Lise de la Salle wurde 1988 im französischen Cherbourg geboren. Foto: Philippe Porter
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Deutsches Symphonie-Orchester Musik, trotz alledem

Das DSO und der Dirigent Lionel Bringuier überzeugen in der Philharmonie. Die Pianistin Lise de la Salle spielt Ravels Klavierkonzert.

Metabolismus heißt Stoffwechsel – und könnte als Motto über diesem Abend in der Philharmonie stehen: Nichts bleibt, wie es ist, alles geht in andere Zustände über. Wer bösartig oder auch nur realistisch ist, denkt: Das gilt auch für Geschichte, für die europäische Friedensordnung. Grundlos hat ein einzelner Mann einen unverholen brutalen Angriffskrieg befohlen, wie soll man da im Konzert sitzen und unschuldiger Musik lauschen?

Noch im Oktober war das Deutsche Symphonie-Orchester auf Gastspiel in Kiew. Jetzt flüchten Hunderttausende verzweifelt aus der verlorenen Stadt, aus dem ganzen Land. Das Mindeste, was Deutschland tun kann, ist sie mit offenen Armen zu empfangen.

Musik also, trotzdem. Das Programm wandert, kontrapunktisch zur politischen Realität, von West nach Ost. „Métaboles“ hat Henri Dutilleux sein zentrales, 1963 geschriebenes Orchesterwerk genannt: Fünf klangfarbenraffinierte Sätze, vom Orchester mit Lionel Bringuier am Pult fein ausgemalt, kreisen um ein Intervall als Keimzelle des Stücks. Am Ende jeden Satzes leiten Figuren über zum nächsten: Metamorphosen, (An-)verwandlungen.

Luftgeisthaft beginnt die Pianistin

Das gilt auch für Maurice Ravels Klavierkonzert, in dem er Mozart'sche Formvorbilder mit Jazzelementen amalgamiert. Solistin Lise de la Salle startet, nach dem eröffnenden Peitschenknall, luftgeisterhaft, was erst einen interessanten Ansatz verspricht.

Im weiteren Verlauf wäre aber mehr Präsenz, mehr Prägnanz doch dringend geboten. Ihrem feuerroten Anzug zum Trotz hat die Französin Schwierigkeiten, Farbe zu entwickeln. Vor allem der Gravitationsschwerpunkt des Stücks, der träumerischen Kadenz, die den langsamen zweiten Satz einleitet: verschenkt.

Präsenz, ja hellwache Agilität beweisen die Musiker und Musikerinnen dafür in Zoltán Kodálys extrem selten zu hörenden „Tänzen aus Galánta“ reichlich. Wie schnell könnte es sie in diesen wieselflinken Presto-Sätzen, die sich nach ungarischer Tradition mit langsamen abwechseln, aus der Kurve hauen! Zum Abschluss erinnert Igor Strawinskys „Feuervogel“-Suite daran, dass es auch ein anderes, modernes, innovatives Russland gab und immer noch gibt.

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