Mit Porträts von Künstlerstars wurde er bekannt - doch Jim Rakete ist vielseitiger. Foto: dpa
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Der Fotograf Jim Rakete wird 70 Nina, Nena, Gerhard und die anderen

Er will ein Chronist des echten Lebens sein: Am 1. Januar feiert der Fotograf Jim Rakete seinen 70.Geburtstag.

Jim Rakete fährt jetzt Fahrrad und bevorzugt Gemüse. Diese Einsicht in das Leben des berühmten Berliner Fotografen war der Deutschen Presse Agentur eine Meldung wert und kurz darauf als Abdruck in allen möglichen Zeitungen zu lesen. Es lässt einen einigermaßen ratlos zurück: Was an Raketes Statement ist so ungewöhnlich, dass es sogar die Neuigkeit eines ersten Films namens „Now“ in seinem Werk überstrahlt?

Überrascht, dass der gebürtige Berliner von liebgewonnenen Ritualen wie dem Autofahren ablassen kann, obwohl er am 1. Januar seinen 70. Geburtstag feiert? Geistige Flexibilität gilt als Attribut der Jüngeren – und genau mit ihnen drehte Jim Rakete unlängst „Now“, eine Dokumentation über die globalen Klimarebellen, die irgendwann nach dem Lockdown 2021 in die Kinos kommt. Hat er sich also von nicht einmal halb so alten Gretas und Luisas zu einem neuen, spartanischen lifestyle überreden lassen?

Tatsächlich war Rakete immer wach und politisch. Das Attentat auf Benno Ohnesorg 1967 gab ihm den Grund, Fotograf zu werden. Bekannt geworden ist er später allerdings mit den Porträts von Prominenten: Natalie Portman, Quentin Tarantino, Wim Wenders, Sean Connery, dem Supermodel Linda Evangelista. Bis weit in die achtziger Jahre trat er von Kreuzberg aus jedoch erst einmal als Manager von Bands wie Spliff oder Die Ärzte oder den Sängerinnen Nina Hagen und Nena auf, für die er fotografierend gleich auch ein Image kreierte. Meist mit minimalen Requisiten ohne Ablenkung.

Raketes schwarz-weiße Frontalaufnahmen aus jener Zeit sind unauslöschlich im Gedächtnis verankert. Wer Nina Hagen denkt, sieht das LP-Cover mit Zigarette von 1978, das der Fotograf mit Wattebausch und Lasurfarbe leicht rötlich getönt hat. Die internationalen Stars der Branche – Mick Jagger, David Bowie, Jimi Hendrix – kamen in Berlin sowieso vorbei und wurden von Rakete während ihrer Konzerte abgelichtet.

In den Neunzigern bekam seine Arbeit internationalen drive. Er lebte in Hamburg, fuhr nach Los Angeles, drehte Musikvideos und Werbeclips. Und er warb für Gerhard Schröder allein mit der Qualität seiner Fotografien: der Bundeskanzler privat beim Spaziergang mit Holly, dem Familienhund. Irgendwann dann ging ihm die mediale Reizüberflutung auf die Nerven, der Boom der Digitalisierung mündete 2007 in dem aufwendigen Deutschland-Projekt „1/8 sec. – vertraute Fremde“. Rakete als fotografischer Herkules mit einer unpraktischen Plattenkamera und der Idee, 150 Kulturarbeitern möglichst direkt ins Gesicht zu schauen. Unaufgeregt, ohne Kunstlicht und mit einem Minimum an Requisiten.

Mit solchen Aufnahmen hat sich der Autodidakt, der als Teenager kurz in einem West-Berliner Fotostudio hospitierte und 2012 als Praxisstipendiat in die römische Villa Massimo ging, in Ausstellungen von Museen wie Galerien katapultiert. Seine strengen, schnellen Aufnahmen sind Teil der Sammlungen des Deutschen Filmmuseums oder dem Museum Folkwang. Zwischendurch arbeitet er für Magazine wie „Chrismon“, lichtet einen 18-jährigen Hospizpatienten ab und für das Straßenmagazin „Karuna“ obdachlose Jugendliche. 2018 entstand ein Werbespot für Toyota, diesmal mit Rakete vor der Kamera: Im Frühjahr zeigte er sich mit der jungen Schauspielerin Jella Haase, um für einen Hybrid zu werben. Rakete reiste dafür nach Los Angeles und erinnert sich an die Neunziger. Filmaufnahmen, aber auch das verschleuderte Benzin für große Karren. Der Clip ist lang, natürlich schwarz-weiß und eine Reaktion seinerseits auf „die Diesel-Starre in unserem Land“, die er unerträglich findet. Das verriet der Fotograf in einem der Interviews, in denen er immer wieder Position bezieht.

2018 bekam er den Verdienstorden der Bundesrepublik für sein Lebenswerk – aber das scheint längst noch nicht abgeschlossen zu sein. Es gibt das Fotostudio in Kreuzberg und den Film „Now“, in dem Rakete die für ihn essentiellen Themen trotz der bewegten Bilder in typischer Rakete-Manier angeht: politisch ambitioniert, wach, ungeschminkt und ganz direkt. Christiane Meixner

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