Kinolegenden. Nouvelle-Vague-Ikone Françoise Lebrun und Horror-Regisseur Dario Argento spielen das ältere Ehepaar. Foto: Rapid Eye Movies
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Demenzdrama „Vortex“ im Kino Sturz ins Leere, Sog der Unendlichkeit

Der Franzose Gaspar Noé ist für sein Kino der Schockeffekte berüchtigt. Sein Demenzdrama „Vortex“ ist nun ein stiller Liebesfilm über ein langsames Verdimmen.

Paris ist die Stadt der Liebe. Und manchmal auch die Stadt eines langsamen Todes. Die Kamera sinkt zu Beginn von Gaspar Noés „Vortex“ vom Himmel herab, gleitet über die Häuserdächer, über ein Wasserreservoir – und bleibt am Balkon einer Dachgeschosswohnung hängen. Ein neuer Morgen in Paris, über den Innenhof hinweg lächeln sich Lui und seine Frau Elle in zwei Fenstern ihrer Wohnung an. „Es ist bereit“, sagt sie. Dann gibt es erstmal ein Sektfrühstück auf dem Balkon. So lässt sich das Rentnerdasein genießen.

Überhöhte Perspektiven sind im maßlosen Werk des argentinisch-französischen Provokateurs Gaspar Noé häufiger anzutreffen. Am Schluss von „Enter the Void“ (2009) verlässt der Geist des Protagonisten seinen Körper, erhebt sich in die Lüfte, seiner Wiedergeburt entgegen. „Vortex“ ist, trotz der ähnlichen Bewegungen, die beide Titel suggerieren, das Gegenstück zu Noés bislang vielleicht bestem, ganz sicher aber interessantestem Film. Da der Sturz in die gähnende Leere, nun der Sog der Unendlichkeit.

„Das Leben ist ein Traum“, sagt Elle beim Frühstück zu Lui. Der entgegnet: „Das Leben ist ein Traum in einem Traum“. Der Extrem-Transzendentalist Noé neigt in seinen Filmen, neben einem notorischen Hang zur Gewalt, gelegentlich auch zu schlichten metaphysischen Betrachtungen. Diese schlagen sich meist in der Form nieder: ungeschnittene Einstellungen, verkehrte Chronologien, Kamerafahrten.

Die Schlusscredits von „Vortex“ stehen wie in allen seinen Filmen am Anfang, das letzte Bild soll nachwirken. Diesmal geben die Titel aber noch eine andere wesentliche Information preis: das Geburtsjahr seiner Hauptdarstellerin und seines Hauptdarstellers. Françoise Lebrun, 1944. Dario Argento, 1940. Und eine Widmung, die es in sich hat: „Für alle, deren Gehirn sich früher zersetzen wird als ihr Herz“.

Metaphysik aus Leben und Kino

Die beiden Kinolegenden bringen auf der Metaebene ihre eigene Geschichte in den Film ein: der italienische Horror- und „Giallo“-Impresario Argento und die Nouvelle-Vague-Ikone Lebrun, Star aus Jean Eustaches Klassiker „Die Mama und die Hure“ und heute Stammschauspielerin in den Filmen von Guillaume Nicloux („Die Entführung des Michel Houellebecq“). Die Metaphysik aus Leben und Kino erhebt „Vortex“ noch einmal über das bisherige, kontroverse Werk Noés, der hier mit seinem bislang schönsten formal-technischen Gimmick aufwartet. Der Split-Screen, den er bereits nach wenigen Minuten zwischen Lui und Elle einzieht, entfaltet im Verlauf der 140 Minuten eine zwingende, wenn auch konzeptuell nicht immer schlüssige Logik. Zwar sind die Ehepartner meist gemeinsam auf der Leinwand zu sehen, jedoch fast nie im selben Bild.

Lui und Elle leben in unterschiedlichen Realitäten. Während er an seinem Buch über Kino und Psychoanalyse arbeitet, wandert sie vor sich hinmurmelnd durch die beengte, vollgestellte Wohnung oder blickt am Küchentisch apathisch an die Wand. Auf dem Weg zur Apotheke verläuft sich Elle, Lui muss sie am Kiosk an der Ecke abholen.

So verdichtet „Vortex“ in seiner Bilderanordnung zwei Wahrnehmungszustände. Das gimmickhafte Spiel mit der Form überhöht die Banalität des Alltags, die Routinen der Ehe, die am Ende eines Lebens nur noch einer Pragmatik folgen: aufstehen, zur Toilette gehen (Noés Stamm-Kameramann Benoît Debie folgt den beiden bis in den hintersten Winkel der verschachtelten Wohnung), das tägliche Sortieren des Tabletten-Cocktails, eine liebevolle Berührung am Arm. Ihr ehemals drogenabhängiger Sohn Stéphane (Alex Lutz), der gelegentlich mit Enkel Kiki (Kylian Dheret) nach dem Rechten schaut, ist vom schwindenden Geisteszustand seiner Mutter, früher selbst eine Psychiaterin, ebenso überfordert wie Lui.

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Der Lauf der Vergänglichkeit

Man wartet lange auf den Noé-üblichen Schockeffekt, aber „Vortex“ spart sich dramatische Zuspitzungen. Sein Film folgt bloß dem Lauf der Vergänglichkeit. „Ich möchte sterben“, sagt Elle in einem klaren Moment. Es ist dann aber Lui, der nach einem Herzanfall stirbt und seine hilflose Frau allein zurücklässt; möglicherweise eine dieser zynischen Pointen Noés. (Wobei der Regisseur der Letzte ist, der behaupten würde, dass es im Leben gerecht zuginge.) Vielleicht ist es aber auch nur eine selbstbewusste Spitze gegen die Rollenbilder seines eigenen Films: der bis ins hohe Alter kreative Mann mit einer jungen Geliebten, die Frau, die den Realitätsbezug verliert. Eigentlich müsste Luis Bildkader nun bis zum Ende leer bleiben, aber so konsequent ist Noé dann doch nicht.

(In acht Berliner Kinos, alle OmU)

Die Parallelen zu Michael Haneke, der mit „Liebe“ (2012) ebenfalls zwei Kinolegenden grandiose Altersrollen schenkte, sind offensichtlich. Ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied zum Österreicher Haneke besteht in der Lebenswirklichkeit, die Noé einfängt. „Vortex“ ist keine Zurschaustellung des Pariser Bildungsbürgermilieus mit seinen Altbauwohnungen. Im Apartment von Lui und Elle, in der sich Bücher, CDs, VHS-Kassetten und Magazine bis unter die Decke stapeln, hat das Leben Spuren hinterlassen, die die rastlose Kamera bei ihren Fahrten unentwegt erkundet.

Es gibt noch einen Unterschied: Wo Haneke – des Zynismus ebenfalls nicht unverdächtig – einer verblassenden Romantik nachspürt, verfällt Noé in seiner ungerührten Beobachtungsgabe nie der Sentimentalität des Alterns. Gerade durch diese empathische Distanz entfaltet „Vortex“ seine emotionale Kraft. Am Ende der Reise lassen sich zwei Leben in ein paar Kisten verpacken: ein letzter Streifzug durch die leere Wohnung, eine Diashow mit Erinnerungen an ein erfülltes Leben. Der Split-Screen schließt sich wieder, vereint zwei Menschen im Tod. Und dann, Noés finaler Stunt, kippt die Kamera und stellt die Welt auf den Kopf.

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