Romantische Kutschfahrt im Central Park: Gatsby (Timothée Chalamet) zeigt seiner College-Liebe Ashleigh (Elle Fanning) das gute alte Manhattan. Foto: Gravier Productions/Jessica Miglio
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Der Regisseur und MeToo Woody Allens neue Romanze entlarvt sein Frauenbild

Nach dem erneuerten Missbrauchsvorwurf gegen Woody Allen haben viele Schauspieler ihre Gagen gespendet. Jetzt kommt „A Rainy Day in New York“ in die Kinos.

Kunst und Moral sind zwei verschiedene Dinge. Die Kunst und der Künstler auch. Das Werk ist frei. Sein Schöpfer hat Schuld auf sich geladen? Es führt ein Eigenleben, hat das Recht auf ein unabhängiges Urteil. So möchte man es gerne halten, ja, man beschwört es inzwischen geradezu bei all den Debatten um NS-Verstrickung oder MeToo, um Emil Nolde, James Levine, Michael Jackson und Roman Polanski.

Aber es klappt nicht. Der Blick auf das Bild, der Genuss der Musik ist kontaminiert vom Wissen um das mutmaßliche oder nachgewiesene Verhalten des Künstlers. Die Wahrnehmung verschiebt sich. Bei Woody Allens neuem Film „A Rainy Day in New York“, einer romantischen Komödie um ein College-Pärchen aus reichem Hause, das ein verregnetes, von Kameramann Vittorio Storaro in goldgelbes Nostalgielicht getauchtes New-York-Wochenende verbringt und einige Turbulenzen erlebt, wird die Trennung von Autor und Werk vollends unmöglich. So sehr man sich auch bemüht.

Der Weinstein-Skandal war 2017 mitten in die Dreharbeiten geplatzt. Etliche Mitwirkende haben sich seitdem von Woody Allen distanziert; Timothée Chalamet, Rebecca Hall und Selena Gomez spendeten ihre Gagen an MeToo-Initiativen wie „Time’s Up“. Inzwischen läuft der Film in einigen europäischen Ländern, in Deutschland startet er am Donnerstag in den Kinos. In den USA hat er hingegen keinen Verleih, seit Amazon einen Vier-Filme-Deal mit Allen aufgekündigt hat. Die Vorwürfe, die ja nicht neu sind, hatte die Firma vor Bekanntwerden des Skandals nicht von dem Deal abgehalten. Aber als auch Allen in den MeToo-Fokus geriet, rückte Amazon lieber von ihm ab. Geschäft ist Geschäft.

Der Regisseur klagte auf mindestens 68 Millionen Dollar , im November einigte man sich. Details über Zahlungen wurden nicht bekannt.

Worum geht es ? Woody Allens und Mia Farrows Stieftochter Dylan sagt, er habe sie im August 1992 auf dem Dachboden unsittlich berührt. Allen bestreitet dies, bis heute. Damals verliebte er sich in Soon-Yi Previn, eine andere, bereits volljährige Stieftochter, seine heutige Ehefrau. Die Folge war ein Scheidungskrieg zwischen Mia Farrow und ihm, bei dem der Missbrauchsvorwurf eine zentrale Rolle spielte.

Aussage steht gegen Aussage beim Missbrauchsvorwurf gegen Woody Allen

Zur Anklage kam es nicht, mangels „beweiskräftiger“ Aussagen. Dylans Bruder Ronan Farrow bestätigt die Anschuldigungen neuerdings wieder, ihr anderer Bruder Moses beglaubigt Allens Unschuld. Aussage steht gegen Aussage in diesem schrecklichen Familiendrama. Und Woody Allen spricht auch in diesen Tagen von einem Irrtum .

Wem soll man glauben?

Dabei würde man Film und Leben zu gerne auseinanderhalten. Nicht jede der rund 50 Allen-Produktionen ist ein Meisterwerk. Aber bei den alljährlichen Kinostarts des fünffachen Oscarpreisträgers tauchte in 50 Jahren regelmäßig Meisterliches auf, vom „Stadtneurotiker“ bis zu „Match Point“, zuletzt etwa „Midnight in Paris“ (2011) und „Blue Jasmine“ (2013).

Andernfalls hatte man halt einen netten Kinoabend, auch wenn die Nostalgie und das Altbackene von Allens Pointen in jüngster Zeit zunahmen. Meine Güte, der Mann ist am Sonntag 84 geworden.

Mit Tweedjacke: Woody Allens Alter Ego heißt ausgerechnet Gatsby

Auch diesmal ist man wild entschlossen, einen netten Abend zu verbringen, trotz der von Dylan Farrow 2014 und 2018 erneuerten Missbrauchsvorwürfe. Und man freut sich zunächst, dass Allens 23-jähriges Alter Ego in „A Rainy Day in New York“ ausgerechnet Gatsby heißt. Mit Tweedjacke, Zigarettenspitze und einer unverbrüchlichen Liebe zu Charlie-Parker-Jazz, dem Sinatra-Song „Everything Happens To Me“ und zur Pianobar im Carlyle Hotel ausgestattet, ist dieser Upper-Class-Boy deutlich als anachronistische Figur gekennzeichnet, wie F. Scott Fitzgeralds gleichnamiger Romanheld.

Humor in eigener Sache, das war schon immer eine Spezialität von Woody Allen. Und Timothée Chalamet („Call Me By Your Name“) spielt diesen Unzeitgemäßen mit großem Charme.

Selena Gomez, hier bei den Dreharbeiten mit Woody Allen, spielt Chan, die einzige coole Frau im Film. Foto: Gravier Productions/Jessica Miglio Vergrößern
Selena Gomez, hier bei den Dreharbeiten mit Woody Allen, spielt Chan, die einzige coole Frau im Film. © Gravier Productions/Jessica Miglio

Auch das Milieu könnte noch als Selbstironie durchgehen. Gatsbys Collegefreundin Ashleigh kann für die Uni-Zeitung den Kultregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen, deshalb der Kurztrip nach New York. Aus Gatsbys Plan, der reichlich naiven Provinzblondine aus Tuscon, Arizona, bei der Gelegenheit sein gutes altes Manhattan zu zeigen, wird jedoch nichts. Denn die Filmszene, in die Ashleigh hineingerät, ist von eben jenen Machostrukturen geprägt, die mit der MeToo-Debatte offenkundig geworden sind. Regisseur Pollard, Drehbuchautor Ted (Jude Law) und Starschauspieler Francisco Vega (Diego Luna) vereinnahmen die arglose Ashleigh als Muse, Assistentin und um ein Haar auch als Betthupferl.

Macht Woody Allen sich ehrlich, mit selbstkritischem Blick auf die Filmbranche?

Was den alleingelassenen Gatsby zu der Frage provoziert, warum junge Frauen alternde Männer so attraktiv finden. Und dem Publikum die peinliche Episode einer Flucht über die Feuerleiter beschert, mit einer zitternden Ashleigh, die nichts als Dessous unter dem Mantel trägt.

Macht sich da einer ehrlich? Erzählt Woody Allen einerseits sentimental von „seinem“ Kinomärchen-Manhattan samt Kutschfahrt und Rendezvous am Uhrenturm beim Central Park Zoo, und gleichzeitig sarkastisch von den sexistischen Gepflogenheiten seiner Branche? Von Regie-Egos, die vor lauter Selbstzentriertheit bei einer jungen Frau bestenfalls das Fanpotential wahrnehmen? Also das, was sich missbrauchen lässt?

Merke: Frauen sind Männern zu Diensten, und sie wollen es so

Mit genauerem Blick auf die Frauen in Film schwindet die Hoffnung auf eine selbstkritische Haltung jedoch. Elle Fanning als Ashleigh mag noch so energisch versuchen, der blutjungen, sämtliche Typen in dieser Männerfilmwelt hysterisch anhimmelnden Landpomeranze etwas Esprit zu verleihen. Das Drehbuch lässt ihr keine Chance, dem Stereotyp zu entkommen.

Weiter im Angebot: die Frau des Drehbuchautors (Rebecca Hall), die ihren Mann betrügt; die Edelprostituierte (Kelly Rohrbach), die Gatsby als Ersatzfreundin zur Herbstsoiree seiner Mutter mitschleppt, die Mutter selbst (Cherry Jones) , die eine ähnliche Vergangenheit outet. Und Gatsbys Schwägerin in spe, die ein derart entsetzliches Lachen an den Tag legt, dass man sich den Heiratsbedenken des Bruders nur voller Zustimmung und Mitleid anschließen kann.

Merke: Frauen sind blöd, sie sind Männern zu Diensten, und sie wollen es so.

An den Wänden hängen Frauenakte: ein MeToo-Kommentar Woody Allens?

Und während an den Wänden der Bars oder in den Elternhäusern von Gatsby und Co. lauter Ölschinken von Frauenakten hängen (als Racheakt an jenen Museen, die im Zuge von MeToo Bilder abhängten?), gestattet Woody Allen die eine berühmte Ausnahme. Beim Flanieren durch Greenwich Village gerät Gatsby in die Dreharbeiten eines alten Schulfreundes und an einen Filmkuss hinter verregneter Windschutzscheibe. Seine Kusspartnerin Chan (Selena Gomez) ist die einzige normale, ihm ebenbürtige Frau, cool, nicht hysterisch. Kein Wunder, stammt doch auch Chan aus reichem, gebildetem Hause mit Flügel im Salon.

Ashleigh (Elle Fanning) himmelt den Kultregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber, M.) und seinen Drehbuchautor (Jude Law) an. Foto: Gravier Productions/Jessica Miglio Vergrößern
Ashleigh (Elle Fanning) himmelt den Kultregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber, M.) und seinen Drehbuchautor (Jude Law) an. © Gravier Productions/Jessica Miglio

Womit auch die Klassenfrage unmissverständlich beantwortet wäre. Einer wie Gatsby sollte sich an der Uhr im Central Park besser mit Seinesgleichen verabreden und nicht mit einem Mädchen aus Arizona. Worüber redest du mit der eigentlich, wird er einmal gefragt, über Kakteen? Kein guter Witz.

Seinen nächsten Film hat Woody Allen mittlerweile in Spanien abgedreht. Selbst wenn der Fall je geklärt werden und er unschuldig sein sollte: Figuren wie die dumme Blondine oder sich „hochschlafende“ Frauen haben in dieser Vielzahl nichts auf der Leinwand zu suchen. Jedenfalls nicht in einer Romanze. Von Sottisen wie der Hand-in-den-Mund-Arbeit des Gatsby begleitenden Callgirls zu schweigen.

Diesmal ist es umgekehrt: Das Werk kontaminiert die Wahrnehmung des Künstlers. Woody Allen hat sich in die Trotzecke manövriert.
Ab Donnerstag in den Kinos

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