Fiktionen über Fiktionen. Der südafrikanische Erzähler J. M. Coetzee. Foto: Philippe MATSAS/Opale/Leemage/laif/S.Fischer
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"Die Schulzeit Jesu" von J.M. Coetzee Sohn zu sein ist ziemlich schwer

Blasphemie in ihrer diskretesten Form: J. M. Coetzee setzt seine Jesus-Trilogie mit dem Roman „Die Schulzeit Jesu“ fort.

Vom Ende her wird sich das Rätsel, das auch der zweite Band von J. M. Coetzees Jesus-Trilogie aufgibt, wahrscheinlich in Luft auflösen. Wie Schuppen wird einem, um ein Bild aus der Apostelgeschichte zu verwenden, von den Augen fallen, welchem heilsgeschichtlichen Plan der Protagonist dieser Romane folgt. Solange die Wege des Herrn über dieses Erzähluniversum aber unergründlich bleiben, weil das erlösende Finale aussteht, irrt David, ein seltsam altkluger und aufmüpfiger Junge, der von sich nicht viel mehr zu wissen scheint, als dass sein Name nicht sein richtiger Name sei, selbst noch im Dunkel seiner Existenz herum.

Auch die beiden Elternfiguren, die ihn dabei begleiten, haben keinen Schimmer, in welche Nöte der obstruktive Hochmut ihres Schützlings sie noch bringen mag. Simón, der Vater, der kein Vater ist, weil er David auf dem Schiff, das sie ohne Erinnerung an ihre Herkunft in das schäbige, in jeder Hinsicht elementare Reich ihres neuen Lebens gebracht hat, nur unter seine Fittiche genommen hat. Und Inés, die Mutter, die keine Mutter ist, weil Simón ihr diese Rolle nur zugewiesen hat: Auch wenn der Heiligen Maria Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt ihres Sohnes nicht vor Augen standen, wusste sie nach der Verkündigung doch genauer über die Menschwerdung Gottes Bescheid als diese graumäusige Erziehungsberechtigte.

„Die Schulzeit Jesu“ begibt sich tief hinein in die Vorgeschichte eines möglichen Weltenretters, in eine Phase, über die sich die Bibel weitgehend ausschweigt. Noch „Die Kindheit Jesu“, der Auftakt des Zyklus, ging mit christologischen Bezügen sparsam um: Davids Aussage „Ich bin die Wahrheit“ war geradezu ein Paukenschlag. Im zweiten Teil verdichten sich die Anspielungen sanft, mit Figuren wie den Drei Schwestern, die einen fernen Anklang an die Heiligen Drei Könige enthalten. Oder mit Ereignissen wie einer auf die Herodes-Zeit verweisenden Volkszählung, der die Patchworkfamilie entkommen will, nachdem sie aus Novilla, der Hauptstadt ihres Landes, ohne behördliche Genehmigung nach Estrella geflohen ist. Dort will sie den Schulabbrecher David vor den Fängen einer Erziehungsanstalt schützen.

Ein Mann aus Papier

„Er, Simón“, wie es in fast unauflöslicher Verklammerung von Namen und Personalpronomen von dem heißt, aus dessen Perspektive das Geschehen geschildert wird, ist bei allem Ärger, den er sich mit David eingehandelt hat, weitaus mehr beobachtende Hülle als ein von massiven Regungen durchzucktes Wesen. Er ist, wie ihm eine andere Figur einmal an den Kopf werfen wird, ein „Mann aus Papier“. Der dies sagt, ein gewisser Dmitri, riecht aber auch gewaltig nach Buch. Als oberster Museumswärter von Estrella eingeführt, verwandelt er sich vom ungepflegten Faktotum in den Mörder der schönen Ana Magdalena Arroyo, die zusammen mit ihrem Mann, dem Orgel spielenden Juan Sebastián Arroyo die in ihrer Zahlenmystik sektenhafte Tanzschule führt, in die David eintritt.

Dmitri, der mit seinem Opfer in einer leidenschaftlich paradoxen, von Erfüllung und Versagung geprägten Liebe verstrickt war, kommt mehr oder weniger geradewegs aus Dostojewskis „Brüdern Karamasow“. Er tut alles, um mit der um Reue und Vergebung kreisenden Selbstzerfleischung mitzuhalten, die der berühmte Vorgängerroman betreibt. In Gestalt des Tanzschuldieners Aljoscha verpasst ihm Coetzee sogar einen weiteren Bruder Karamasow. Und so, wie er sich hier ein wichtiges Motiv nimmt, bedient er sich dort der Namen von Johann Sebastian Bach und dessen zweiter Frau Anna Magdalena in hispanisierter Form, ein Augenzwinkern in Richtung der Bachschen Numerologie eingeschlossen.

Namen sind für Coetzee (sprich: Kud-zi-e) Schall und Rauch, Figuren bloße Spielsteine, die auf dem Brett des Erzählens herumgeschoben werden – beide allerdings mit Erinnerungen behaftet, wie sie jeder kulturelle Kontext mit sich bringt. Und so ist die Jesus-Trilogie vielleicht die verwegenste Überschreibung im metafiktionalen Kosmos des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers, die es jemals gegeben hat. Umfassender als „Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe“, mit dem er Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ aus seinem gebieterischen Klassikerstatus entrückte und in seiner kolonial geprägten Gemachtheit zeigte. Und erschöpfender als „Der Meister aus Petersburg“, seine ausdrückliche Dostojewski-Hommage, in der er Fjodor Michailowitsch den Tod eines Stiefsohnes andichtete und darin den Verlust seines eigenen Sohnes verwand.

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