Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters. Foto: Doris Spiekermann-Kklaas
© Doris Spiekermann-Kklaas

Debatte zur sexuellen Gewalt "Frauen sind nicht sicher"

Shermin Langhoff Annemie Vanackere

Sexismus in der Theaterbranche: Wie sehen die Intendantinnen des Maxim Gorki Theaters und des Hebbel am Ufer die Situation? Zwei Statements.

Ich finde es spannend, dass wir mit der #MeToo-Kampagne wieder von Amerika lernen. Das hat sicher damit zu tun, dass sich angesichts des Trumpismus die Notwendigkeit einer neuen feministischen Bewegung gezeigt hat. Ich erinnere mich an die Kampagne der Lila Nadeln in Istanbul. Wir Jugendlichen damals fuhren mit Nadeln gerüstet in den öffentlichen Bussen, wo es zum Alltag gehörte, dass sich irgendein Mann an uns rieb.

Wir müssen weitere kreative Aktionen entwickeln, um darauf hinzuweisen, was wahr ist und wahr bleibt. Aber neben aller Kreativität, die notwendig ist, dürfen wir nicht so tun, als ob wir es nicht wüssten. Wir wissen, jede Frau hat Sexismus-Erfahrung. Jede zweite Frau macht laut einer EU-Studie Gewalterfahrungen, und bei jeder dritten Frau sind es sexuelle Gewalterfahrungen. Viele dieser Übergriffe erleben sie im Kindesalter. Frauen sind nicht sicher, nicht im Theater, nicht im Film, nicht an anderen Arbeitsplätzen, nicht auf der Straße und nicht einmal zu Hause. Das erzählt uns etwas über Machtmechanismen, die wir infrage stellen müssen.

Auf die Aussagen der Frauen wird mit Beschimpfungen reagiert

Notwendig ist eine politische und juristische Praxis, die hinsieht und nicht wegsieht. Und die den wenigen Fällen, die überhaupt zur Anzeige kommen, so nachgeht, dass die Frauen, die diese anzeigen, sich in der Öffentlichkeit und bei den Behörden nicht rechtfertigen müssen. Denn oft müssen die Frauen dann beweisen, dass sie wirklich nein gesagt haben, dass sie sich wirklich gewehrt und nicht selbst verführt haben.

Das ist doch der eigentliche Skandal. Bei den Reaktionen auf #MeToo bekommt man jetzt einen Eindruck davon, wenn auf die Aussagen der Frauen mit Beschimpfungen, Unterstellungen und Unverständnis reagiert wird. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Sexismus und sexueller Nötigung. Sexismus ist der Nährboden für Geschlechterungerechtigkeit und Machtmissbrauch. Dessen müssen wir uns bewusst werden, erst recht in den Theatern, die sich als moralische Anstalten gebärden, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Jeder einzelne. In diesem Sinne: #YouToo!

Shermin Langhoff ist Intendantin des Maxim Gorki Theaters

Annemie Vanackere, Intendantin des Theaters Hebbel am Ufer (HAU). Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Annemie Vanackere, Intendantin des Theaters Hebbel am Ufer (HAU). © Kai-Uwe Heinrich

"Geschichten von Männern dominieren"

Nele Hertling wurde 1989 Intendantin des Hebbel-Theaters (heute das HAU1) und berichtet von schwierigen Bedingungen als Frau in dieser Position. Seit der Zeit meiner Vorvorgängerin hat sich einiges geändert, aber es sorgt immer noch für Verblüffung, wenn ich erzähle, dass ich Chefin eines Teams bin, das vor allem aus Frauen besteht. Technische Leiterinnen und Verwaltungsleiterinnen sind 2017 noch sehr selten.

Ich betrachte es als großes Problem, dass wir ständig mit männlichen Perspektiven auf die Welt konfrontiert sind. Nicht nur im Theater dominieren die Geschichten von „straight white men“, in denen Frauen eher Nebenrollen spielen. Feminismus ist für mich aber nicht loszulösen von anderen Formen von Diskriminierungen, zum Beispiel Race, Klasse oder Alter. Darum müssen wir auch hinterfragen, wer sich jetzt eigentlich in der aktuellen Debatte zu Wort meldet.
Annemie Vanackere ist Intendantin des HAU.

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