Gruppenbild mit Fahne. Kleiner Aufmarsch zur Bodenreform in der DDR. Foto: Arno Declair
© Arno Declair

"Die Umsiedlerin" am DT Bauernschlau im Fatsuit

Heiner Müllers Skandalklassiker „Die Umsiedlerin“ im Deutschen Theater.

Mit Lederjacke, Schiebermütze und einem drolligen Retro-Fahrrad steht der Schauspieler Jörg Pose als Parteisekretär Flint auf der Kammerbühne des Deutschen Theaters Berlin und benennt ein bekanntes realsozialistisches Problem: Ihm sei Angst, dass er vor lauter Parteiarbeit den Klassenkampf und den Kommunismus verpasse. Vor dieser selbstkritischen Apparatschik-Analyse, die Pose im astreinen Heiner-Müller-Versmaß über die Rampe transportiert, sind bereits Fahnen schwenkende Bauern-Chöre aufgetreten und schmissige Parolen à la „Junkerland in Bauernhand“ unters Volk gebracht worden: Anwehungen aus einer fremden Welt, die doch gerade mal ein gutes halbes Jahrhundert zurückliegt.

1956 hatte Müller im Auftrag des Deutschen Theaters begonnen, an einem Stück über die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR zu arbeiten: „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“. Allerdings benannte er die Probleme beim Aufbau des Sozialismus, die Konflikte zwischen Groß- und Neubauern, zwischen Idealismus und Opportunismus, Altlasten und Neu-Zeit für die DDR-Nomenklatura zu deutlich. „Die Umsiedlerin“ landete direkt nach B. K. Tragelehns Uraufführung an der Studentenbühne der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst im September 1961 im Giftschrank. Müller wurde infolge der Uraufführung aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und Tragelehn aus der Partei. Der Autor erhielt jahrelang keine Schreibaufträge mehr; der Regisseur musste sich in der Produktion „bewähren“ und wurde in einen Braunkohlentagebau geschickt. Erst 1976 gab es unter dem Titel „Die Bauern“ wieder eine Inszenierung, von Fritz Marquardt an der Berliner Volksbühne.

Diesen Skandal-Klassiker des DDR-Theaters haben Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am DT nun also wieder hervorgeholt. Seit ihrer gleichermaßen luziden wie unterhaltsamen Inszenierung von Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ vor neun Jahren kennt man die beiden Regisseure als Archäologen ostdeutscher Bühnen-Präzedenzfälle. Für den Hacks-Abend hatten sie Stück-Szenen mit kulturpolitischem Akten-Material konfrontiert und so ein ganz eigenes Bühnenformat geschaffen. Wolfgang Langhoffs Inszenierung von „Die Sorgen und die Macht“ 1962 am DT war ja aus ähnlichen Gründen – mitsamt des Regie führenden Intendanten – abgesetzt worden wie „Die Umsiedlerin“.

Müller im Crashtest

An den Müller-Fall gehen Kühnel und Kuttner nun allerdings anders heran. Sie verzichten auf die kulturpolitische Kontextualisierung und lassen das Stück quasi aus sich heraus wirken, indem sie es in einer Art Bühnen-Crasthtest den unterschiedlichsten Regie-Einfälle aussetzen. Da schieben und stepptanzen der Großbauer Rammler (Paul Grill) und der Mittelbauer Treiber (Markwart Müller-Elmau) als dickbäuchige Feindbild-Popanze mit ihren Fatsuits über die Szene, als wären sie geradewegs einer DDR-Musterinszenierung aus den 1970er Jahren entstiegen.

Im maximalen Kontrast dazu erscheint Almut Zilcher als Landrätin in einem bodenlangen roten Samtkleid, das sie ebenso zweifelsfrei aus der realsozialistischen Ackerfurche heraushebt wie ihre grandiose Deklamation von Heiner Müllers Text „Mommsens Block“.

Zudem wird gern thematisch naheliegendes (Schlager-)Liedgut à la „Ein Bett im Kornfeld“ eingespielt auf Jo Schramms schwarzweißer Show-Bühne, deren spiralförmig ineinander laufende Farbstreifen den Charme einer Zirkusmanege verströmen. Und wenn endlich die existenziell nötigen Traktoren aus der Sowjetunion eintreffen und stilisierte Pappmaché-Sonnenstrahlen aus dem Schnürboden herunterfahren, wie man sie von den Hemden der DDR-Jugendorganisation FDJ kennt, ist der Ironie-Kommentar zur kommunistischen Heilserwartung natürlich perfekt.

Außerdem gibt es, in brechtianischer Verfremdungsmanier, eine sehr unterhaltsame Videoeinspielung zur Debatte um die Repräsentation bestimmter Gruppen und Milieus in der (darstellenden) Kunst: Rainer Werner Fassbinder pariert den Vorwurf, die Arbeiter in seinen Filmen würden „nur übers Bumsen reden, saufen und ihre Konflikte mit den Fäusten austragen“, als Chronist der Bundesrepublik quasi aus dem anderen Gesellschaftssystem. Dass Kühnel und Kuttner ansonsten eng bei der Textvorlage bleiben und all die spektakuläre Dokumenten-Prosa, die aus dem Umfeld der „Umsiedlerin“ aktenkundig ist, außen vor lassen, überrascht natürlich zunächst. Zumal auch keine stringente Inszenierung entsteht.

Ironiefrei ist manchmal besser

Aber wenn man das akzeptiert und sich in diesen thematisch so entrückt wirkenden Abend erst mal eingeschaut hat, wird er interessant. Nicht nur wegen Müllers Sprache, sondern auch wegen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die agieren hier sämtlich auf Höchstniveau. Und schaffen immer wieder überraschend ironiefreie Momente, in denen, was bei derartigen Texten nicht allzu häufig passiert, wirklich um eine zeitgenössische Sicht gerungen wird.

Das beginnt mit Bernd Stempels Neubauer Ketzer, der seine Schulden an einen dickbäuchigen Mittelbauern nicht zurückzahlen kann und sich erhängt. Und es hört mit Frank Büttners großem Auftritt als Anarchist Fondrak nicht auf: In Unterwäsche zum Fellmantel poltert das arbeitsscheue Element seine schöne Idee vom Versorgungskommunismus mit Freibier für alle über die Rampe, um gleichzeitig nuanciert auf die von Linda Pöppel mit unglaublicher Gegenwartsdurchlässigkeit gespielte Umsiedlerin Niet einzugehen, die er geschwängert hat. In solchen Momenten hat man das Gefühl, die ganze Show des Abends, in der Kuttner natürlich wie immer auch selbst eine kleine Rolle übernimmt, werde einzig und allein deshalb aufgefahren, um sich zwischendurch mit offenem Ausgang solche leisen, ernst gemeinten Heutigkeitsforschungen leisten zu können.

Wieder am 14. und 19. April

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