Cover der 119. Ausgabe von "Texte zur Kunst". Thema: "Anti-Antisemitismus" Foto: Texte zur Kunst
© Texte zur Kunst

Die neue Ausgabe von "Texte zur Kunst" Positive Ansteckungen

"Anti-Antisemitismus": Die neue Ausgabe der Zeitschrift "Texte zur Kunst" versammelt herausragende Analysen sogenannter Israelkritik.

Auf die Haltung zu Israel kommt es an. Wo heute, zum Beispiel in der Kunstwelt oder in akademischen Kontexten, von Israel die Rede ist, tauchen oft hochgradig irritierende Stereotype auf, wie sie eher der Rechten oder dem ideologisierten Islam zuzuschlagen wären.

Aber Antisemitismus, Antizionismus und Antijudaismus treiben unter dem Rubrum „Israelkritik“ erschreckende Blüten auch in linken Milieus und deren Protagonisten, ob bei Judith Butler, Slavoj Žižek, Gayatri Chakravorty Spivak oder Achille Mbembe.

Differenziert und couragiert widmet sich die aktuelle Ausgabe von „Texte zur Kunst“ mit herausragenden Beiträgen diesem Phänomen. (Nummer 119, herausgegeben von Isabelle Graw: Anti-Antisemitismus. Texte zur Kunst Verlag, Berlin, 2020. Zweisprachig deutsch und englisch, zahlreiche Abbildungen, 263 S., 16,50 €.)

Avantgarde, Gegenwartskunst, Analysen, Positionen: Jedes der seit 1990 vierteljährlich erscheinenden Themenhefte von „Texte zur Kunst“ ist ein Sammelband mit Substanz – und dieser hat es in sich.

Es gibt einen Gruppenzwang im Kulturbetrieb, so auch beim BDS

Was passiert im progressiven Raum, wenn „die Palästinenser*innen“ zum revolutionären, postkolonialen Subjekt verklärt werden, „Israel“ zur Chiffre wird für Jüdinnen und Juden, diese global in Kollektivhaftung genommen werden für die dort amtierende Regierung?

Aram Lintzel zeichnet in „Warum Israel“ den Wandel nach, durch den aus Solidarität mit Überlebenden der Schoah „antizionistischer Antiimperialismus“ wurde, der in die Kampagne „Boycott, Divestment and Sanction“ (BDS) mündete und den „Judenboykott“ als Vorstufe zur Massenvernichtung nicht mehr mitdenken will.

BDS als Synonym für den Prozess einer Empathieverweigerung steht im Zentrum mehrerer Essays, etwa bei Saba- Nur Cheema und auch bei Jörn Etzolds „Grenzen der Repräsentation“ zur Ruhrtriennale und der Debatte um Mbembe. Latent oder offen finden sich postkoloniale Positionen in Konkurrenz zur Schoah.

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Kolja Lindner weist nach, wie etwa Hourla Bouteldjas gefeierter Band „Whites, Jews and Us. Toward a Politics of Revolutionary Love“ in einen „politischen Abgrund“ führt. Bouteldjas Ausruf „Shoot Sartre!“ bezieht sich darauf, dass Sartres Allianz nicht nur den algerischen Befreiungskampf unterstützte, sondern auch Israel als Staat der Holocaustüberlebenden. Er werde deshalb als Zionist, als Weißer sterben: „He would die white.“

Auf „positive Ansteckungen“ mit dem Judentum hofft die feministische Rabbinerin Delphine Horvilleur im Gespräch mit Isabelle Graw und dem Tocotronic-Mastermind Dirk von Lowtzow, der Mitglied der Redaktion der Zeitschrift ist. Diese Ausgabe klärt exzellent darüber auf, wie der „Gruppenzwang im Kulturbetrieb“ entstand, wie etwa beim BDS. Sie könnte, sollte dazu beitragen, sich davon zu lösen.

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