Die Nr. 1 im Jahr 2021. Die Philosophin Donna Haraway, hier 2013. Foto: Rusten Hogness/dpa
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Die Top 100 der Kunstwelt Ganz oben steht eine Philosophin, viele Berliner dabei

Nicola Kuhn

Die Zeitschrift Monopol kürt die einflussreichsten Personen der Kunstwelt. Wer konnte sich im zweiten Corona-Jahr profilieren?

Listen – ob zu Büchern, hippen Restaurants oder bezahlbaren Urlaubszielen – sind Lieblingslesestoff und deshalb ein bevorzugtes Angebot fürs Publikum. Noch höher aber rangieren Rankings mit Menschen, das Herz klopft schließlich mit. Das Jahresende ist traditionell die Hochzeit dieser Genres.

Das Kunstmagazin „Monopol“ legt jetzt schon seine „Top 100“ mit den wichtigsten Protagonisten:innen im zeitgenössischen Kunstbetrieb vor. Sie dürften nach einem weiteren Ausnahmejahr durch die Pandemie mit noch etwas mehr Spannung als sonst studiert werden. Wem ist es trotz der lahmgelegten Zeit gelungen, sich zu profilieren?

Dass die amerikanische Philosophin Donna Haraway den ersten Platz belegt, verwundert vor diesem Hintergrund kaum, liefert sie doch Gesellschaftsanalysen gespickt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen – genau das, was der Kunstbetrieb braucht und ihn stimuliert. Vor elf Jahren wurde die damalige Documenta-Macherin Carolyn Christov-Bakargiev noch belächelt, weil sie den Erdbeeren lauschte. Dank der Vordenkerin Donna Haraway und der durchschlagenden Kraft eines Virus aber haben wir mittlerweile gelernt, dass mehr Kräfte walten und wir der Tier- und Pflanzenwelt zuhören lernen sollten, wollen wir auf diesem Planeten gemeinsam überleben.

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Nachdem die „Monopol“-Redaktion diesen Theorieberg erklommen hat, saust sie genussvoll in die Niederungen des Name-Droppings hinab. Insbesondere Künstlerinnen haben es auf die Bestenliste geschafft. Gleich an zweiter Stelle steht Hito Steyerl, vor allem weil sie im September das Bundesverdienstkreuz ablehnte. Begründung: Die Politik habe Bildung und Kultur in der Pandemie im Stich gelassen. Schließlich ist es die nobelste Aufgabe der Kunst, Pfahl im Fleisch zu sein. Nach der Frankfurter Kuratorin Susanne Pfeffer folgt auf Platz vier gleich ein ganzes Kollektiv. 2022 findet die Documenta unter Regie von Ruangrupa statt. Dem indonesischen Kollektiv ist es schon jetzt gelungen, die Kunstwelt aus der Fassung zu bringen, indem es produktives Abhängen und Gemeinschaftlichkeit statt Starshooting propagierte. Die Vorschusslorbeeren sind verdient.

Viele Berliner dabei

Unter den Gelisteten befinden sich bemerkenswert viele Berliner:innen, was nicht erstaunt, sitzt „Monopol“ doch vor Ort. Die Redaktion macht gar keinen Hehl daraus, dass ihre Liste höchst subjektiv ist. Die „Top 100“ sind vor allem als Beitrag zur niemals endenden Debatte zu verstehen, was gute Kunst ist und sie bewirken soll, heißt es. Damit hat es auch Klaus Biesenbach auf Rang 46 gebracht – verbunden mit der Hoffnung, dass die provinzielle Berliner Museumsbürokratie an dem weltgewandten Kurator abprallt und er das macht, was Berlin dringend braucht: Ausstellungen auf internationalem Niveau.

Auch Kader Attias Platzierung auf die 18 ist als Anzahlung gemeint. Der französische Künstler mit algerischen Wurzeln bereitet die Berlin Biennale im kommenden Sommer vor. Garantiert geht es auch bei ihm um Raubkunst. Passenderweise grüßen Bénédicte Savoy und Felwine Sarr von Rang neun herüber. Das US-Magazin „Time“ nominierte die französische Kunsthistorikerin und den senegalesischen Sozialwissenschaftler erst jüngst für ihre Liste der „100 Most Influential People in the World“. Wenn es gut – oder sehr schlecht – läuft in der Kunst, lässt sich damit auch die Welt erobern, zumindest deren Ranglisten.

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