Alles in Audiards Kino unterliegt im Zweifelsfall einem extrem ästhetischen Konzept

Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) studiert eine Zeitung aus der Heimat. Foto: Weltkino
Der Palmen-Gewinner "Dämonen und Wunder - Dheepan" Eine Familie werden

Wie radikal er sich die Wirklichkeit aneignet, um nicht zu sagen: unterwirft, zeigt Audiard mit der Wahl der Pariser Fantasie-Banlieue „Le Pré“, in der sein prekäres Helden-Trio landet. Dheepan arbeitet dort als Hausmeister, und während die falsche Tochter Illayal (Claudine Vinasithamby) in der Grundschule schnell Fortschritte macht, wird Yalini (Kalieaswari Srinivasan) als Köchin für einen gelähmten Mann im Wohnblock nebenan angestellt. In dieser Cité regiert lautstark eine Drogenmafia, Bewaffnete patrouillieren Tag und Nacht auf den Flachdächern – und von Polizei ist weit und breit nichts zu sehen. Ganz so exterritorial ticken selbst die Brennpunkt-Banlieues kaum, weiß auch Audiard, aber „ich mag eben die Uniformen der französischen Polizei nicht, also filme ich sie nicht“. Und er fügt kategorisch hinzu: „Ordnungskräfte im Kino sind uninteressant.“

Die Jury hat ihm ihm Zuflucht zum Thriller nicht übel genommen

Alles in Audiards Kino unterliegt im Zweifelsfall einem extremen ästhetischen Konzept, und so lässt sich auch der dreifache Genre-Wechsel vom Flüchtlingsdrama über die – sehr behutsam in Szene gesetzte – Liebesgeschichte hin zum Thriller verstehen. Als Hausmeister Dheepan, den die eigene Vergangenheit als Befreiungskämpfer längst einholt, seine Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in jeder Hinsicht schwinden sieht, markiert er mit Kreide zwischen den Häusern eine „No Fire Zone“ – die Linie, hinter der auch dramaturgisch das Glücksversprechen endet und der Showdown beginnt. Doch auch hier, wo er sein Publikum in eine verzweifelte Rebellion hineinreißt, besteht Audiard auf der puren Fiktion. „Die Gewaltepisoden in meinen Filmen sind der Moment, in dem die Figuren sich entwirklichen. Man weiß, Kugeln und Schläge im Kino sind unecht. Also ist die Unverletzlichkeit des Filmhelden ohnehin kinematografisch.“

Heißt das, auch der Zuschauer findet gewissermaßen grundsätzlich nicht ins identifikatorisch befeuerte Geschehen? Im Gegenteil, „Dämonen und Wunder“, dieses Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ist durchweg packendes Kino. Wobei ihm die Zuflucht zum schlichten Thriller zwar viele Kritiker, nicht jedoch die von den Coen-Brüdern angeführten Juroren übel genommen haben. Auch Einwänden gegenüber dem moralisch fragwürdigen, glatten Epilog entzieht sich Audiard auf seine Weise. Die letzte Filmminute spielt in London, aber wie kommt es zu der surreal tropischen Sonne? „Die Szene habe ich in Indien gedreht. In London hätte ich auf so ein Wetter bis 2050 warten können.“ Ein Öko-Witz, klar. Oder eine weitere Finte, konsequent fürs Bild arrangiert.

Ein Freiheitskämpfer, der nur noch für die Liebe kämpft: Mehr als diese – tröstliche, privatistische – Botschaft hat „Dämonen und Wunder“ im Ergebnis nicht zu bieten. Aber er kleidet sie in eine schmucklos und kraftvoll dargebotene Erzählung, die von ihren Protagonisten glaubwürdig – ja, man möchte vorsichtig behaupten: authentisch – verkörpert wird. „Dämonen und Wunder“ wirkt, wenn auch früher erdacht und fertig gedreht, wie der aktuelle Film zur Willkommenskultur, ganz auf der Seite der unzähligen Flüchtlinge, die unter schrecklichsten Umständen zusammenfinden und zusammenstehen.

Einmal aber wird Jacques Audiard doch aktuell programmatisch. „Flüchtlinge haben meist kein Gesicht, keinen Körper, keinen Namen, keine Identität – schon verrückt, dass einen erst ein totes Kind am Strand daran erinnert. Meinen Figuren gebe ich all das, auch ein Unbewusstsein. Wenn unsere Militärs aus Afghanistan oder dem Irak zurückkommen, dann kümmern sich Experten um ihre Kriegstraumata, aber wie ist es mit den Flüchtlingen, die durch ähnliche Höllen gegangen sind?“ Ein perfektes Statement, um für diesen Film zu werben. Aber bei dem impulsiv formulierenden Jacques Audiard klingt es, und das macht es noch überzeugender, als hätte er sich wieder durch einen neuen Gedanken überrascht.

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