Ein neues Oberhausen ist fällig

Schwarzweiß mit Farbe. Jakob (Jan Dieter Schneider, mit Hut) ist ein Vorfahre der Simons aus „Heimat“. Marita Breuer spielt hier wie dort die Mutter, links Maximilian Scheidt als Jakobs Bruder. Foto: Concorde Filmverleih
"Die andere Heimat" Regisseur Edgar Reitz: „Wer lesen konnte, wollte weg“

Ende der Neunziger sagten Sie, die Zukunft des Epischen liegt im Internet. „Die andere Heimat“ ist dagegen ein fast altmodischer Schwarzweiß-Film.
Es gab damals eine Internet-Romantik, der auch ich anhing. Wir hatten falsche Erwartungen, wir haben nicht bedacht, dass ein so gewaltiges, weltumspannendes Netz uns niemals gehören würde.

Sie haben wieder in Schwarzweiß gedreht, punktuell Farbe verwendet, die Tonspur ist sehr ausgefeilt. Warum ziehen Sie alle Register?
Der Film ist ein Kind des technischen Zeitalters. Als der Tonfilm kam, der Farbfilm, das Fernsehen, 3 D - immer war von der Krise des Kinos die Rede. Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, und es gibt keinen Grund, sich zum Beispiel von der Schwarzweißfotografie zu verabschieden. Sie hat eine unglaubliche Kulturgeschichte, warum sollen wir diese Ausdrucksmöglichkeit, diese Schönheit ad acta legen? Das digitale Zeitalter, und das ist das Gute daran, versetzt uns in die Lage, wirklich aus der Fülle zu schöpfen. Man dreht ja nicht mehr Schwarzweiß oder in Farbe, sondern in der Kamera werden Daten produziert, die alle Informationen enthalten. Die eigentliche Arbeit verlagert sich vom Drehort in die Postproduktion.„Die andere Heimat“ ist mein erster vollständig digital produzierter Film, mit einem Schwarzweiß, wie ich es mir immer erträumt habee. Farbe taucht im Film nur dann auf, wenn es eine poetische Notwendigkeit gibt. Weil unser Auge bei der Farbwahrnehmung verschlissen ist. Ich wollte, dass man die Farbe wieder sieht.

Und warum Cinemascope, wegen der Naturaufnahmen?
Im Cinemascope-Bild ist bei jeder Großaufnahme rechts und links von den Gesichtern noch Platz. Ich wollte die Einbettung der Figuren, des menschlichen Lebens in die Natur und die Jahreszeiten zeigen, das Ausgeliefertsein. Jede Wolke, jeder Regenguss, ein Hagelschlag, ein Wintereinbruch mitten im August - die Landschaft als Lebensraum sollte miterzählt werden. Übrigens wird es immer schwieriger, die Weite der Landschaft zu zeigen, wegen der Windräder. Finden Sie mal einen Kamerastandort im Hunsrück, von dem aus sie nicht ins Bild kommen!

Vor gut 50 Jahren gehörten Sie zu den Initiatoren des Oberhausener Manifests, in dem Papas Kino für tot erklärt wurde. Wie nehmen Sie diesen Aufbruch heute wahr?
Ich staune über unseren maßlosen Freiheitsanspruch. Künstlerisch hatten wir nichts vorzuweisen, finanzierbar war unser Anspruch erst recht nicht. Eigentlich waren unsere frühen Filme alle nur Pilotprojekte, mit denen wir programmatisch darstellten, was wir meinten. Aber das Instrumentarium für eine Neugestaltung des Films beherrschten wir nicht. Jeden Tag standen wir an unseren eigenen Grenzen. Heute ist die Welt verteilt, jeder verteidigt seine Domäne, sei es im Fernsehen oder bei den Filmförderanstalten.

Sie fordern immer mal wieder die Abschaffung der staatlichen Förderung, obwohl Sie sie selbst mit erkämpft haben.
Die Verknotung des Kinos mit dem Fernsehen ist schlecht, die beiden müssen entflochten werden. Ein neues Oberhausen ist fällig. Aber das müssen die jungen Filmemacher von heute organisieren.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

"Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" startet am 3. Oktober in den deutschen Kinos.

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