Kinderfragen, letzte Fragen

Fiktionen über Fiktionen. Der südafrikanische Erzähler J. M. Coetzee. Foto: Philippe MATSAS/Opale/Leemage/laif/S.Fischer
"Die Schulzeit Jesu" von J.M. Coetzee Sohn zu sein ist ziemlich schwer

Hier geht es dem buchstäblich heiligsten Text der westlichen Überlieferung mit apokryphen Ergänzungen an den Kragen. Coetzees so wüstes wie kalkuliertes Hantieren mit literarischen Versatzstücken erzählt von der Verfertigung religiöser Entwürfe aus dem Kuddelmuddel dramaturgischer Zutaten – bis hin zum Märchen vom Dschinn und den drei Wünschen. Der schöpferische Zweifel, der sich daraus ergibt, ist der nach der Unterscheidbarkeit seriöser und weniger seriöser Glaubenssysteme im großen Nebeneinander der Weltanschauungen. Man kann das für Blasphemie in ihrer diskretesten und intelligentesten Form halten. Sie aber wird von der Erkenntnis im Zaum gehalten, dass es der Menschheit nur wenig hilft, sich den Fiktionsgehalt ihrer Religionen zu vergegenwärtigen. Sie wird stets aufs Neue dieselben alten Fragen stellen, Kinderfragen und letzte Fragen in trauter Eintracht. Und so an den Haaren herbeigezogen manche Antworten ausfallen mögen, so sehr verzehrt sie sich nach ihnen.

Was zählt mehr: Mensch oder Maschine? Was sind innere Qualitäten? Und ist die Gattung, die sich die Erde untertan machen sollte, tatsächlich der Maßstab aller Dinge oder nur der gewaltsam Vermessende, wie das Werk des fiktiven, Züge von Protagoras, Platon und Aristoteles tragenden Philosophen Metros doppeldeutig fragt?

Ein Kinderbuch für Erwachsene

„Die Schulzeit Jesu“ ist von daher wieder ein großes Kinderbuch, das allerdings nur Erwachsene angemessen verstehen werden. Zumindest an der Oberfläche begibt es sich auf jene Vereinfachungsebene, die David mit einem altersgemäß eingekürzten und aufbereiteten „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes kennenlernt: ein Roman, aus dem er sein Vokabular bezieht und einen Teil seines Wissens.

Coetzee, ohnehin ein Freund ausgenüchterter, straffer Sätze, die in ihrem Dauerpräsens kein Gramm Nebensatzfett zu viel ansetzen, hat dazu die Bildlichkeit seiner Sprache noch einmal heruntergedimmt. Das auf einen Basiswortschatz rückführbare Englisch seiner Dialoge, die ihm zufolge wie aus einem unvollkommen beherrschten Spanisch übersetzt klingen sollen, entwickelt seine philosophischen Dialoge nun in einem entsprechend schmucklosen Deutsch. Es ist die Entsprechung zu der farblosen Grundversorgung, die Coetzee seinem Land szenisch angedeihen lässt.

„Algunos dicen: Nunca segundas partes fueron buenas“, lautet das dem „Don Quijote“ entnommene und schon dort selbstreflexiv ironisch gemeinte Motto des Romans: „Manche sagen: Zweite Teile waren noch nie gut.“ Man mag über die unverfrorene Zitiersucht von Coetzees Bricolage den Kopf schütteln. Im Blick auf die Absurdität des biblischen Plots, den er damit umspielt, ist „Die Schulzeit Jesu“ nicht nur ein funkelndes Intermezzo. Sie ist der zweite Schritt, ohne den es keinen dritten geben kann.

J. M. Coetzee: Die Schulzeit Jesu. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 317 Seiten, 18,99 €.

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