Kulturgüter auf Reisen. Das Gemälde „Tarquinius und Lucretia“ von Peter Paul Rubens, geschaffen 1611 und einst in Potsdam-Sanssouci, tauchte in Russland als „Privatbesitz“ auf und wird weiterhin dort bewahrt. Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Deutsche Schätze in russischen Museen Von der Kriegsbeute zum Staatsbesitz

Noch immer lagert viel Kunst aus Deutschland in russischen Museen. Der „Deutsch-Russische Museumsdialog“ zieht Bilanz.

Zahllose Kulturgüter aus deutschen Museen und Sammlungen wurden bei und nach Kriegsende von der Rotem Armee in die Sowjetunion verbracht. Darüber wurde nach 1990 verhandelt, und kurze Zeit bestand die Hoffnung, zumindest Teile davon nach Deutschland zurückzubringen. Dieses Fenster hat sich längst geschlossen, und mit der Bestätigung des Duma-Gesetzes auf Verstaatlichung aller „Beutekunst“ durch das russische Verfassungsgericht im Jahr 1999 ist die Möglichkeit einer Verhandlungslösung verbaut.

Die deutsche Öffentlichkeit, die in den 1990er Jahren durchaus Anteil an der Auffindung von verschollen geglaubten Kulturgütern in den Geheimdepots russischer Museen und den daran sich anschließenden Verhandlungen genommen hatte, ist zu anderen Themen übergegangen. Doch hat die Forschungsarbeit mit dem russischen Njet nicht aufgehört. Im Jahr 2005, als an eine gemeinsame Lösung des Beutekunst-Problems schon nicht mehr zu denken war, wurde dennoch der „Deutsch-Russische Museumsdialog“ (DRMD) ins Leben gerufen, „mit dem Ziel, sich gemeinsam der kriegsbedingt verlagerten, verschollenen und vernichteten Kunst- und Kulturgüter anzunehmen“.

So umreißt Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf deutscher Seite Sprecher des Dialogs, dessen Aufgabe in dem jetzt erschienenen Sammelband, der auf fast 600 Seiten die Aktivitäten und Ergebnisse der über sechzehn Jahre andauernden Forschungen bilanziert. Unter dem Titel „Kulturelles Gedächtnis“ werden die „Kriegsverluste deutscher Museen“ dargestellt. Der Band folgt dem vor zweieinhalb Jahren vorgelegten Buch „Raub und Rettung“, das die Schicksale „Russischer Museen im Zweiten Weltkrieg“ beleuchtete.

[Britta Kaiser-Schuster (Hrsg.) Kulturelles Gedächtnis. Kriegsverluste deutscher Museen. Böhlau Verlag, Köln 2021. 602 S. m. zahlr. Abb., 59 €.]

Beides kann nur zusammen gewürdigt werden. Die Zerstörungen der deutschen Wehrmacht auf sowjetischem Boden und die Plünderungen durch das nachrückende Besatzungsregime gingen den anfangs hektischen, später gezielteren Beschlagnahmungen durch „Trophäenbrigaden“ der Roten Armee voraus. Mit der deutschen Teilung, die sich immer weiter vertiefte, war die Möglichkeit der genauen Erfassung der Verluste unmöglich geworden. Die erheblichen Rückgaben, die die Sowjetunion Mitte der 1950er Jahre an die Museen in Dresden und Ost-Berlin leistete und die angesichts ihres Umfangs gar nicht hoch genug zu veranschlagen sind, haben dazu beigetragen, das Thema der Beutekunst aus dem Blickfeld zu rücken. Denn was konnte danach überhaupt noch in den Museen von Moskau und Leningrad verborgen sein?

Band widmet sich der Mechanik der Abläufe

Es war – und ist – überwältigend viel. Denn neben den beiden Museumsverbünden in Dresden und Ost-Berlin gerieten die Schicksale der zahllosen, nun auf dem Gebiet der DDR gelegenen Musen und Sammlungen außer Beachtung. Sie hatten prozentual oft nicht geringere Verluste zu beklagen. Doch sie konnten und durften sich nicht zu Wort melden; unter dem Titel „Der Menschheit bewahrt“, mit dem die breit angelegten Ausstellungen der nach Dresden und Berlin rückgeführten Schätze geschmückt wurden, ließen sich weitere Nachfragen als politisch unerwünscht verhindern. Und es handelte sich mitnichten nur um „offizielle“ Abtransporte. In dem vorliegenden Band wird auf die Verluste von Museen auf dem Gebiet der SBZ durch „Zerstörung, Plünderung, private Mitnahmen“ eingegangen, wie das entsprechende, umfangreiche Kapitel überschrieben ist.

Doch geht es im vorliegenden Band nicht um eine objektweise Auflistung der Verluste; dies ist von dem innerhalb des „Museumsdialogs“ eingerichteten Forschungsprojekt „Kriegsverluste deutscher Museen“ unter Leitung von Britta Kaiser-Schuster geleistet worden. Die daraufhin eingerichtete Datenbank verzeichnet mittlerweile über 10.000 „bis heute nicht oder vermutlich nicht restituierte Kulturgüter“. Zugleich, so Kaiser-Schuster, stellte sich heraus, dass zahlreiche verlorene Kunstwerke nicht in Museen der früheren Sowjetunion zu vermuten sind: Sie wurden „zerstört oder privat entwendet“. Auch Soldaten der westlichen Alliierten waren daran beteiligt, wie das Auftauchen des Quedlinburger Domschatzes im Jahr 1992 vor Augen führte.

Im vorliegenden Band steht die Mechanik der Abläufe im Blickpunkt. Von den Auslagerungen seitens der Museen, die erst 1944/45 angesichts der drohenden Niederlage verstärkt wurden, vielfach aber mangels Transportmöglichkeiten und Auslagerungsorten Stückwerk blieben, zieht sich ein roter Faden über die „Trophäenbrigaden an der Front“ bis zur Ankunft der Kunstwerke in der Sowjetunion und ihrer Weiterverteilung.

Das Narrativ der Entschädigung wurde ab 1949 unterbunden

Über die Beschlagnahmung und den Abtransport der Berliner Museumssammlungen ist seit der grundlegenden Darstellung von Irene Kühnel-Kunze aus dem Jahr 1984 viel geforscht und veröffentlicht worden, das hier mit weiteren Quellenfunden vertieft wird; wie überhaupt das Schicksal der Berliner Museen am umfassendsten dargestellt wird. Zur Ideologie der Kunst als „Trophäen“ trägt Konstantin Akinscha, dem die ersten, sensationellen Archivfunde nach 1990 zu verdanken sind, interessante Gesichtspunkte bei. So waren die Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919 prägend für die ältere Generation sowjetischer Museumsleute, die 1945 den Gedanken der Entschädigung für erlittene Verluste durch gleichwertige Kunstwerke des Feindes in die Tat umsetzen konnten. Doch genau dieses Narrativ wurde offiziell ab 1949 unterbunden und ersetzt durch das der „zweimal geretteten Meisterwerke“, als die die nur oberflächlich von Kriegsschäden befreiten Kunstwerke in Dresden und Ost-Berlin vorgeführt wurden.

Der Plan eines „großen nationalen Museums der Weltkunst in Moskau“, der bereits 1991 von Akinscha gemeinsam mit Grigori Koslow ans Licht gebracht worden war, wird hier durch weitere Archivfunde plastisch. Danach trieb insbesondere Sergej Merkurov, der damalige Direktor des Puschkin-Museums, „diese Idee engagiert voran“, wie Anne Kuhlmann-Smirnov in ihrem materialreichen Beitrag schreibt. Das Vorhaben wurde auf höchster politischer Ebene diskutiert, so im Zentralkomitee der KPdSU, und Merkurov machte detaillierte Vorschläge, die auf eine Integration seines Museums und weiterer Sammlungen in ein solches Weltmuseum zielten.

Eine im Vorgriff auf dieses Vorhaben arrangierte Ausstellung der Trophäenkunst im Puschkin-Museum wurde 1946 in letzter Minute abgesagt – innerhalb der sowjetischen Kulturbürokratie hatten sich die Kritiker des Vorhabens durchgesetzt, die die Verteilung der Kunstbeute auf weitere Museen der Sowjetunion forderten. So wurden bis 1947 Museen in so entfernten Städten wie dem turkmenischen Aschgabat, dem moldauischen Chisinau oder dem westsibirischen Swerdlowsk mit Beutekunst bedacht. Nicht zuletzt wurde Kunstbesitz aus vormals deutschen Ostgebieten an Polen abgegeben, darunter der seit jeher in Danzig bewahrte „Weltgerichtsaltar“ des in Brügge tätigen Hans Memling, nebenbei eine frühe Kunstbeute des Jahres 1473.

Die Auswertungen können kein abschließender Befund sein

Anders verlief die Geschichte in Leningrad. Die im Oktober 1945 in Güterzügen eintreffenden Transporte wurden in der Eremitage als „gerechte Kompensation der eigenen Verluste“ betrachtet. Doch nur Tage später wurde die geplante Zurschaustellung per Regierungstelegramm untersagt: „An jenem 5. November begann in der Eremitage die fast ein halbes Jahrhundert andauernde Geschichte der legendären musealen ,Geheimdepots’“. Aus Moskau wurden später nach und nach Bestände an Museen in der Provinz abgegeben; was im Einzelnen, ist meist nicht ersichtlich. „Auffällig bleibt, wie wenig an die kleineren Museen im Westen (der Sowjetunion) abgegeben wurde, ja wie wenige der geschädigten Museen überhaupt erwähnt wurden“, schreibt Anne Kuhlmann-Smirnov. Weitere Forschungen, sind unmöglich, solange die diesbezüglichen Akten im Russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI) verschlossen bleiben.

„Daher“, so das Resümee von Britta Kaiser-Schuster, „können die Auswertungen dieses DRMD-Projekts kein abschließender Befund sein.“ Der Wunsch nach „ungehindertem Zugang zu den relevanten Archiven“ bleibt unerfüllt. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die sogar vom Diktator Stalin unterlassene Verstaatlichung der Trophäenkunst erst von der post-sowjetischen Russischen Föderation in Gesetzesform gegossen wurde.

Dank des Deutsch-Russischen Museumsdialogs wissen wir heute weitaus mehr denn je über das Schicksal sowohl der deutschen wie der russischen Museen im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur ein ideales Zurück zum Vorkriegszustand wird es – selbst wo es mittels der zwar verlagerten, aber zum Glück doch erhaltenen Kunstwerke möglich wäre – nicht mehr geben.

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