Immersives Erlebnis. Yayoi Kusama inmitten ihres „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“, 1965 in der „Floor Show“ in der New Yorker Castellane Gallery. Foto: © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner
© © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner

Die Pandemie kurz vergessen Der Gropius Bau wird zur frühlingshaften „Kusama-Welt“

Yayoi Kusama ist eine der wichtigsten Performancekünstlerin unserer Zeit. Der Gropius Bau würdigt ihr Schaffen mit einer Retrospektive aus rund 300 Werken.

Frühlingsgefühle, der Wunsch, sich zu verströmen – all das liegt in der Luft und findet doch keine rechte Erwiderung in Zeiten von Corona. Ausgangssperren, Zugangsbeschränkungen, Abstandsregeln passen so gar nicht zu den gegenwärtigen Sehnsüchten. Jemand, der diese Impulse immer schon mehr als andere spürte und sich deshalb einen eigenen Kosmos frei von Restriktionen schuf, ist die japanische Künstlerin Yayoi Kusama. Ihre Ausstellung im Gropius Bau scheint die Botschaft der Stunde zu sein: Hebt die Grenzen auf, zumindest gefühlt, schwebt im Raum!

Doch so einfach ist es nicht, in die „Kusama-Welt“ einzutreten, wie Stephanie Rosenthal sie nennt. Die Direktorin des Gropius Bau hat die Ausstellung kuratiert, allen Widerständen zum Trotz. Denn ursprünglich sollte sie 2020 stattfinden, dann im März 2021. Jetzt endlich ist sie zu sehen nach all den Verschiebungen durch den Lockdown, wenn auch nicht so frei zugänglich, wie man es sich wünschen würde. Zeitfenstertickets, negative Corona-Tests stehen davor. Und wegen der Corona-Notbremse wird wohl alles wieder schnell geschlossen werden.

Umso fulminanter fällt der erste Eindruck aus, hat man es hineingeschafft. Im Lichthof empfängt den Besucher eine Installation aus rosafarbenen, gepunkteten Tentakeln, die sich bis unter die Decke strecken. Insgesamt sind rund 300 Werke auf 3000 Quadratmetern Fläche zu sehen. Mit Kusama wird eine Künstlerin für Deutschland wiederentdeckt, die eigentlich nie verschwunden war. In Japan gilt die 92-Jährige ohnehin als bedeutendste zeitgenössische Künstlerin.

In den USA, wo sie ab 1957 lebte bis zu ihrer Rückkehr 1973 nach Japan, nahm vor acht Jahren die Galerie David Zwirner sie unter Vertrag und vertritt sie seitdem international. Mit Erfolg: Ein beim Londoner Auktionshaus Bonhams in der Mai-Versteigerung angebotenes Konvolut aus drei Gemälden und acht Papierarbeiten ist mit 14 Millionen Dollar taxiert. Eingereicht haben es die Erben eines japanischen Arztes, der die Künstlerin 1960 ohne Honorar behandelte. Sie dankte es ihm mit Werken ihrer Frühzeit, die heute besonders gefragt sind. Kusama ist eine Größe auch auf dem Kunstmarkt.

„A Bouquet of Love I saw in the Universe“, so der Untertitel ihrer ersten institutionellen Retrospektive in Deutschland, ist eine Huldigung an eine der wichtigsten Protagonistinnen der Environment- und Performancekunst. Heute ist sie gleichauf mit Andy Warhol und Alan Kaprow zu nennen, deren Strategien sie teilte, wenn nicht sogar vorwegnahm. Jemand, der ihre Pionierrolle früh erkannte, war der Minimal-Künstler Donald Judd, der bei ihrer ersten Begegnung allerdings noch als Kritiker arbeitete und über sie schrieb. Um ihre Bedeutung für Environment und Performance zu unterstreichen, wurden für den Gropius Bau acht Ausstellungen der Jahre 1952 bis 1983 rekonstruiert.

„Infinity Mirror Room – Love Forever“ aus dem Jahr 1966. Foto: © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts Vergrößern
„Infinity Mirror Room – Love Forever“ aus dem Jahr 1966. © © YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts

Dabei stellt sich heraus, dass Deutschland für Kusamas Karriere eine wichtige Rolle spielte. So war sie 1960 zusammen mit Lucio Fontana, Otto Piene und Yves Klein in der Gruppenausstellung „Monochrome Malerei“ im Leverkusener Museum Morsbroich zu sehen. Seitdem trat sie immer wieder mit Vertretern der ZERO-Bewegung auf, die wie sie mit Licht, Spiegeln und optischen Täuschungen arbeiteten. Gemeinsam war ihnen das Kosmische, die Entgrenzung.

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Furios geriet ihre erste Einzelausstellung in Deutschland, 1966 in der Essener Galerie Thelen, die ebenfalls im Gropius Bau rekonstruiert ist. Damals waren in einem Raum ihre golden bemalten „Accumulations“ zu sehen, bei denen Gegenstände wie Tisch und Stuhl mit phallischen Weichskulpturen überdeckt waren; sogar aus Schuhen wuchsen die von ihr gefertigten Stoffobjekte heraus.

In einem anderen Raum standen vier Schaufensterpuppen, die sie wie die Wände mit ihren markanten Polka Dots, kreisrunde bunte Flecken, bemalt hatte. Auf dem Boden lagen Makkaronis verteilt. Die Künstlerin bekannte sich hier offen zu ihren Sex- und Nahrungsobsessionen.

Auch auf dem Gebiet der Diversität war sie Pionierin

Bei der Eröffnung trat Kusama stark geschminkt im rosafarbenen Kimono auf und rauchte eine gepunktete Zigarette. Ein Statement, mit dem sie ihre Verschmelzung mit dem Werk demonstrativ vorführte und die Besucher zugleich mit deren Voyeurismus ihr gegenüber als Asiatin konfrontierte. Auch auf dem Gebiet der Diversität, als feministische Künstlerin war Kusama Pionierin. Die Reaktionen fielen entsprechend geteilt aus. „Alles ist in dieser Ausstellung anders“, schrieb die Essener Tageszeitung. Unberührt ließ sie keinen.

Im gleichen Jahr trat Kusama auf der Biennale in Venedig auf, allerdings ohne offizielle Einladung. Auf einer Wiese vor dem italienischen Pavillon legte sie als „Narcissus Garden“ 1500 Plastikbälle mit spiegelnder Oberfläche aus, die sie an Besucher für 1200 Lire verkaufte. Das ging den Veranstaltern denn doch zu weit.

Die herbeigerufene Polizei beendete das Happening der cleveren Trittbrettfahrerin, die zu dem Zeitpunkt bereits zur bekanntesten Figur der Biennale avanciert war. Begegnungen mit der Polizei hatte Kusama schon zuvor bei ihren Body Painting Aktionen erlebt, ob bei ihrer Performance 1967 auf der Brooklyn-Bridge oder in einem Studentenzentrum in Delft. Abschrecken konnte sie das nicht.

Für Delft hatte sie auf einem Plakat mit der Ankündigung geworben: „Werde eins mit der Ewigkeit. Verlier dein Selbst. Werde eins mit der Umgebung.“ Wenn sich Kusama heute vor ihren jüngsten Gemälden fotografieren lässt, deren Muster in der Kleidung wiederkehren zu scheinen, so ist dies nur eine Fortsetzung ihres frühesten künstlerischen Konzepts: die Welt zu umarmen, in ihr aufzugehen. Eigentlich ein frühlingshafter Ansatz.

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