Wogende Wellen. Die Argo auf hoher See. Ilustration aus dem Jahr 2018. Foto: Graphica Artis/Getty
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Die Argonautensage, revisited Ein frischer Blick auf einen der ältesten Mythen der Welt

Linguistin Andrea Marcolongo untersucht in „Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen“ die Sprache des antiken Mythos. Ihre Begeisterung ist ansteckend.

Wie oft ist die Geschichte schon erzählt worden, wozu denn jetzt noch einmal? Aber so ist die Frage falsch gestellt – weil es zum Wesen der alten Geschichten gehört, immer wieder aufs Neue hervorgekehrt zu werden. Weil sie, wie Geburt und Tod, Essen und Sex zur menschlichen Grundausstattung gehören. Und weil diese Geschichten wiederum andere Geschichten generieren, wie Samen, die von Vögeln weitergetragen werden.

Jason und seine Gefährten, Medea und das Goldene Vlies: Das alles ist noch älter als Homers Fixierung der Odyssee, und schon Ovid und viel später Dante und zuvor auch Appolonios von Rhodos, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte und dichtete, befanden sich in geraumem zeitlichen und kulturellen Abstand zu jener Epoche, in der die Argo in See stach – dem Mythos nach das erste Schiff je, das sich auf große Reise hinauswagte.

Natürlich, es gibt keine solchen Anfänge, wir können nicht wissen, wann das erste Theaterstücke aufgeführt, das älteste Gedicht niedergeschrieben, die erste Statue in Stein gehauen wurde.

Das ist auch Andrea Marcolongo klar. Aber es hindert die 33-jährigen italienische Linguistin und Schriftstellerin (und Redenschreiberin des früheren Ministerpräsidentin Matteo Renzi) nicht daran, von der unwiderstehlichen Kraft und Anziehung der griechischen Seefahrer zu schwärmen, im Gegenteil. Das Dunkel am Anfang dieser Griechenwelt befeuert ihre Fantasie und ihren missionarischen Eifer in eine lahme Gegenwart hinein, aus der sie mit kräftigem Wind aus mythischer Vergangenheit davonsegeln will.

„Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen – Was uns die Argonautensage erzählt“ heißt ihr Buch auf Deutsch, im Original „La misura eroica“. Um Helden geht es ja vor allem, was ein Held heute sein könnte. Der Untertitel klingt nach esoterischem Ratgeber, und darauf stößt man in diesem ungewöhnliche Buch auch immer wieder: Weisheiten, die naheliegend und flach, aber auch sympathisch und nicht einfach von der Hand zu weisen sind.

Ihre Droge ist die Sprache

„Sich von den alten Gewissheiten zu lösen, ihnen mit einem weißen Taschentuch nachzuwinken und dabei den Blick in Richtung der endlosen Überraschungen des Lebens zu wenden: Das ist eine uralte, überaus befreiende Geste, die ein erfülltes Leben verspricht.“ Das ist Jasons Weg ins Offene, ins Risiko, mitreißend, unwiderstehlich – viel mehr braucht es nicht, um in Andrea Marcolongos Augen ein Held zu sein. Weil die meisten von uns sich bequem und ängstlich am Ufer einrichten und im sicheren Hafen von Schiffen träumen.

Wenige Worte verliert sie darüber, dass es im 21. Jahrhundert anderer Anstrengung bedarf oder auch keiner mehr, wenn man losmachen will. Wo wäre das Unbekannte? Aber das stört sie nicht. Ihre Droge ist die Sprache, und ihre Begeisterung steckt an. Ihr erstes Buch, „Warum Altgriechisch genial ist“, war ein internationaler Bestseller, was doppelt und dreifach zählt, da es darin vor Grammatik und Etymologie nur so wimmelt.

Nicht anders bei ihren Argonauten: Man lernt viel auf dieser Reise (in der eleganten Übersetzung von Karin Fleischanderl) über Wortstämme und Herleitungen, idiomatische Wendungen und die innere Logik des Altgriechischen, von dem wir nicht wissen, wie es klang, jedoch, wie es wirkte.

Andrea Marcologo findet in der inneren Logik der Sprache den Schlüssel für Jasons Himmelfahrtskommando. Das Fortwollen, das plötzliche Aufbrechen nach einem Liebesaufenthalt, die Stimmen des Windes, aber auch Furcht und Mühsal: Wie in der antiken Dichtung gibt es hier eine starke Neigung zum Aufzählerischen, zum Katalog. Bei Marcolongos Argonauten wird das alles erotisch aufgeladen.

Auch ein Reflexivpronomen kann sexy sein

Und wenn man nicht auf untiefen Sandbänken strandet („Besser sich zu verirren, als sich nie zu finden“, „Wir kennen letztendlich nicht einmal mehr uns selbst“), reist es sich eine ganze Weile gut und angenehm auf dieser Argo-Kreuzfahrt. Da kann auch ein Reflexivpronomen sexy sein.

Die ewigen Gesetze gelten, denn die Guten kommen durch, auch wenn der eine oder andere auf der Strecke bleibt, aber etwas Schwund ist immer. Und wenn die Helden schließlich das Goldene Vlies vom Baum pflücken und einsacken, wirkt es wie ein Kinderspiel.

Der Weg ist das Spiel, das goldene Zauberding ein schöner Beifang. Nicht lange hält sich Marcolongo mit dem Vlies auf. Das wäre langes Kapitel für sich, eine Deutung von Bildern und Mythen, Zeichen und Wundern. Viel wichtiger ist ihr die Rückfahrt, auf der die Argonauten einen anderen, auch nicht ungefährlichen Weg einschlagen. Das erfordert die Erzählung. Sie soll nicht langweilen. Marcolongos Ungeduld, ihre Fixierung auf den ewigen Aufbruch hat nach dem Vlies schließlich ein zweites prominentes Opfer.

Und das ist Medea von Kolchis. So heißt es hier: „Medea repräsentiert alle Frauen, die in uns wohnen. Töchter, Mütter Ehefrauen, Liebhaberinnen, Verführerinnen, Freundinnen, Frauen, seit dem Tag, an dem wir auf die Welt gekommen sind.“

Medea fehlt schmerzlich

Das ist viel. Und viel zu wenig. Andrea Marcolongo entscheidet sich überraschend gegen Medea und ihre Leidensgeschichte. Stattdessen konstatiert sie: In ihrer Liebe und ihrer Bereitschaft, miteinander loszuziehen ohne Garantien, „fordern uns Medea und Jason auf, unseren Blick auf das Heldentum der Griechen zu lenken. Ein Heldentum mit menschlichem Maß, mit menschlichem Mut zur Liebe.“

Aber was ist mit der Frau aller Frauen? Ist ihre Geschichte nicht das böse, dicke Ende der Argonautenfahrt und der Anfang von so viel Leid? Und da sinkt das Boot. Zu schwer wiegt das Weggelassene, die verdrängte Fracht. Im Mythos wird Medea, verlassen von Jason, zur Mörderin ihrer Kinder, zur Rächerin, zur ausgebeuteten Fremden, der ihre magische Kräfte am Ende auch nichts nützen. Sie begründet schon in der Antike ihr eigenes episches Reich – von Euripides bis Heiner Müller. Sie fehlt schmerzlich.

In der Dramatik und Literatur sind Medea-Variationen Legion. Warum Andrea Marcolongo die Frau aus der Fremde so verharmlost, ignoriert und ein zweites Mal – nach Jason – betrügt, bleibt schleierhaft wie der Ursprung des Mythos. Verliebt in den Draufgänger Jason, hat sie die Zauberin ganz einfach weggezaubert. Oder sie kommt in einem neuen Buch.

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