Der verhüllte Arc de Triomphe in Paris, 2021. Foto: Alain Jocard/dpa
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Der verhüllte Arc de Triomphe Zwei Wochen, sechs Millionen Besucher – ein unvergessliches Geschenk

Christo und Jean-Claude sind tot, doch ihre Großprojekte leben weiter, wie zuletzt in Paris. Am gewaltigsten Werk arbeitet das Christo-Team gerade erst. Eine Glosse.

Sechs Millionen Menschen sollen den verhüllten Arc de Triomphe aus der Nähe gesehen haben. Die Zahl hat die Christo-Organisation in Paris verkündet. Beim „Wrapped Reichstag“ in Berlin waren es fünf Millionen Pilger, Schaulustige, Passanten. Das klingt nach einer realistischen Schätzung. Und es erinnert daran, dass bei den Großprojekten von Christo und Jeanne-Claude die Menge nichts Bedrohliches hatte. Im Gegenteil: Die gewaltigen Werke verströmten Frieden für einen langen Moment, Orte der Sammlung und Versammlung.

Der Offizialarchitektur nahmen die silbrigen Hüllen die Härte, die temporären Stadtumbauten des Künstlerpaares hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Was einmal sichtbar wurde – der Triumphbogen war zweieinhalb Wochen lang verhüllt –, das bleibt im emotionalen Gedächtnis. Das Vorübergehende dieser Eingriffe in Großstädte oder in die Natur des Grand Canyon, der Inseln vor Florida macht schließlich ihren unsterblichen Reiz aus. Da blättert nichts ab, Patina wird nicht angesetzt, keine Abnutzung.

Als vor ein paar Tagen bei einem Korrespondentenbericht aus Paris der Arc de Triomphe ins Bild kam, sah er alt aus, nackt, gewöhnlich – ein trauriges Bild. Etwas fehlt. Jetzt geht niemand hin und berührt den Stein. In unzähligen Selfies lebt dieses Geschenk des Himmels fort, der sich in den ersten Tagen der Aktion strahlend blau zeigte. Es tat der Seele gut. Man möchte es nicht verpasst haben. Paris erschien in einem neuen Licht.

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Aber es ist immer noch nicht vorbei. Es gibt noch ein allerletztes Projekt von Christo und Jeanne-Claude, von anderer Art. Das Größte, was die beiden je entworfen haben: Mastaba, eine Pyramide in der Wüste, auch dies ein Jahrzehnte alter Plan. 410 000 Ölfässer, so hoch wie das Cheops-Grabmal in Gizeh, nur sehr viel breiter. Der Turm zu Abu Dhabi hat durch den Triumph von Paris einen neuen Schub bekommen. Das Christo-Team arbeitet daran.

Es wäre einmal ein Bau auf Dauer, die Ewigkeit wäre das Limit. Ganz sicher eine gewaltige Attraktion für Touristen am Golf, wo sich die Emirate ja schon mit hypermodernen Museen schmücken. Und zu betrachten als Denkmal für das zu Ende gehende Zeitalter fossiler Brennstoffe, ein Wegweiser in die Zukunft. Mastaba ist keine Fata Morgana, auch wenn von einigen hundert Millionen Dollar Kosten die Rede ist. Christo und Jeanne-Claude gaben nie auf. Ihr langer Atem war legendär. Sie dachten in langen Linien, über den Tod hinaus. Von Mastaba existieren etliche Zeichnungen und auch Bücher. Denn es hat sich erwiesen: Wenn Christo etwas mit seinem Stift berührte, hat sich die Verwandlung eines Tages materialisiert. Seiner Magie konnte sich die Realität nie entziehen.

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