Warum häuften sich in letzter Zeit die Enthüllungen über die NS-Belastung der Kulturszene?

Die Berlinale und der Fall Alfred Bauer Historiker Wirsching: Die Kulturbranche ist bei der NS-Aufarbeitung spät dran

Geschönter Blick. Der Berlinale-Direktor Alfred Bauer holt die Schauspielerin Shirley MacLaine 1971 am Flughafen Tempelhof ab. Foto: picture alliance / Sammlung Rich Vergrößern
Geschönter Blick. Der Berlinale-Direktor Alfred Bauer holt die Schauspielerin Shirley MacLaine 1971 am Flughafen Tempelhof ab. © picture alliance / Sammlung Rich

Emil Nolde, Werner Haftmann und die Documenta-Anfänge, Alfred Bauer und die Berlinale: Warum haben sich solche Enthüllungen in der Kultur gerade in jüngster Zeit gehäuft?

Vieles war wie gesagt bekannt. Aber es wird jetzt systematischer gefragt und breiter kommuniziert. Was die NS-Belastungen betrifft, gibt es einen Nachholbedarf bei der Kultur. Viele Wirtschaftskonzerne sind da weiter, schon weil sie sich als Exportunternehmen in der Pflicht sehen; in jüngerer Zeit haben etwa die Familie Quandt oder Dr. Oetker ihre Geschichte aufgearbeitet. Es folgten politische Institutionen wie das Auswärtige Amt und nach einem Kabinettsbeschluss im Jahre 2013 praktisch alle Bundesministerien. Die Künste sind so spät dran, weil sie das stärkste Selbstnarrativ haben. Sie gelten eben als apolitisch oder wenn schon politisch, dann als aufklärerisch. Vielleicht beherrschen Künstler das Stilmittel der Ambivalenz besonders gut, um unangenehmen Fragen auszuweichen. Künstler, auch Schriftsteller sind da gewissermaßen Profis, Günter Grass ist ein Beispiel.

Grass erzählte erst im hohen Alter, er habe mit 17 der Waffen-SS angehört, sei aber nur am Nachladen und nicht am Schießen beteiligt gewesen.

Jeder Mensch neigt dazu, seine Biografie bei Einschnitten wie die der NS-Zeit umzuschreiben. Aber seit zwanzig, dreißig Jahren erlebt die Zeitgeschichte da einen enormen Nachfrageschub, Neue Quellen wurden zugänglich gemacht, auch Personalakten. Die Kultur hinkt hinterher, aber auch hier hat sich die Nachfrage verstärkt, seitens der Kommunen zum Beispiel, die ihre lokalen Helden oder auch Straßennamensgeber unter die Lupe nehmen.

 Das Selbstnarrativ ist das eine, aber wieso haben auch Kulturhistoriker nicht genauer hingeschaut?

Es gibt längst fachwissenschaftliche Literatur, wichtige Publikationen über Film und Herrschaft im NS-Regime. Man sollte vorsichtig sein und nicht pauschal von Versäumnissen reden. Auch Historiker reagieren auf neue Fragen, lassen sich in neuen Kontexten zu neuen Untersuchungen anregen. In der Filmgeschichte war es lange vorrangig, die NS-Propagandafilme zu erforschen.  Das Personal stand nicht im Vordergrund, erst recht nicht die Funktionäre in der zweiten Reihe. Auch in meiner eigenen Disziplin, der Geschichtswissenschaft, kam es mit dem Frankfurter Historikertag 1998 erst spät und geradezu eruptiv zu einem Bewusstseinswandel.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Die Bauer-Studie ist eine Vorstudie, wegen der Kürze der Zeit. Von Forschungslücken ist die Rede, wie können sie behoben werden?

Zur Person Alfred Bauers im engen Sinne wird es schwierig sein, noch weitere Details zu erforschen.  Klar ist, er war kein Rädchen, sondern ein Rad im Getriebe. Es lohnt sich aber, die Reichsfilmintendanz mit ihrem Alltagsgeschäft der Zulassung und Verwaltung von Filmproduktionen in den Fokus zu nehmen, ebenso die Netzwerke der Filmwirtschaft, die nach 1945 weiterwirkten.

Andreas Wirsching leitet seit 2011 das Münchner Institut für Zeitgeschichte und lehrt an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität. Foto: IfZ Vergrößern
Andreas Wirsching leitet seit 2011 das Münchner Institut für Zeitgeschichte und lehrt an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität. © IfZ

Wer sollte das in Auftrag geben und finanzieren?

Eine Institution wie die Berlinale ist keine Forschungsförderungseinrichtung. Eine Anschlussstudie könnte aber von den Geldgebern des Festivals beauftragt werden, das heißt vor allem von der Kulturstaatsministerin. Es genügt nicht, auf freie Impulse aus der Wissenschaft zu warten. Natürlich gibt es solche Impulse, wie ein Beispiel aus unserer Institutsarbeit zeigt: Angeregt durch die aktuellen Diskussionen promoviert hier eine junge Wissenschaftlerin über den Expressionismus und seine Ambivalenzen. Andere Forschungen weisen auf Galeristen und Kunsthistoriker in der NS-Zeit hin, die ins Zwielicht geraten sind. Aber für eine breite Aufarbeitung braucht es einen politischen Willen. Dann könnten Projekte zu solchen NS-Kultur-Fragen in Auftrag gegeben oder ausgeschrieben werden. Für die politischen Institutionen des Bundes ist das vor ein paar Jahren bereits geschehen, es wäre gut, das Gleiche für die Kultureinrichtungen des Bundes zu tun.

Also der Ruf nach dem Staat?

Die Institutionen können selber aktiv werden, finanzieren müssten es die Zuwendungsgeber. Forschung darf nicht vom Auftraggeber abhängig sein; der volle, allgemeine Quellenzugang und die volle Publizität müssen gewährleistet sein. Wir haben damit inzwischen gute Erfahrungen. Nur wenn Distanz garantiert ist, wenn es keine Befangenheiten gibt, können wir zu neuen Ergebnissen kommen. Das ist heute der Fall. 

Zur Startseite