Dercons Theater spiegelt die globale Stadt

Mut zum Experiment. Der ehemalige Museumskurator und neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon bricht mit deutschen Theatertraditionen - und setzt auf Trends aus der Kunstszene. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Die Dercon-Kontroverse und der globale Populismus Volk und Bühne

In Deutschland hat sich die Säkularisierung für die Demokratisierung nach 1945 als erstaunlich erfolgreich erwiesen. Das Land bleibt religiös geteilt zwischen Protestanten und Katholiken. Zuvor fungierte der Aufstieg des politischen Antisemitismus seit den 1870er Jahren bis zum „Dritten Reich“ zum Teil als Kompensation für die innerchristlichen Differenzen, die zugunsten der nationalen Einheit unterdrückt werden mussten. Die Säkularisierung brachte später nicht nur Religionsfreiheit mit sich, sondern auch die Garantie für eine öffentliche Sphäre, in der kulturelle Identitäten inklusive der religiösen Identitäten verhandelt werden können. So entstand die Angst vor dem Islam weniger als eine Angst davor, dass religiöse Räume untergraben würden, sondern als Angst vor der Bedrohung säkularer Räume.

Da die deutschen Bundesländer nach der Verfassung die kulturellen Institutionen finanzieren, kommt diesen eine große Bedeutung bei der Entwicklung von Identitäten und Differenzen zu. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts spielt keine Institution eine wichtigere Rolle im Aushandeln deutscher Identitäten als das Theater. G. E. Lessings Dramen und seine „Hamburgische Dramaturgie“ kombinierten das Revival der Tragödie nach Aristoteles – in einer modernisierten, bürgerlichen Variante – mit der säkularen Anwendung des Primats von Wort und Text. Dies ist eine grundlegende protestantische Vorstellung. Im katholischen Deutschland und in Österreich konzentrierte sich die Theaterpraxis viel stärker auf das Bild und auf das Spektakel, als irdische Repräsentation göttlicher Gnade.

Die Bayreuther Festspiele als säkularer Pilgerort deutscher Identität

Zwei Beispiele verdeutlichen, wie sich diese protestantisch-katholische Spaltung in der Welt des Theaters ihren Weg durch das 19. Jahrhundert bahnte und bis heute relevant bleibt. Als Richard Wagner im Jahr 1876 die Bayreuther Festspiele einweihte, schuf er eine säkulare Pilgerstätte als Quelle für die neue deutsche Nationalidentität. Indem sie sich allein der Aufführung von Wagners musikalischen Dramen widmete, griff die Bayreuther Idee auch auf die Aristotelische Vorstellung des Theaters zurück, des Theaters als Ort, an dem sich die Polis – umgestaltet zur Nation – versammelt, um sich selbst besser zu verstehen und sich dort auch erst zu gestalten.

Die Musik im musikalischen Drama, so Wagner, habe mit der Oper nichts zu tun (von der er meinte, sie sei genauso italienisch wie trivial). Sie sei vielmehr Ausdruck einer vollständigen Umsetzung des sinfonischen Erbes und der Bedeutung Beethovens – das Wort wird zur Musik, die Musik wird zum Wort. Bis zum heutigen Tage ist Beethovens Neunte Sinfonie das einzige vollständig im Bayreuther Festspielhaus aufgeführte Werk, das nicht von Wagner selbst stammt. Die Neunte, so wird es gemeinhin verstanden, vollziehe durch das Einfügen von Text im letzten Satz die Einheit von Musik und Wort.

Die Salzburger Festspiele repräsentieren die andere Seite. Eröffnet 1920 unter anderem von Hugo von Hofmannsthal, wollte Salzburg die „österreichische Idee“ zur Trägerin deutscher Kultur erheben – nach der Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg. Die Ästhetik sollte katholisch sein, barock, visuell. Um dies deutlich zu machen, überarbeitete Hofmannsthal sein früheres Stück „Jedermann“, das bis heute jedes Jahr auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt wird, und fügte ihm „Das Salzburger große Welttheater“ hinzu, das inzwischen keine Berücksichtigung mehr findet.

Das Theater als Ort, an dem kulturelle Identität gestaltet und ausgefochten wird? Kein aktuelles Beispiel ist in diesem Zusammenhang interessanter als die Kontroverse um Chris Dercons Auftakt an der Berliner Volksbühne, wo all die beschriebenen kulturellen und politischen Belange zusammenkommen.

Dercon rückt das Theater in Richtung Happening

Das „Volk“ in der Volksbühne verweist sowohl auf eine gesellschaftliche Klasse, auf das Theater des Volkes, als auch auf eine Nation, auf das Theater des deutschen Volkes. Damit steht die Volksbühne in der Tradition des Theaters des Worts von Lessing bis Brecht. Berlins Loyalität gegenüber Frank Castorf speist sich aus einer Verpflichtung gegenüber seiner Fusion kanonischer Texte (von Goethes „Faust“ bis zu Wagners „Ring“) mit der avantgardistischen oder auch post-dramatischen Praxis, die Integrität des Textes infrage zu stellen.

Auch wenn die Behauptung, Chris Dercon würde von diesem Erbe völlig abrücken, wahrscheinlich übertrieben ist, hat er diese Reaktion dennoch aggressiv herausgefordert. Dercon bewegte sich weg von beiden deutschen Traditionen – Theater als Wort und Theater als Spektakel –, hin zu dem Experiment des Theaters als Ereignis.

Erleben wir ein neues Versprechen von Inklusion oder die Auflösung lokaler Kultur?

Noch wichtiger ist vielleicht, dass sich Chris Dercon und seine Pläne für die Volksbühne den Fokus wieder stärker auf die „Bevölkerung“ rücken, im Gegensatz zum „Volk“. Es wäre gewiss nicht unangemessen, die Institution Volksbühne in ihrer momentanen experimentellen Phase als Berlins „Bevölkerungstheater“ zu bezeichnen. Seine Bühnen auf dem Tempelhofer Feld und am Rosa-Luxemburg–Platz spiegeln die globale Stadt, zu der Berlin geworden ist.

Ist das ein neues Versprechen von Inklusion oder die Auflösung lokaler und nationaler Kultur? Wir können es die Dercon/Haacke-Frage nennen. Es ist die wahrscheinlich wichtigste Frage, mit der Europa und die Vereinigten Staaten derzeit konfrontiert sind.

Aus dem Amerikanischen von Tina Reis.

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