Karin Schmidt-Friderichs (l), Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, verleiht Amartya Sen, indischer Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und Nobelpreisträger, der aus den USA zugeschaltet ist, in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Foto: Arne Dedert/dpa
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Die Friedenspreisverleihung in der Paulskirche Amartya Sen fordert globalen Widerstand gegen zunehmenden Autoritarismus

Die Bücher, die Freiheit und die Gerechtigkeit: Die Friedenspreisverleihung an den indischen Wirtschaftsphilosophen Amartya Sen in der Paulskirche.

Es ist ein trauriges Bild, das die Frankfurter Paulskirche am Sonntagvormittag bietet: viele, viele leere Reihen und vielleicht vierzig Menschen gerade auch an diesem Tag, an dem die Frankfurter Buchmesse im höchsten Maß feierlich beendet wird.

Und an dem die Branche sich mit der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels stets versichert, dass es ihr um mehr geht als profane Profitmaximierung, als um bloß erfolgreiche Bücher. Sondern um das Gewicht und die pragmatisch-intellektuelle Tragfähigkeit von Wörtern und Gedanken, um die Freiheit des Wortes und von Meinungen, um produktiven Streit und Debatten.

Der indische Wirtschaftsphilosoph Amartya Sen dürfte da in diesen Jahr ein idealer, geradezu prototypischer Friedenspreisträger sein, mit seiner Idee von Gerechtigkeit, seinen Überlegungen, individuelle Freiheiten neu zu bewerten und zu vergrößern, um so gegen soziale und globale Ungerechtigkeiten vorgehen zu können.

Nur passt es ins dunkelgedimmte äußere, von der Pandemie bestimmte Bild, dass nicht nur Sen selbst, der aus seinem US-amerikanischen Wohnort zugeschaltet wird, sondern auch sein Laudator Frank-Walter Steinmeier in der Paulskirche nicht live dabei sein kann: Der Bundespräsident ist in Quarantäne, einer seiner Beschützer hat sich mit dem Coronavirus infiziert.

Sen kritisiert die "extremistische Hindu-Politik"

Stattdessen ist der Schauspieler Burkhard Klaußner eingesprungen, um die Laudatio des Bundespräsidenten zu verlesen, „in diesen Zeiten, die das Herz schwer machen“, wie er vorab sagt. Steinmeier bezeichnet Sen als „Pragmatiker der Gerechtigkeit“, spricht von „weltweiter Sehnsucht“ nach Gerechtigkeit, dass diese „ein universelles Versprechen“ sei – um dann zu erörtern, wie in vielen Ländern der Welt die Demokratie und mit ihr die Menschenrechte erodieren. Weshalb er betont, wie zentral die Rolle ist, die Demokratie in Sens Vorstellungen von Gerechtigkeit und Freiheit einnimmt.

Es wirkt dann, als habe der 87 Jahre alte Amartya Sen gezielt auf Steinmeiers Laudatio reagiert, „seine Ausführungen haben mich inspiriert“ hebt er denn auch an. Sen vermeidet es, auf die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen vieler bürgerlicher Freiheiten einzugehen, der quasi naturgemäße „Preisträger dieses Corona-Jahrs“ zu sein, wie es Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs zu Beginn der Veranstaltung sagt.

Überschrieben mit dem Titel „Bücher und Freiheit“, dreht sich Amartya Sens geradlinige, unspektakuläre Rede vor allem um die „Pandemie des Autoritarismus“, um die Verletzung der persönlichen Freiheit und der politischen Freiheitsrechte, mithin um die repressiven Tendenzen gerade in der sogenannten freien Welt, den eigentlich demokratischen Ländern. Sen erwähnt – erwartungsgemäß – Ungarn, Brasilien und die USA und zeigt sich im letzteren Fall überrascht darüber, „auf wie viel Widerspruch – und manchmal auch Widerstand“ eine Protestbewegung wie Black Lives Matter „auch heute noch stößt, offen wie versteckt".

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Das Hauptaugenmerk jedoch legt er auf seine Heimat Indien. „Als stolzer indischer Bürger“ habe er „die traurige Pflicht darüber zu sprechen, wie autokratisch die Regierung meines eigenen Landes geworden ist.“ Er verweist auf Mahatma Gandhi und den indischen Literaturnobelpreisträger von 1913, Rabindranath Tagore, und dass diese beiden die Unterscheidung zwischen Hindus und Muslimen nie zu einer politischen Frage gemacht hätten.

Und beklagt, dass genau das seit langem wieder in Indien passiere, „die extremistische Hindu-Politik“ viel zu stark geworden sei und die indische Regierung rigoros gegen die Rechte der Muslime vorgehe, „bis hin zur Einschränkung ihrer Bürgerrechte im Vergleich zu Nicht-Muslimen.“

Kurz nur streift Sen seine Kindheit und Entwicklung. Er sagt, wie froh er gewesen sei, dass seine Leidenschaft für das Lesen nie „durch eine andere Tätigkeit verdrängt worden ist“ (ohne zu erwähnen, dass er als Kind einer Akademikerfamilie beste Voraussetzungen hatte); und er zitiert einen Onkel, der prophezeite, mit dem Ende der britischen Herrschaft würde auch „das Unrecht willkürlicher Inhaftierung“ ein Ende haben:„Leider hat es den Anschein“, so Sen fast resignativ, „als würde das Ende der britischen Herrschaft doch nicht ganz dafür ausreichen.“

Wieder kraftvoller schließt er seine Rede damit, dass „gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten“ sei „als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt“ – und dass dieser Widerstand „beseelt von Ideen und Büchern“ und immer ein gewaltloser sein müsse. Ob Amartya Sens Worte in den Ohren der Autokraten dieser Welt und in denen ihrer vielen Anhänger einen Widerhall finden werden?

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