Das aktuelle Volksbühnen-Stück „Metamorphosen overcoming mankind] nach Ovid & Kompliz*innen“ macht sich Gedanken zum Menschsein. Foto: Julian Röder
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Die Volksbühne und Metoo Etwas bewegt sich

Staatliche Ballettschule, Film- und Fernsehakademie, jetzt die Volksbühne: Alte Machtstrukturen brechen auf. Übergriffe und Missbrauchsfälle werden schneller sanktioniert.

Eine Zeitlang hatte man den Eindruck, Corona habe Metoo verdrängt. Es wurde stiller um das Thema Macht, Missbrauch und Männerdominanz im Kultur- und Medienbetrieb. Aber es steht jetzt wieder auf der Agenda. Und das nicht nur, weil sich „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt vor wenigen Tagen nach Vorwürfen aus der Belegschaft freistellen ließ. Und weil die Staatsanwaltschaft München den Regisseur Dieter Wedel wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung angeklagt hat, nach dreijährigen Ermittlungen infolge der von mehreren Schauspielerinnen erhobenen Vorwürfe im „Zeit“-Magazin.

Das Schweigekartell ist gebrochen, die Betroffenen melden sich zu Wort. Die Öffentlichkeit schaut nicht mehr weg. Und die Frage nach strukturellen Missständen wird nicht mehr nur gestellt, sondern zunehmend konkret angegangen.
Auch in Berlin hat sich viel getan. Man denke nur an die zügige Freistellung des Leitungsduos an der Staatlichen Ballettschule, Ralf Stabel und Gregor Seyffert, im letzten Jahr. Um deren – vom Gericht mittlerweile kassierte – Kündigung laufen zwar juristische Auseinandersetzungen.

Entscheidend ist jedoch, dass die jetzige Leitung der bisherigen „Kultur der Angst“ proaktiv den Kampf angesagt hat. Der Entwurf für ein neues Schulkonzept und ein Handbuch liegen vor, bei der Umsetzung des anspruchsvollen Pensums für künftige Profitänzer gibt es jetzt mehr Transparenz.

Auch das Kuratorium der Deutschen Film- und Fernsehakademie hat schnell reagiert, nachdem Dffb-Direktor Ben Gibson sich vor gut einem Jahr vor Studierenden entblößt hatte. Kavaliersdelikt oder schweres Fehlverhalten, darüber wurde nicht lange diskutiert, die Zusammenarbeit war nach wenigen Wochen beendet. Na ja, jeder macht halt mal Fehler – dieses Laissez-faire bei Führungspositionen ist keine Option mehr. Ein Paradigmenwechsel findet statt.

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Dafür spricht auch der Fall des Volksbühnen-Intendanten Klaus Dörr, der nur drei Tage nach Vorwürfen wegen wiederholt übergriffigem Verhalten sein Amt niedergelegt hat. Die Vertrauensstelle Themis spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie war im Zuge der internationalen Metoo-Debatte 2018 gegründet worden, mit einer Anschubfinanzierung des Bundes. In den ersten zwei Jahren gab es über 750 Beratungsgespräche, 85 Prozent der Anrufe kamen von Frauen. Rund zwei Drittel wollten anonym bleiben.

Sein Haus verfolgt eine "Null Toleranz"-Politik, sagt Kultursenator Klaus Lederer

Die Details, über die Kultursenator Klaus Lederer am Montag im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses berichtete, zeigen, wie Themis dazu beiträgt, dass die Politik beim Thema Machtmissbrauch Tempo macht – und machen kann. Lederer hatte am 18. Januar ein Schreiben von der Vertrauensstelle erhalten, noch am selben Abend forderte er seine zuständigen Abteilungsleiter auf, alle nötigen Schritte einzuleiten. Für den 21. Januar berief er dann eine dreistündige Videokonferenz mit den Betroffenen ein. Die Kulturverwaltung zog eine Anwaltskanzlei hinzu und vereinbarte anschließend mit den Betroffenen, welche zunächst vertraulichen Informationen im Gespräch mit Dörr verwendet werden dürfen.

Dieses Gespräch fand Anfang März statt, die Auswertung durch die Anwaltskanzlei läuft aktuell. Als Quelle kann nun auch der „taz“-Artikel vom vergangenen Wochenende genutzt werden, der die Sache an die Öffentlichkeit gebracht hatte.

Generell gilt ein klar geregeltes Verfahren für Fälle, die von Themis an die Kulturverwaltung herangetragen werden, Denn nach dem „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz“, so Lederer, muss die Behörde als Arbeitgeber sämtliche Arbeitsplätze diskriminierungsfrei halten. Sein Haus verfolge eine „Null Toleranz“-Politik und betrachte auch die strukturellen Dimensionen bei den betroffenen Institutionen, betonte er vor den Abgeordneten. Die Verwaltung habe ein „gutes Frühwarn- und Reaktionssystem“ entwickelt. Er will nun auch untersuchen, warum die an der Volksbühne vorhandenen Stellen wie Betriebsrat und Frauenbeauftragte nicht eingeschaltet worden seien.

Hartes Pensum für Profitänzer: Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin bei einer Aufführung 2017. Foto: dpa/ Christophe Gateau Vergrößern
Hartes Pensum für Profitänzer: Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin bei einer Aufführung 2017. © dpa/ Christophe Gateau

Gleichzeitig stellte der Senator klar, dass seine Behörde nicht befugt gewesen sei, früher aktiv zu werden. Aufgrund von Gerüchten über ein unangemessenes Verhalten Dörrs habe die Verwaltung nicht handeln dürfen. Als ihm ein Mitarbeiter der Volksbühne 2018 „beim Bier bei einer Premierenfeier“ von den Gerüchten erzählte, habe er diesem vielmehr gesagt, er möge doch die Betroffenen bitten, sich an die Verwaltung zu wenden. Das sei damals aber nicht geschehen.

Mit seinem Führungsstil hat Klaus Dörr sich Feinde in der Volksbühne gemacht

Dass es jetzt schnell ging, hat wohl auch mit den Vorgesprächen zu tun. Den Juristen in der Verwaltung war schnell klar, dass dem 60-jährigen Intendanten straf- oder arbeitsrechtlich wenig vorzuwerfen sein würde und Dörr sein Amt von sich aus vorzeitig aufgeben müsste - bevor er seinen Platz im Sommer ohnehin für René Pollesch räumt. „Nach außen war Herr Dörr sehr umgänglich, nach innen aber ein harter Hund“, sagte ein Politiker. Er möchte nicht genannt werden.

Nach dem Chris-Dercon-Debakel sollte Klaus Dörr die Volksbühne sanieren und die Mitarbeiterschaft wieder auf einen gemeinsamen Kurs bringen. Gleichzeitig steht Dörr für eine alte Form von Intendanz, einen eher autoritären Stil und straffe Hierarchien. Damit soll er sich auch Feinde in dem Haus am Rosa- Luxemburg-Platz gemacht haben. Dass sich mehr als zehn Personen meldeten, die unter seinem Verhalten gelitten haben, hätte aber viele überrascht, berichteten Kulturpolitiker dem Tagesspiegel, ebenso die Schwere der Vorwürfe.

Wenige Betriebe werden so autoritär geführt wie Theater, sagt Daniel Wesener von den Grünen

Die Tradition des Machismo steckt noch im Gemäuer vieler Theater, Kulturbetriebe, Medienhäuser und Ausbildungsstätten. Daniel Wesener, kulturpolitischer Sprecher und Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, betont: „Aufarbeitung ist das eine, aber diese Einzelfälle sind keine Einzelfälle mehr, darauf müssen wir politisch reagieren.“ Er spielt damit auf die Diskussion um Staatsopern-Generalmusikdirektor Daniel Barenboim an, auf die Rassismusvorwürfe am Staatsballett oder den Streit um die Ballettschule.

„Es gibt wenige Betriebe, die so autoritär geführt werden wie Theater, schon durch die Kombination von Zeitverträgen und Ein-Mann-Intendanzen,“ sagte Wesener dem Tagesspiegel. Man müsse überlegen, wie man Diskriminierung besser vorbeugen könne. Tandem-Intendanzen, Beratungs- und Ombudsstellen und mehr Vielfalt in den Chefetagen, Aufsichtsgremien und Ensembles seien denkbar.

Bei der Vertrauensstelle Themis, deren Finanzierung bald von den Arbeitgeberverbänden aus den Bereichen Bühne und Film übernommen werden soll, melden sich auch die Institutionen selber. Sie fragen, wie sie mit möglichen Fällen in ihren Betrieben umgehen können. „Das Wissen darüber ist leider nicht sehr groß“, sagte Eva Hubert vom Themis-Vorstand nun der Fachzeitschrift „Opernwelt“. Auch Hubert verweist darauf, dass „Grenzüberschreitungen und Gewalt kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem“ sind. Dass die Häuser selber Rat suchen, ist ein gutes Zeichen.
Wie viel Autorität braucht das Theater? Wie viel Demokratie verträgt die Musik? Wie viel fairer Umgang ist unerlässlich? Der Kulturwandel ist im Gange.

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