesem Herbst aber soll die Idee eine Renaissance erleben, in zeitgemäßer Form: Nicht mehr Medaillen gibt es beim neuen „Siemens Conductors Scholarship“ zu gewinnen, sondern die Möglichkeit, zwei Jahre lang als Assistent von Kirill Petrenko zu arbeiten, Karajans Nach-Nach-Nachfolger auf dem Posten des Philharmoniker-Chefdirigenten.

Als Mitglied der orchestereigenen Akademie wird die Glückliche oder der Glückliche zudem ein Stipendium erhalten – sowie die Möglichkeit, mit den Instrumentalisten des Traineeprogramms ein Konzert im Kammermusiksaal zu gestalten. „Ich bin mir sicher, dass die Kandidat:innen uns förmlich überrennen werden“, sagt Stephan Frucht, der Leiter des Siemens Arts Program. „Denn das Attraktivste, was einem jungen Dirigenten oder einer jungen Dirigentin passieren kann, ist doch, in eine Institution wie die Berliner Philharmonie integriert zu sein, Anregungen vom Kirill Petrenko zu bekommen, den anderen großen Dirigenten, die hier auftreten, bei den Proben zuschauen zu können und auch noch aktiv mit der Akademie zu arbeiten.“

Der neue Wettbewerb findet im Oktober statt

Der Auswahlprozess für den international ausgeschriebenen Wettbewerb ist entsprechend komplex, wie Peter Riegelbauer erklärt, Kontrabassist im Orchester und seit 2015 Geschäftsführer der Orchesterakademie: „Wir verlangen von allen Bewerber:innen Videos, die ihre Arbeit zeigen. Diese müssen zunächst gesichtet werden, was zeitlich ein enormer Aufwand ist, und schließlich werden zehn bis 15 Kandidat:innen zugelassen.“

Der Wettbewerb erstreckt sich über mehrere Tage: In der ersten Runde stehen die angehenden Orchesterleiter:innen beim Dirigieren nur vor zwei Pianisten, die die Partituren in vierhändigen Versionen spielen, so wie es oft auch in den Hochschulen üblich ist. Die Hälfte kommt danach in die zweite Runde, in der die Karajan-Akademisten dann auf dem Podium sitzen. Beim öffentlichen Abschlusskonzert am 24. Oktober entscheidet sich schließlich zwischen zwei oder drei Finalisten, wer das Siemens Conductors Scholarship erhält.

Das Höchstalter liegt bei 35 Jahren

„Assistenten der Chefdirigenten gab es bei uns immer“, sagt Riegelbauer, „doch erst Sir Simon Rattle hatte die Idee, sie in die Akademie einzubinden. Duncan Ward war der erste, der diesen Platz erhalten hat, danach kam im Übergang von Sir Simon zu Kirill Petrenko Gregor Meierhofer und aktuell ist es Nodoka Okisawa.“ Der Musiker findet es sinnvoll, dass nun auch die Assistent:innen des Chefdirigenten durch dasselbe Auswahlverfahren bestimmt werden wie die Instrumentalisten – auch wenn so ein Probespiel vor einer Jury deutlich aufwändiger zu organisieren ist. Doch das finanzielle Engagement von Siemens macht es jetzt möglich. Das Prozedere hat Riegelbauer zusammen mit dem Arts-Program-Leiter Stephan Frucht entwickelt, der selbst ausgebildeter Dirigent ist.

Dass sie das Höchstalster der Teilnehmer:innen auf 35 Jahre festgelegt haben, während es bei Karajans Wettbewerb noch bei 30 Jahren lag, erklärt Riegelbauer so: „Insgesamt ist zu beobachten, dass die Ausbildungszeiten in den Musikberufen länger geworden sind. Und Dirigent:innen müssen ein besonders umfangreiches Studium absolvieren. Unsere aktuelle Stipendiatin Nodoka Okisawa ist Jahrgang 1987 – und ist sehr dankbar, bei uns sein zu können.“ Und Frucht fügt hinzu: „Von Karajan stammt die Formulierung, Dirigent ist ein Beruf, bei dem die Ausbildung 20 Jahre dauert.“ Kirill Petrenko allerdings konnte sein erstes Kapellmeisterengagement bereits mit 25 Jahren antreten, zwei Spielzeiten später war er schon Generalmusikdirektor am Theater Meiningen.

Auch die Akademie hat Karajan einst gegründet

Das Horrorszenario, dass sich die Jury mehrheitlich für eine Person entscheiden könnte, die Kirill Petrenko für absolut unbegabt hält, mögen sich die beiden Organisatoren gar nicht erst ausmalen. „Es wird zu einem einvernehmlichen Votum kommen“, sind sie sich sicher. Der Philharmoniker-Chef sei ja von Anfang an begeistert gewesen von der Idee der Scholarship-Vergabe durch einen Wettbewerb. „Weil er dadurch viele Talente in kürzester Zeit kennenlernen kann“, betont Riegelbauer.

Auch die Karajan-Akademie ist übrigens eine Gründung von Petrenkos berühmtem Vorgänger. 1972 war er als Erster auf die Idee gekommen, ein Exzellenzförderprogramm für die besten Hochschulabsolventen bei seinem Orchester zu etablieren. Zunächst waren die Herren Musiker damals von den neuen Mentorenpflichten gar nicht begeistert, aber bald wurde ihnen klar, wie sinnvoll es ist, wenn sie als Praktiker die jungen Musiker:innen mit den ungeschriebenen Regeln und Gesetzen des Klassikbetriebs vertraut machen. Peter Riegelbauer war 1981 der erste, der den Sprung von der Akademie zur Festanstellung im Orchester schaffte. Mittlerweile sind über 32 Prozent der Philharmoniker Absolventen des Exzellenzförderprogramms.

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