Die Türen Foto: Markus Fiedler
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Die Türen im Festsaal Kreuzberg Gemeinsames Grooven zwischen Zuversicht und Angst

Julia Friese
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Musikmediation für Menschen fortgeschrittener Hörerfahrung: Die Türen stellen ihr neues Album „Exoterik“ im Festsaal Kreuzberg vor.

Vier zu einem großen Dreieck angeordnete kleine Dreiecke sind im Bühnenhintergrund zu sehen. Sie haben eine hypnotisierende Wirkung und stammen vom Cover des kürzlich erschienen Türen-Albums, das ebenfalls hypnotische Qualitäten aufweist. „Exoterik“ versammelt 19 Titel, die gemeinsam auf 112 Minuten Länge kommen. Es ist eine Mischung aus Krautrock, Electro und Pop, die wie eine musikalische Lavalampe unter seinem Dreieckscover herumwabert.

Die Texte bestehen aus kurzen Sätzen und Parolen. Leicht lassen sie sich mitsprechen oder -singen. „Exoterik“ ist eine Art Musikmediation für Menschen fortgeschrittener Hörerfahrung. Man atmet hier nicht in das körpereigene Sonnnengeflecht, man atmet aus. Etwa: „Ich habe keine Angst“. Skandiert dann aber wieder „Miete, Strom, Gas“, jene Trias, die in ihrer monatlich zu entrichteten „Selbstverständlichkeit“ natürlich doch wieder Angst macht. Aber Gegensätze, die machen ja Spaß.

Maurice Summen, der Kopf der Band, tritt in einem Maler-und-Lackiererzweiteiler auf die Bühne des Festsaal Kreuzbergs und verteilt in seiner ersten Amtshandlung Handtücher an seine Bandkollegen von Die Türen. Jener Band, wegen der er vor 15 Jahren das Berliner Label Staatsakt (Isolation Berlin, International Music, Christiane Rösinger) gründete. Neu dabei ist der von Ja,Panik geliehene Andreas Spechtl am Sequenzer und Keyboard, er folgt auf Michael Mühlhaus (Blumfeld, Kante).

Kein Konzert, ein Herzkreis

Maurice Summen winkt in die vertraute Menge aus Kollegen, Freunden, Fans – vermutlich steht mindestens ein Viertel des Saals auf der Gästeliste – dann schließt er die Augen, und gibt mit der größtmöglichen Gefühligkeit die Worte „Regional Express“ in das Mikro. Er singspricht sie so zärtlich, sie klingen wie der Name einer unerreichten Muse. Dazu breitet er die Arme aus, wie einst Jesu am Kreuz. Später dreht er sich immer wieder um, etwa zu Chris Imler an den elektronischen Percussions, um ihm, wie ein Dirigent, im Takt anzupeitschen. „Regional Express“ ist das erste Stück des Abends, und der Regionalexpress ist es wohl auch mit dem die Arbeit an dem neuen Album begann. Denn es entstand in einer Auszeit in der Uckermark, genauer in Temmen-Ringenwalde. Um 15 Uhr sprang die Band hier jeden Tag rituell zum Kaffee in den See. Mindestens einmal sei sie dabei der badenden Angela Merkel begegnet.

Das erzählt Maurice Summen auf der Bühne, kurz bevor er wieder einen der Exoterik-Songs anstimmt. „Information“ wird gespielt. „Abgehauen“ auch. Ältere Stücke etwa das weitaus textlastigere „Eier“ des Albums „Popo“, schaffen es nur in die Zugabe. Das neue Werk, es ist einfach zu lang, und in seiner musikverliebten Realitätsflucht auch zu anders, als die älteren, die weltlicheren Stücke. Was der Festsaal Kreuzberg an diesem Abend erlebt ist eben kein Konzert. Es ist ein „Herzkreis“, so brüllt es jemand aus dem Publikum gen Bühne. Ein Herzkreis, weil man sich kennt. Ein Herzkreis weil man Minutenlang zwischen Zuversicht und Angst miteinander groovt und lacht.

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