Am Ende scheint die Gattungsbezeichnung "Symphonie" nur mehr Tarnung zu sein

Bleibt alles anders. Simon Rattle dirigiert auch Selbstentfremdungen. Foto: picture alliance / dpa
Die Sibelius-Abende der Berliner Philharmoniker So nah, so fremd

Erstens klingeln uns von den ersten beiden Abenden tatsächlich noch die Ohren. Die vielen modalen Klänge, durch die sich so wenig Farbe einstellen will! Die Satzenden, die wie abgebrochen wirken! Die schlicht wirkenden, tatsächlich aber wenig prägnanten, sogar ausfasernden Themen, die das Zuhören so schwierig machen! Die Crescendi, die, viel deutlicher noch als die harmonischen Wendungen, als formale Mittel eingesetzt werden! Oder die Zuneigung des Komponisten zu den Bass-Streichern und Holzbläsern, dagegen der reduzierte Zugriff auf das Blech! Auch die Aufsprengung der Sätze irritiert, dergestalt, dass bereits in den frühen Symphonien von Affekteinheit oft keine Rede mehr sein kann, zuletzt in der Siebten sich alles vermischt, auch wenn gerade diese Symphonie wegen ihrer Leichtigkeit und der Abkehr vom Modalen charmant, ja französisierend klingt.

So wirken diese Stücke in der Gesamtschau wie Para-Symphonien – es braucht zwar ein ganzes Orchester dafür, sie klingen auch symphonisch, doch am Ende scheint die Gattungsbezeichnung kaum mehr als Tarnung zu sein. Damit stellt sich allerdings auch die Frage nach dem Warum. Wieso, weshalb nehmen die Berliner Philharmoniker eine solche Gewalttour auf sich?

Nun, erstens wird in diesem Jahr der 150. Geburtstag von Jean Sibelius gefeiert, der außerdem in Berlin mit der Arbeit an seiner Ersten begann. Auch wird erzählt, Rattle erfülle sich mit der Konzertreihe, die die Philharmoniker bereits 2010 einmal durchlaufen haben und die demnächst in London wiederholt wird, einen eigenen Geburtstagswunsch zum Sechzigsten. Das ist in Ordnung, schließlich muss es nicht immer ein Theaterabo oder eine Lastwagenladung Champagner sein. Überdies könnte man auch darauf kommen, dass das Publikum selbst solche Intensiverfahrungen erheischt, schließlich reagiert es auch andernorts mit Wohlwollen auf die Vorführung von Komplettem (und Kanonisiertem).

Vor allem aber drängt sich der Gedanke auf, Sir Simon wolle mit diesen Symphonien nicht nur sein persönliches Lieblingsrepertoire realisieren, sondern noch einmal erziehen, noch einmal tief in die Spielkultur des Orchesters eingreifen. Denn auch der Entvertrautmachung scheinen diese drei Abende zu dienen, der bewussten Selbstentfremdung von den gewohnten Fährten und Spieltechniken, die ein Ausflug in die bekannten Gefilde des anderen (des Alten, des Neuen) in dieser Effizienz eben nicht bieten kann. Sieben Symphonien von Jean Sibelius unter einem Dirigenten, der sich nicht nur gegen sporadische Einwände im Vorfeld, sondern auch im Konzert durchzusetzen weiß, das bedeutet nichts anderes als einen sanften Kasteiungsprozess. Ist das gut, ist das schlecht für die Berliner Philharmoniker? Es ist vor allem interessant. Und sicher hilfreich auf dem Weg Richtung ‚Multifunktionsorchester‘.

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