„Das Aufregendste, was wir je gefunden haben“, sagt der Prähistoriker Mike Parker Pearson. Foto: dpa
© dpa

Die Schleifspur der Steine Material aus Stonehenge stammt von älterer Kultstätte

Erstaunliche Erkenntnisse zum rätselhaften Bau aus der Jungsteinzeit: Teile des Monuments standen offensichtlich einst in Wales - 140 Meilen entfernt.

Vier Monolithe und ein paar leere Steinlöcher faszinieren erneut ganz Großbritannien und den Rest der Welt. Sie sind Teil eines jüngst in Waun Mawn nahe der Preseli Hills in Wales entdeckten, abgebauten Steinkreises mit einem Durchmesser von 110 Metern. Der neue Fundort liegt in der Nähe der Steinbrüche, die für Stonehenge genutzt wurden. Das Faszinierende ist, dass etliche der Steine, die einst in den neu entdeckten Löchern von Waun Mawn standen, sich heute 140 Meilen weiter östlich in Stonehenge wiederfinden. Damit wäre der Steinkreis von Wales einer der größten Großbritanniens und auch der älteste, denn Stonehenge wurde erst rund 400 Jahre später errichtet. Wie die Riesen transportiert wurden, weiß niemand.

Der Prähistoriker Michael Parker Pearson vom University College London (UCL) stellt in einem jetzt veröffentlichten Artikel in „Antiquity“ (Cambridge University Press) eine Verbindung zwischen Waun Mawn und dem berühmten Stonehenge her, dessen äußerer Graben exakt den gleichen Durchmesser hat wie der Kreis von Waun Mawn.

Dass Stonehenge mit Steinen einer älteren Kultstätte aufgebaut sein soll, hat schon der Geistliche und Gelehrte Geoffrey of Montmouth (1100-1154) in seiner Chronik „History of the Kings of Britain“ (ca. 1136) behauptet. Der Zauberer Merlin habe den Steinkreis „Giants Dance“ auf dem mythischen Mount Killaraus nach dem Sieg über die Iren abbauen und in Stonehenge wieder aufbauen lassen. Da Geoffreys Chronik aber auch sagenhafte Elemente enthält, hatten Historiker dieser Geschichte keinen Glauben geschenkt. Die in der Sage beschrieben Angelsachsen kamen erst 700 Jahre vor Geoffrey in die Gegend und nicht schon 3200 Jahre vor Christus.

Das undatierte Handout-Foto vom Antiquity Journal zeigt Waun Mawn. Foto: Antiquity Journal/PA Media/dpa Vergrößern
Das undatierte Handout-Foto vom Antiquity Journal zeigt Waun Mawn. © Antiquity Journal/PA Media/dpa

Baubeginn um 3200 vor Christus

Aber, so Parker Pearson, die Gegend um die Preseli Hills stand damals unter irischer Herrschaft. Und dass die gefleckten Dolerit-Blausteine aus den Steinbrüchen der Preseli Hills in West-Wales stammen, hatte Parker Pearson schon 2015 in dem „Stones of Stonehenge“-Projekt erforscht.

Vor rund 100 Jahren hatte der britische Geologe Herbert Thomas festgestellt, dass die Dolerit-Blausteine von Stonehenge aus West-Wales stammen müssten und dort einmal einen „verehrten Steinkreis“ gebildet hätten. Doch dieser Spur war man lange nicht nachgegangen. Durch die Untersuchung von Blaustein-Megalith-Steinbrüchen in Wales kamen die Forscher durch die zeitliche Einordnung nun auf die vier Monolithe von Waun Mawn zurück, von denen nur noch einer steht, die anderen liegen. Auf Grund der Bodenbeschaffenheit erwiesen sich die üblichen Methoden wie Magnetresonanz oder Bodenradar als wenig ergiebig, so blieb nur die archäologische Handarbeit mit Hilfe von Testschnitten.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Bei diesen Untersuchungen eines angenommenen Bogens, die unter anderem auch von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wurden, stießen die Prähistoriker 2017 und 2018 auf mehrere leere Steinlöcher, die den Schluss zuließen, dass hier einmal ein Kreis von 30 bis 50 Steinen gestanden haben muss. Mit Hilfe der optisch stimulierten Lumineszenz (OSL) konnten die Sedimentablagerungen in den Steinlöchern datiert werden. Mit einigen Holzkohleproben ermittelte man einen Baubeginn um 3200 vor Christus.

Luftbild von Waun Mawn. Foto: Antiquity Journal/PA Media/dpa Vergrößern
Luftbild von Waun Mawn. © Antiquity Journal/PA Media/dpa

Das ungewöhnliche fünfeckige Loch

Die vier gefundenen Steine stammen aus der Nachbarschaft. Neben einem ungewöhnlichen fünfeckigen Loch wurde eine Steinflocke gefunden, die wohl beim Abtransport abgesprungen ist. Genau solch einen Stein mit dem seltenen fünfeckigen Grundriss findet man in Stonehenge. Zudem haben die Blausteine von Stonehenge ähnliche Abmessungen wie die von Waun Mawn.

Ohne die vier Steine „hätten wir die Steinlöcher des Kreises nie gefunden, und ich bezweifle, dass Archäologen noch in den nächsten Jahrhunderten darüber gestolpert wären“, sagte Mike Parker Pearson dem „Guardian“. Dabei hatte man die vier Steine von Waun Mawn schon 1925 untersucht, aber auf Grund der Lage die Idee, dass es sich um Überreste eines Steinkreises handeln könnte, als „zweifelhaft und falsch“ verworfen. Ganz anders verfuhren nun Parker Pearson und sein Team. Systematische Probegrabungen führten zum Erfolg.

Zwei Steinlöcher in Waun Mawn deuten darauf hin, dass die einst darin verankerten Monolithe, quer zum Kreis angeordnet waren. Sie formten eine Art „Schießscharte“ und bildeten so einen Eingang. Von der Mitte des Kreises aus betrachtet, „ging in der Jungsteinzeit die Mitsommersonnenwende-Sonne innerhalb dieses Eingangs auf, zwei Grad rechts vom westlichsten der beiden Monolithe“, schreibt Parker Pearson in „Antiquity“. Damit ist eine weitere Parallele zu dem 400 Jahre später erbauten Stonehenge gelegt.

Befunde werfen nun neue Fragen auf

Die Archäologen gehen davon aus, dass nicht alle 80 Blausteine in Stonehenge aus Waun Mawn stammen. Eher scheint es so, dass mit Monolithen aus Waun Mawn an die Vorfahren erinnert werden sollte und weitere Steinkreise aus Wales Baumaterial für Stonehenge geliefert haben könnten.

Diese Befunde werfen nun neue Fragen auf. Warum sollten sich die Menschen aus West-Wales mit ihren Tieren und heiligen Steinen auf den Weg nach Stonehenge gemacht haben? Gab es klimatische, wirtschaftliche oder gar politische Gründe? Herrschte ein Machtvakuum in der Ebene von Salisbury, das zur Übernahme förmlich einlud? Die Antworten dazu müssen weitere Untersuchungen ergeben. „Ich erforsche Stonehenge nun schon seit 20 Jahren und das ist wirklich das Aufregendste, was wir je gefunden haben“, sagte Mike Parker Pearson dem „Guardian“. Rolf Brockschmidt

Zur Startseite