Dale Dickey bezeichnet sich selbst als "geerdete Naturfrau vom Land, aus dem Arbeitermilieu". Foto: Cow Hip Films
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Die Schauspielerin Dale Dickey im Interview „Ich habe kein Gesicht für eine Leading Lady“

Dale Dickey ist eines der einprägsamsten Gesichter im US-Independentkino. Auf der Berlinale spielt sie in „A Love Song “ erstmals eine Hauptrolle.

Dale Dickey, 60, spielte in zahlreichen Serien wie „My Name is Earl“, „Breaking Bad“ und „Gilmore Girls“ mit, in Kinofilmen wie „Iron Man“ und „Regression“. Besonders gefeiert wurde die Charakterdarstellerin, die immer wieder am Broadway auf der Bühne steht, für ihre Rolle der Familienmatriarchin Merab in dem Drogendrama „Winter’s Bone“ . In „A Love Song“ ist sie nun erstmals in einer Hauptrolle zu sehen. Dickey spielt die vor Jahren verwitwete Faye, die an einem einsamen See campt und auf ihren ebenfalls verwitweten Jugendfreund (Wes Studi) wartet, in der Hoffnung auf eine neue Liebe. Das sparsam erzählte Regiedebüt von Max Walker-Silverman wurde schon bei seiner Premiere auf dem Sundance Filmfestival im Januar euphorisch aufgenommen und läuft nun im Panorama der Berlinale.

Ms Dickey, Sie sind eine erfahrene Schauspielerin. Aber so groß wie in „A Love Song“ waren Sie noch nie auf der Leinwand zu sehen. Wie kommt’s?
Dale Dickey: Ich war tatsächlich ziemlich nervös, hatte noch nie eine Hauptrolle gehabt. Aber Max hat mir einen wunderschönen Brief geschrieben....

Sie sind 60 Jahre alt, Ihr Leben lang im Business – und haben noch nie eine Hauptrolle gespielt?!
Auf der Bühne schon, aber nicht im Film. In Hollywood repräsentiert dies (sie zeigt auf ihr Gesicht) keine Leading Lady. Nicht mal eine Akademikerin. Ich hab’ meine Agentur gefragt: Kann ich nicht mal eine Ärztin oder Anwältin spielen?   Nein, haben sie geantwortet, so sehen die dich nicht.  Also habe ich mein „folk tribe casting“ akzeptiert. Ich bin ja auch eine geerdete Naturfrau vom Land, aus dem Arbeitermilieu. So durfte ich einige starke, zähe Figuren spielen. Aber ich hatte nie die Chance, diese introspektive Emotion und Stille zu verkörpern, nach der ich mich immer gesehnt habe. Ich wollte sehen, ob ich das kann.

In „A Love Song“ tragen Sie den Film fast allein. Sie sitzen mit Ihrem spärlich ausgestatteten Campingwagen an einem See, in der Weite von Colorado mit einem unglaublichen Licht, warten auf Ihre alte, möglicherweise neue Liebe – und sehen aus wie ein echter Mensch. Eine Frau, die so alt ist wie Sie sind.
Als ich, nach zwölf Jahren in New York, nach Los Angeles umzog – da war ich noch jung - sagten mir viele: Mach das nicht! Du hast nicht das Aussehen. Lass nicht zu, dass sie dich verändern. Du bist glücklich mit dem Gesicht, das du hast, und wirst mehr Arbeit kriegen wenn du älter wirst.

Haben Sie was verändert?
Nein. Ich hab schon als Kind Theater gespielt, das hab’ im Blut, ich kann gar nicht damit aufhören. Aber ich habe schon vor langer Zeit akzeptiert, dass ich keine Hollywood-Hauptdarstellerin werde. Ich hoffe, dass Hollywood sich ein bisschen ändern wird. Alte Männer mit Falten haben sie schließlich seit jeher gezeigt.

Aber keine Frauen.
Von denen erwartet man, dass sie anmutig altern. Nun – so war’s bei mir nicht. Ich fand es wunderbar, was ein Kritiker jetzt über mich geschrieben hat: „Glorreich zerfurcht.“ (Lacht.) Gott sei Dank hat mein faltiges Gesicht funktioniert. Es gibt einige tolle Schauspielerinnen, die bildschön sind und so bleiben müssen. Ich bin dankbar, eine Chance bekommen zu haben, zu zeigen, dass es auch anders funktionieren kann. 

Wurden Sie denn je gedrängt, Ihr Aussehen zu ändern?
Ich habe Probleme mit der Haut, deswegen gehe ich regelmäßig zur Dermatologin, die mir hilft. Sie läuft immer mit einer Botoxspritze hinter mir her, und jedes Mal sage ich: Nein! Das würde dämlich aussehen in meinem Gesicht. Und meine Zähne stehen so, dass viele denken, ich hätte gar keine. Aber mein Zahnarzt meint, wenn ich dein Gebiss verändere, wirst du nie wieder Arbeit finden. Viele Jahre habe ich mich sehr unsicher gefühlt, gedacht, ich bin nicht hübsch genug. Aber ich habe weitergemacht.

Im „A Love Song“ passiert kaum was, und es wird noch weniger gesprochen. Wie haben Sie diese Stille vor der Kamera ausgehalten?
Die hat mich erst mal sehr nervös gemacht, weil ich so was noch nie spielen durfte. Ich hatte immer Rollen, wo ich reinkomme und dann wieder verschwinde. Aber ich wusste, dass ich das emotionale Make-Up dafür habe. Und Max habe ich vertraut, mich sicher gefühlt.

Sie waren aber nicht allein. Bedeutet Filmen nicht immer Rummel?
Wir haben mit einem ganz kleinen Team gearbeitet, die meisten sind Freunde und Familie von Max. Diese Form der Intimität kann ich mir in einem Film mit Riesenbudget und 200 Leuten um dich herum nicht vorstellen. Eine kleine Crew und dieses Riesenuniversum um dich herum: Das machte es einfacher, ruhig zu und zu schweigen.

Ihre Figur, Faye, scheint ein sehr schlichtes Leben zu führen.
Solche Menschen werden schnell als uninteressant abgestempelt. Aber nicht jeder ist dafür gemacht, in der Großstadt zu leben. Ich bin in Knoxville, Tennessee, in der Nähe der Berge aufgewachsen, ich liebe die Outdoor-Welt! So oft es geht, fahre ich raus aus L.A. und gehe mit meinem Mann zelten. In Colorado war es genauso: Die Landschaft füttert dich und deine Sinne - mit Schönheit, mit Geräuschen. Die Geschichten der Menschen, die am Rande stehen, werden im Kino selten gezeigt. Wir müssen die Tradition des einfachen Erzählens fortführen.

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Die Filmwelt, in der Sie sich dort bewegen, ist ungewöhnlich analog. Ihr Kinderfreud, gespielt von Wes Studi, fotografiert Sie mit einer richtigen Kamera, seinen Besuch kündigt er nicht mit einer Whats-App-Nachricht an sondern einem Brief – den ein Mann auf einem Lastenpferd bringt - , und der eintrifft, als er längst da ist.
Der Postbote ist meine Lieblingsfigur! In den Vereinigten Staaten wurden die Dienste  der Post immer weiter und weiter runtergeschraubt und beschnitten. Diese Art der menschlichen Verbindung, gerade in dieser Welt, wo es Leute gibt, die gar keinen Computer und kein Internet haben, ist ganz wichtig. Mein Vater ist so - Briefe bedeuten ihm wahnsinnig viel.

(„A Love Song“ läuft noch am 17.2. um 21 Uhr im Cineplex Titania, am 18.2. um 15 Uhr im Zoo Palast, und am 20.2. im Zoo Palast um 12.30 Uhr.

Sie sagen, dass Sie ein Naturmensch sind. Aber ist die Gegend dort in Colorado, wo der Regisseur auch herkommt und heute wieder lebt, nicht verdammt einsam?
Dort spürst du was Spirituelles, ob das für dich Gott ist oder eine andere höhere Macht. Wenn du allein in der Natur bist, begreifst du, wie klitzeklein wir alle sind. Ich habe das von klein an erlebt, deswegen habe ich in der Natur immer ein friedliches Gefühl, ein Gefühl der Ehrfurcht. Es macht demütig.

Am Ende des Films, als Ihre Figur traurig und verzweifelt ist, verlassen Sie ihren kleinen Campingplatz und klettern den Berg rauf.
Die Szene haben wir in der letzten Nacht gedreht. Ein paar Leute aus dem Team sind erst mal hochgegangen und haben gecheckt, ob wir das überhaupt schaffen, da hochzuklettern und gleichzeitig zu filmen. Ich bin doppelt so alt wie diese Kids! Auch wenn ich immer viel in den Bergen gewandert bin, da kamen wir an einigen beängstigenden Stellen vorbei. Es hat sich dann jemand an der einen, einer an der anderen Seite aufgestellt und aufgepasst, dass ich nicht  abstürze. Das war der wunderbarste Abschlussdreh, den ich je erlebt habe.  Es war Nacht und eiskalt, überall Sterne am Himmel – wir haben uns einfach auf den Boden gelegt und die Schönheit genossen, dieses Ortes, aber auch dessen, was wir gemacht hatten. Und dann haben wir uns alle zum ersten Mal umarmt. Wegen Covid haben wir ja die ganze Zeit Abstand gehalten. Keiner hat sich angesteckt. Es war ein wunderschönes Ende. 

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