Russlands Präsident Wladimir Putin spielt mit der Angst vor einem Atomkrieg. Foto: Mikhail Klimentyev via Reuters
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Die Angst vor dem Krieg Putins Kalkül ist eine Strategie des emotionalen Terrorisierens

Die Angst vor einem Atomkrieg, wie sie vom Kreml geschürt wird, ist eine der stärksten kollektiven Ängste der Moderne. Wie geht man damit um? Ein Kommentar.

Auf die Balearen? Oder besser nach Kanada? Wohin, falls der Krieg nach Europa kommt? Einige Eltern, besonders solche mit kleinen Kindern, suchen in diesen Tagen und Wochen im Internet, oder wenigstens in der Fantasie, nach Fluchtorten, sollte die Wand aus Schrecken von der Ukraine weiter westwärts wandern. Gibt es dort deutsche Schulen?

Besorgen wir den Kindern doch mal zusätzlich zum Impfpass einen Reisepass. Auch Ältere, die sich ein Leben im Krieg oder im Krisenzustand nicht zutrauen, schauen sich verstohlen nach Inseln der Sicherheit um. Man weiß ja nie. Panik hat sie im Griff.

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Andere wiederum werden, wie jetzt im Umgang mit der Pandemie, lässiger auch im Umgang mit den furchterregenden Nachrichten aus dem von Russlands Regierung angezettelten Krieg.

Jaja, es ist schlimm. Aber in anderen Weltregionen gibt es auch schon seit Längerem Krisen und Konflikte. Nach einem Monat Krieg wiederholen sich die Bilder der Flüchtenden, der verkohlten Fassaden in Städten, deren Namen viele bisher gar nicht kannten. Das kann, sagt die Angstabwehr, noch Monate so gehen. Gespendet hat man schon, demonstriert auch.

Diskussionen kreisen stets um dieselben Themen, Nato nein, Hilfe ja, Putin furchtbar, Russlands Kultur bedeutend, die Bevölkerung leider irregeleitet. Was soll man schon machen? Einkaufen, Kochen, Umschalten von Nachrichten auf Naturfilm.

Angst in tausend Facetten

Angst ist ein starker Affekt. Angst ist auch ein notwendiger Affekt. Alarmiert zu sein, wenn Gefahr droht, schützt davor, überrumpelt zu werden. Unmittelbare, akute Gefahr löst Angst, Flucht oder Starre aus.

Dauernde, latent lauernde Gefahr kennt ebenfalls drei Antworten auf Angst, die ihrerseits Tausende von Facetten aufweisen können. Angst wird, erstens, übertrieben wahrgenommen, sie dehnt sich in der Seele bis zur Panik aus. Oder Angst wird, zweitens, untertrieben wahrgenommen, was ihre Schutzfunktion erodieren lässt und Menschen abstumpft. Oder aber, drittens, Individuen und Gruppen lernen, ihr Angstniveau auf einem realistischen Niveau zu regulieren.

Das heißt auch: Weiter informieren, weiter demonstrieren, den Kopf hochhalten, die Augen auf, und immer wieder Erholung finden.

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Zweifellos ist die dritte die beste Antwort, sie zermürbt am wenigsten und schützt am wirksamsten. Gleichwohl, das Klügste ist im Moment nicht leicht. Angst vor Krieg ist arg genug. Angst vor einem atomaren Krieg, wie sie von der Regierung im Kreml geschürt wird, ist eine der stärksten kollektiven Ängste der Moderne nach 1945, wenn nicht die größte überhaupt.

Sie hallt als Echo aus dem Kalten Krieg herüber in die Gegenwart. Genau das ist Wladimir Putins Kalkül, eine Strategie des emotionalen Terrorisierens. „Terror“ bedeutet wörtlich „starke Angst“, und Terroristen sind Angstproduzenten mit Angstfabriken.

Je klarer diese Absicht entlarvt wird, desto fester werden analytische Filter und emotionaler Schutz. Als die große Diplomatin Madeleine Albright, die diese Woche starb, mit Russland über Abrüstungsverträge sprach, trug sie einmal eine Brosche in Form einer Cruise Missile.

Russlands Außenminister fragte, ob das ein amerikanischer Raketenabfangjäger sei. Sie erwiderte: „Ja. Wir stellen davon ganz winzige her. Lassen Sie uns verhandeln.“ Nur wenige sind in einer Position wie damals Albright. Aber ihre Haltung kann viele inspirieren.

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