Charlotte Gainsbourg ist mit "Les passagers de la nuit" ("The Passengers of the Night") von Mikhaël Hers im Wettbewerb zu sehen. Foto: Nord-Ouest Films, Arte France Cinema
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Der Wettbewerb der Berlinale Das Prinzip Hoffnung dominiert

Die Berlinale verkündet das Programm des diesjährigen Wettbewerbs, aber die Unsicherheit wächst angesichts von Omikron. Wie sakrosankt ist die Kultur im Moment?

Verlautbarungen im Kulturbetrieb haben in pandemischen Zeiten gern einen staatstragenden Ton, bedächtig und leicht pathetisch. Ein bisschen Angela-Merkel-mäßig. Aber was ist schon der richtige Tonfall für ein Publikumsfestival wie die Berlinale, die voraussichtlich auf dem Peak der Omikron-Variante hierzulande über die Bühne geht?

Am Dienstagabend terminierte Karl Lauterbach seine jüngste Prognose für den Höhepunkt der aktuellen Welle auf Mitte Februar. Die Programmankündigung der Berlinale-Leitung Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian am Mittwoch kann man da am besten als „Fahren auf Sicht“ umschreiben: Man hält den Fuß ruhig auf dem Gaspedal, ist sich aber der Gefahr bewusst, die hinter der nächsten Kurve lauert.

Man muss das Leitungsduo jedenfalls für seine Pokerfaces bewundern, die keine Schlüsse darauf zulassen, für wie realistisch Rissenbeek und Chatrian die Durchführung ihrer dritten Berlinale (und, Stand heute, ersten Pandemie-Berlinale mit Publikum) halten. „Wir haben nun die Hoffnung, die Filme in Präsenz zu zeigen“, so Rissenbeek. Ihre Formulierung ist noch das deutlichste Indiz für den Zweifel an einem Festivalformat, über das letztgültig die Politik zu entscheiden hat. Eine Online-Berlinale wie im Vorjahr ist zu diesem Zeitpunkt rechtlich und technisch keine Option mehr. Man setzt alles auf eine Karte.

Das Prinzip Hoffnung dominiert auch die Programm-Präsentation als Livestream auf berlinale.de, ohne Medienvertreter. Sie findet – vielleicht ein symbolischer Akt – im Haus der Kulturen der Welt statt, nicht wie sonst im Bundespresseamt. Denn was ist die Berlinale, wenn nicht ein Haus des Weltkinos? Die beiden Wettbewerbe, die offizielle Bären-Konkurrenz und die formenoffene Reihe Encounters, bilden das globale Geschehen der Filmproduktion im Hauptprogramm ab, wobei erneut ein europäisches Übergewicht auffällt – wie zuletzt bereits in Cannes und Venedig zu beobachten war.

Mit der mexikanischen Regie-Debütantin Natalia López Gallardo ist das lateinamerikanische Kino vertreten, aus Asien sind der Filmemacher Li Ruijun (China), die Indonesierin Kamila Andin und der südkoreanische Festivalliebling Hong Sangsoo mit seinem turnusmäßig jährlichen Film im Wettbewerb dabei. Außerdem der französische Expat Rithy Panh, der mit „Everything Will Be Ok“ (nebenbei auch ein schönes Berlinale-Motto) den Nachfolger seines Khmer-Rouge-Dokumentarfilms „The Missing Picture“ präsentiert. Die dokumentarische Form ist unter Carlo Chatrian endgültig im Berlinale- Wettbewerb angekommen.

Sieben Regisseurinnen im Wettbewerb

Die andere gute Nachricht: Um dir Bären konkurrieren sieben Regisseurinnen. Dazu Chatrian, schmunzelnd: „Da können wir uns noch verbessern“. Mit ihrer vierten Regiearbeit „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ (mit Sophie Rois und Udo Kier) ist Nicolette Krebitz erstmals im Wettbewerb vertreten, Berlinale-Veteran Andreas Dresen zeigt seine politische Dramedy „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ über die Mutter des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz, die um seine Freilassung kämpft.

Nur zwei Deutsche im Wettbewerb, wie 2020: Das hiesige Kino wirkt unterrepräsentiert. Rissenbeek dazu auf Tagesspiegel-Nachfrage, diplomatisch: „Die Filmauswahl hängt vom Gesamtkonzept des Wettbewerbs ab, es geht nicht um eine Quote von Nationalitäten.“

Die Plakate hängen bereits am Potsdamer Platz. Die Berlinale zeigt vom 10. bis 20. Februar 256 Filme. Foto: dpa Vergrößern
Die Plakate hängen bereits am Potsdamer Platz. Die Berlinale zeigt vom 10. bis 20. Februar 256 Filme. © dpa

Der österreichische Provokateur Ulrich Seidl und der Schweizer Michael Koch komplettieren das Teilnehmerfeld aus dem deutschsprachigen Raum. Besonders freuen darf man sich auf die Rückkehr der Schweizerin Ursula Meier, die 2012 mit „Winterkind“ einen Silbernen Bären gewann, und auf das Berlinale-Debüt der Arthouse-Ikone Claire Denis mit Juliette Binoche, Vincent Lindon und Bulle Ogier.

Die Liste der Stars, die letztlich anreisen, dürfte bis zum Festivalbeginn stark schwanken, obwohl die Berlinale weiterhin einen Roten Teppich plant – wenn auch unter Ausschluss des Publikums. Auch Rissenbeek, gesteht sie im Gespräch, rechnet bis Ende Januar noch mit weiteren Absagen, von Stars wie von Medienschaffenden.

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Es sind diese Eventualitäten, die das Reden über die Berlinale zum aktuellen Zeitpunkt zu einer so widersprüchlichen Angelegenheit machen. Erst am Dienstag verkündeten die Veranstalter:innen des queeren Teddy Award, dass sie geladene Gäste erwarten – aber auf die traditionelle Party verzichten. Während etwa die Workshops der „Berlinale Talents“ hybrid stattfinden – und der European Film Market wie im Vorjahr exklusiv online. Es stellt sich aber auch die generelle Frage, wie es denn steht mit dem Privileg der Kultur gegenüber anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Brauchen die Menschen gerade wirklich eine Berlinale, um den Preis weiterer Infektionen? Oder jetzt erst recht?

Die Pandemie-Maßnahmen stiften Verwirrung

Rissenbeek versteht solche Vorbehalte, hat aber einen klaren Standpunkt: „Für mich ist die Kultur ein wichtiger Bestandteil einer Gesellschaft, und das Konzept, das wir im ständigen Austausch mit den Gesundheitsbehörden ausgearbeitet haben, trägt der Sicherheit unserer Gäste Rechnung. Zu sagen, wir verzichten ganz aufs Festival, fände ich schwierig. Aber klar ist, dass wir bei einer Verschlechterung der Lage unsere Entscheidungen noch einmal überdenken müssen.“

Diese dynamische Lage stiftet in der filmaffinen Öffentlichkeit zusätzlich Verwirrung, gerade was die Sicherheitsvorgaben und Kontaktbeschränkungen im Festivalalltag angeht. Die wichtigste Veränderung, die die Berlinale gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth und dem Berliner Senat beschlossen hat, ist die Verkürzung des Festivals (mit Presse und Publikum) auf sieben Tage bis zur Preisverleihung am 16. Februar, einem Mittwoch. Die Vorführungen an den letzten vier Tagen bis zum Sonntag sind ausschließlich für das Publikum bestimmt. Wegen der Reduzierung der Platzkapazitäten wird der Bund wieder einen zusätzlichen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag zuschießen.

Die kürzere Premieren-Laufzeit begründet Rissenbeek mit dem Wunsch der Staatsministerin und des Senats, „die Tage, an denen der intensive Berlinale-Betrieb mit Kontakten zwischen Publikum, den Filmteams und den Medien stattfindet, zu reduzieren“. Weitere Maßnahmen werden derzeit nicht erwogen, in den Sälen soll die 2G-plus-Regel mit Maske und 24-Stunden-Test gelten, der bei einer Boosterung entfällt. In den Multiplexkinos werden weniger Leinwände bespielt.

Dass unter diesen Bedingungen kaum die typische Berlinale-Stimmung zu erwarten ist, dürfte das geringere Übel sein. Vielleicht lohnt es daher, daran zu erinnern, dass Carlo Chatrian in seinem dritten Jahr als künstlerischer Leiter das Profil des Festivals weiter geschärft hat, mit einem stärkeren Fokus auf Dokumentarfilme, avancierte Erzählformen und das Autorenkino. Der Rest liegt im Moment außerhalb seiner Kontrolle.

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