Zu den Künstler:innen, die ab November in der Philharmonie spielen, gehört auch der Pianist Jan Lisiecki. Foto: Universal/Christoph Köstlin
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Die Berliner Konzertdirektion Hans Adler „Vielleicht kommen wieder goldene Zwanziger“

Ein Gespräch über die Zukunft der Klassik und der privaten Konzertveranstalter nach dem Lockdown mit Jutta Adler und Andreas Schessl.

Frau Adler, Herr Schessl, wie sind die privaten Kulturveranstalter durch die Krise gekommen?

ADLER: Der gesamten Branche hat die Möglichkeit zur Kurzarbeit sehr geholfen. Dadurch mussten wir niemand aus dem Team entlassen.

SCHESSL: Mit unserem Sozialsystem, das Instrumente wie die Kurzarbeit kennt, geht es uns wesentlich besser als beispielsweise unseren Kollegen in den USA. Dort ist sogar ein großer Player wie die Agentur Cami in den Konkurs gegangen. Gleichzeitig waren wir aber auch enttäuscht davon, dass sich die Politik in Deutschland in der Pandemie weniger für die Kultur interessierte, als wir uns das erhofft hatten.

Zudem konnten die privaten Veranstalter in der kurzen Phase im Spätsommer und Herbst 2020, als die staatlichen Institutionen mit minimaler Platzauslastung gespielt haben, keine Konzerte anbieten – weil sich das für sie finanziell einfach nicht gerechnet hätte.

ADLER: In der Tat fand das letzte Konzert, das wir veranstaltet haben, am 3. März 2020 in der Philharmonie statt. Im Herbst haben wir zwei Auftritte mit dem Freiburger Barockorchester durchgeführt – für die hatte das Orchester aber Fördergelder aus seiner Heimat mitgebracht.

SCHESSL: In München mussten wir im letzten Frühjahr wegen des Lockdowns einen Zyklus der Beethoven-Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern nach dem zweiten Abend abbrechen, das war extrem bitter. Seitdem haben wir fast weitere 800 internationale Konzerte abgesagt. Mir war allerdings gleich klar, dass es lange dauern würde. Wir haben uns damals darauf eingestellt, 18 bis 20 Monate lang nicht spielen zu können.

Sie planen die Wiederaufnahme Ihrer Berliner Konzerte im November. Sind Sie sicher, dass dann eine 100-prozentige Platzauslastung der Säle erlaubt sein wird?

ADLER: Es sieht im Moment ganz gut aus. Wir müssen spätestens im August wissen, wie die Vorgaben von Seiten der Behörden sind. In der Vorschau, die wir gerade an unsere Kunden verschickt haben, sind darum auch nur die Künstler und Konzertdaten genannt, die Angaben zu den Veranstaltungsorten und zu den Preisen fehlen noch. Erst wenn wir wissen, wie viele Zuschauer zugelassen sind und wie hoch die Saalmiete ist, können wir kalkulieren.

Werden die Preise steigen?

SCHESSL: Nein. Wir wollen ja, dass unser Publikum wiederkommt. Ganz wichtig aber ist für uns das Programm von Finanzminister Olaf Scholz, dass er im Januar angekündigt hat und das jetzt beschlossen wurde: ein Ausfallfonds, der uns Planungssicherheit gibt. Für den Fall, dass ein Saal aufgrund behördlicher Vorgaben nicht voll besetzt werden darf oder das Konzert abgesagt werden muss, wird der Staat finanziell helfen.

Andreas Schessl ist zusammen mit Reinhard Söll Geschäftsführer der Konzertdirektion Adler. Foto: Denise Medve Vergrößern
Andreas Schessl ist zusammen mit Reinhard Söll Geschäftsführer der Konzertdirektion Adler. © Denise Medve

Ich bin überrascht, wie geduldig die private Veranstaltungswirtschaft darauf gewartet hat, dass Scholz seine Ankündigung endlich wahr macht. Ich dachte, da müsste viel mehr Wut sein …

ADLER: Die haben wir auch, im Bauch! Denn Sie müssen ja bedenken, dass die Einschränkungen nicht nur die Künstler betreffen, sondern dass am Konzertbetrieb ein ganzer Wirtschaftszweig hängt, angefangen von Werbefirmen, Hotels, den Technikern, bis hin zu jenen, die abends die Tickets kontrollieren.

Werden die Leute denn wiederkommen, sobald es möglich ist? Was hören Sie von Ihren Abonnenten?

ADLER: Viele rufen uns an und wollen wissen, wie es uns geht und wann es weitergeht. Viele Kunden haben 2020 Gutscheine akzeptiert, die sie in der kommenden Saison einlösen werden. Unser Publikum war wirklich hilfsbereit, wir bauen auf die Treue unserer Abonnenten.

SCHESSL: Ich bin sehr optimistisch. Vielleicht erleben wir ja sogar wieder goldene Zwanzigerjahre.

Frau Adler, 2018 konnten Sie das 100. Gründungsjubiläum der Konzertdirektion feiern, jetzt aber haben Sie die Firma verkauft. War Corona schuld daran?

ADLER: Nein, nicht nur. Meinem Mann und mir war es wichtig, die Zukunft der Firma zu sichern. Er feiert im Juli seinen 93. Geburtstag und ich werde auch nicht jünger, wir haben keine Nachfolger direkt in der Familie, und weil wir mit Herrn Schessl und Herrn Söll von „First Classics“ schon lange gut zusammenarbeiten, schien uns der Zusammenschluss sinnvoll.

SCHESSL: In den 103 Jahren ihres Bestehens hat die Konzertdirektion Adler Berliner Musikgeschichte geschrieben, davor habe ich großen Respekt. Seit Reinhard Söll und ich mit „First Classics“ 2010 in Berlin aktiv wurden, hatten wir viel Zeit, das Ehepaar Adler kennenzulernen. Schritt für Schritt wurde die Kooperation immer enger und wir haben gemerkt: Es funktioniert zwischen uns gut, wir brauchen nicht viele Worte, um uns zu verstehen. Frau Adler bringt ihre unglaubliche Erfahrung auf dem Berliner Markt ein, wir können in manchen technischen Dingen und im Marketing unsere Expertise beisteuern. Wir wollen keinen Wechsel, sondern eine harmonische Fortentwicklung. Das Tagesgeschäft und die Betreuung der von der Konzertdirektion Adler vertretenden Künstlern liegt weiter in den Händen von Jutta Adler.

ADLER: Für unsere Kundinnen und Kunden ändert sich nichts. Die Konzertdirektion trägt den bekannten Namen, alle Mitarbeiter sind noch da und für mich gilt: Solange ich Lust habe, mache ich weiter - und ich habe noch Lust!

Jutta und Witiko Adler haben Berliner Musikgeschichte geschrieben Foto: Konzertdirektion Adler Vergrößern
Jutta und Witiko Adler haben Berliner Musikgeschichte geschrieben © Konzertdirektion Adler

Der Berliner Markt gilt als schwierig für private Klassikveranstalter. Es gibt drei Opernhäuser und sieben Orchester, die alle staatlich gefördert werden und darum günstige Preise anbieten können…

ADLER: … und die Berliner Philharmoniker, das Konzerthaus oder die Staatsoper betätigen sich zudem auch noch selbst als Veranstalter, bieten eigene Konzertreihen an, zu denen sie Künstlerinnen und Künstler einladen, deren Berlin-Auftritte wir auch veranstalten könnten.

SCHESSL: Der Berliner Markt ist sehr stark subventioniert. Das hat den Vorteil, dass sich hier wirklich jeder eine Eintrittskarte leisten kann. Das macht es für uns aber auch schwierig, weil wir kostendeckend arbeiten müssen. Ich sage immer: Die privaten Veranstalter sind das Salz in der Suppe, wir bieten das Außergewöhnliche, bringen Orchester aus dem Ausland hierher, ebenso wie die wichtigsten Kammermusikformationen. Wer darauf neugierig ist, der ist auch bereit, bei uns einen etwas höheren Preis zu bezahlen.

Die Vorschau, die Sie jetzt veröffentlicht haben, liest sich wie ein „Who is who“ der Klassikszene. Was aber passiert mit jenen Künstlern, die keinen international bekannten Namen haben oder die gerade erst am Anfang ihrer Karriere stehen?

SCHESSL: Die trifft es am härtesten. Denn natürlich werden wir privaten Veranstalter uns im ersten Jahr nach der Pandemie zunächst auf die zuverlässigen Zuschauermagneten konzentrieren müssen, damit wir in Zukunft wieder junge Künstler einladen können. Das haben wir in der Geschichte unserer Firmen immer getan und wollen es auch weiterhin tun.

Wenn die Kulturmetropolen der Welt jetzt alle gleichzeitig dieselben Stars engagieren wollen, werden dann in den mittleren und kleinen Städten Kapazitäten frei für jüngere und weniger bekannte Künstler?

ADLER: Das war schon immer so. Auch jetzt habe ich schon mitbekommen, dass Kammermusikvereinigungen, die von der Bürgerschaft getragen werden, bereits jetzt Konzerte im kleinen Rahmen veranstalten. Das ist momentan wichtiger denn je für noch unbekanntere Künstler.

Die Hoffnung liegt also auf der Provinz?

SCHESSL: Nicht nur, natürlich auch auf den subventionierten Orchestern. Es ist den jungen Künstlerinnen und Künstlern zu wünschen, dass sie überall Auftrittsmöglichkeiten erhalten, denn wir haben einen grandiosen Nachwuchs, der auf unglaublich hohem künstlerischem Niveau spielt.

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