Der junge georgische Filmemacher Nicolas (Dato Tarielachvili) spielt in "Chantrapas" das Alter Ego Iosselianis. Foto: Arsenal Institut
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Der georgische Filmemacher Otar Iosseliani Ein Kino, das so gut altert wie Wein

Das Berliner Arsenal Kino widmet dem 87-jährigen Otar Iosseliani eine Online-Retrospektive. Eine Begegnung mit einem Exzentriker des europäischen Autorenkinos.

Man kann sich den georgischen Regisseur Otar Iosseliani wunderbar als Figur in einem seiner Filme vorstellen. Als den idealistischen Jungwinzer etwa im Langfilmdebüt “Weinernte” von 1966, der gleich in seinem ersten Job in einer Weinkooperative die Realität der sowjetischen Planwirtschaft erfahren muss: Die Produktionsquote ist wichtiger als Handwerk und Qualität.

Als den französischen Aristokraten in seinem bislang letzten Film “Winter Song” (2015), der nicht mal beim Gang zur Guillotine die Pfeife aus dem Mund nimmt – und die, als der Kopf über den Boden rollt, immer noch störrisch zwischen den Lippen klemmt. In “Marabus!” (1999) als trinkfreudigen Vertreter des alten Landadels, vom Regisseur selbst gespielt, der eine Gruppe Stadtstreicher befreundet und mit ihnen den Weinkeller leert.

Und natürlich den eigensinnigen Filmemacher im autobiografischen “Chantrapas” (2010), der erst am russischen System verzweifelt und im französischen Exil dann an der Macht der Produzenten. Der 87-jährige Iosseliani ist ein Reisender zwischen den Welten: ein Traditionalist und Rebell, ohne Klassendünkel, in den sechziger und siebziger Jahren auch das fehlende Bindeglied zwischen Sowjetkino und Nouvelle Vague.

Das Arsenal Institut, das die Filme dieses georgischen Unikums seit zwei Jahren in Deutschland verleiht, zeigt im April eine kleine Online-Retrospektive mit sieben Filmen aus Iosselianis fünf Dekaden umfassender Karriere. Eine schöne Gelegenheit für die Wiederbegegnung mit einem der widerspenstigsten und feinsinnigsten Œuvres im europäischen Autorenkino.

Sympathischer Anachronismus, der nie aus der Mode kommt

Iosseliani bewegt sich seit jeher am Rande der Filmindustrie: in der Sowjetunion sowieso, wo jede seiner Arbeiten postwendend verboten wurde. Aber auch in Frankreich, wo er seit Mitte der Achtziger dreht und nach dem Ende der Sowjetunion einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Er war stets ein gern gesehener, so geselliger wie streitbarer Festivalgast; seine Filme gewannen in Berlin, Cannes und Venedig Preise.

Inzwischen wirkt er mit seiner Liebe für die Klassiker Alexander Dowschenko (sein Mentor – und Namenspatron für das Arsenal), Charlie Chaplin, René Clair und Jacques Tati wie ein sympathischer Anachronismus, auch wenn wegen der Zeitlosigkeit seines Werkes nie die Gefahr bestand, dass er aus der Mode kommen könnte.

Vor zwei Jahren besuchte Iosseliani zum letzten Mal Berlin, mit der ehemaligen Mauerstadt verbindet ihn eine lange Geschichte. Ulrich und Erika Gregor hatten seine Filme schon im Arsenal gezeigt, bevor 1982 seine wohl schönste Giftschrank-Preziose “Pastorali” über den Kultur-Clash zwischen einer Gruppe Musiker:innen und den Bewohnern einer Landkolchose auf der Berlinale lief – mit sieben Jahren Verspätung.

1986 saß er in der Berlinale-Jury, zwei Jahre später kehrte er im Rahmen des DAAD-Programms in die Stadt zurück. Nicht zuletzt wegen dieser Verbindung hat sich das Arsenal der Pflege seines Gesamtwerks angenommen.

Gespräche mit dem Exzentriker Otar Iosseliani stehen in dem Ruf, immer ein wenig unberechenbar zu sein; sie können schon mal in Litaneien über den Verfall der Kultur und Exkurse in die Film- und Literaturgeschichte ausufern. Auch zeigt er wenig Milde gegenüber der Ignoranz seiner Mitmenschen, kann in seiner subtilen Herablassung allerdings durchaus liebenswürdig sein. Ein Überbleibsel seines bürgerlichen Elternhauses in Tiflis.

Lehrjahre mit dem revolutionären Kino

Iosseliani wuchs als Einzelkind ohne Vater auf, der nach dem Offiziersdienst in der zaristischen Armee zum Tod verurteilt (und nur durch einen Zufall gerettet) worden war. 1937 landete der Vater dank Stalins Säuberungen in Sibirien, zwanzig Jahre verbrachte er in Arbeitslagern. Kein Wunder, dass in den georgischen Filmen Iosselianis eine schelmische Dissidenz allgegenwärtig ist.

“Aber meine Kindheit war perfekt”, beteuert er. “Ich wurde von Frauen aufgezogen, meiner Mutter, meinen Tanten und meiner Großmutter. Ich war noch ein Kind der alten Epoche. Die Reste des georgisches Bürgertums nach dem Zarenreich waren sehr kultiviert.”

Seit über 50 Jahren ist Otar Iosseliani für eines der eigenwilligsten Œuvres im europäischen Autorenkino verantwortlich. Foto: Arsenal Institut Vergrößern
Seit über 50 Jahren ist Otar Iosseliani für eines der eigenwilligsten Œuvres im europäischen Autorenkino verantwortlich. © Arsenal Institut

Diese angeborene Autorität lässt Iosseliani einen trotz seiner schmächtigen Erscheinung im Gespräch stets spüren. Schon sein Lehrer Dowschenko an der staatlichen Filmhochschule WGIK in Moskau, wohin die einstigen Größen des revolutionären Kinos (Lew Kuleshow, Michael Romm etc.) von der Partei aufs Abstellgleis rangiert worden waren, habe sich darüber lustig gemacht, erinnert sich Iosseliani schmunzelnd.

“Zwei Monate vor seinem Tod 1956 rief mich Dowschenko zu sich und erklärte mir, dass ich für das Kino zu schwach sei. Die werden sie platt machen, sagte er. Ich entgegnete ihm damals, dass ich nur äußerlich schwach erscheine.” Das russische System habe ihm dann auf die harte Tour gelehrt, dass das Filmemachen ein Beruf ist, der es wert sei, dass man für ihm kämpfe.

Dabei ist dieses Kino alles andere als revolutionär. Man versteht allerdings auch, dass Iosselianis Mischung aus ironischer Dissidenz und dionysischer Lebensfreunde – Wein fließt in seinen Filmen reichlich – mit dem Staatsmodell eines sozialistischen Realismus unvereinbar war. Der junge Konzertmusiker aus “Es war einmal eine Singdrossel”, der Iosseliani 1971 international bekannt machte, ist weniger widerständig, sondern schlichtweg nicht zu greifen. Er verpasst Ensembleproben, versetzt seine zahlreichen Freundinnen, ist arrogant und treibt ziellos durch die Straßen.

Iosseliani etablierte hier früh seinen unverwechselbar fluiden Stil, der eher an Freejazz-Improvisationen als an Partituren erinnert. Wohl auch ein Grund, warum er 1952 sein Studium der klassischen Musik am Konservatorium in Tiflis nach acht Jahren schmiss. Seine Erzählweise beschrieb er mal als ein Puzzle aus nicht zusammen passenden Teilen.

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