Differenz und Double Bind

Aktion zum Frauentag am 8. März 2018. Ein kreativ herumgedrehtes Signet im kalifornischen Lynwood. Foto: AFP/Frederiv J. Brown
Debatte um Eugen Gomringer Auf der Seele, auf der Zunge

Die Forderung nach Inklusion der Minderheit geht mit der unweigerlichen Abgrenzung von der Mehrheit einher. Sie sieht sich, wo es um die identitätspolitische Wahrnehmung geht, vor die paradoxe Forderung gestellt, die Differenz einerseits zu übersehen und andererseits als fundamental anzuerkennen. Darin steckt nicht nur ein theoretisches Problem, sondern ein praktischer Double Bind.

Auf welcher Grundlage lässt sich von daher behaupten, dass Campbells zum Teil erfrischend freche Gedichte jemanden, der zwangsläufig die Perspektive eines Salutonormativen einnimmt, nicht weniger ansprechen als einen Schicksalsgenossen? Es muss, ohne die Differenz der körperlichen Erfahrung und womöglich der sozialen Benachteiligung zu leugnen, an der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Spezies liegen, die, wenn nicht ähnliche Gefühle, so doch das Zeug zur wechselseitigen Einfühlung teilt. Sonst müsste man unter Umständen schon auf die absurde Idee verfallen, dass eine Frau nicht jenes Gedicht verstehen könnte, in dem Campbell mit Elektroden auf der Brust unter flimmernden Herzmonitoren im nachoperativen Schmerz vor sich hindämmert, bis ihn plötzlich eine Aufwallung von Lust ergreift und er zu masturbieren anfängt.

Unleugbar gibt es in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter auch strukturelle Diskriminierung. Queerness dabei zu einem revolutionären Hebel zu machen, der die gesamte gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz bringt, bedient aber nur altlinke Träume in neuer Verpackung. Die Schriftstellerin und Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann hat sie zum Christopher Street Day 2016 in dieser Zeitung mit Verve formuliert. „Queere“, schrieb sie, „widersprechen mit ihren Zielen, ihren Wünschen, ihrem Begehren der festgelegten Hierarchie. Mit ihrem Lebensstil greifen sie ein in Arbeits- und Familienrecht. In feststehende, auch nationale, Identitätsbilder. In eine Ordnung, die gewaltvoll ist, weil sie so viele ausschließt. Queer ist das Prinzip von Destabilisierung einer vorgegebenen Nahrungskette von Privilegien.“

Männer sind demütigungsresistenter

Szenenwechsel, Lyrikerwechsel. „Frühling“ heißt ein nachgelassenes Gedicht der 1894 in Berlin geborenen und 1993 in London gestorbenen Expressionistin Henriette Hardenberg aus dem Band „Südliches Herz“: „Birkenweißes Bein, / Liebeslandschaft, / Hüften, / Ihr Blumenbalkon, / Zart und verwildert, / Vollduftender Märzbecher, / Du Mann, / Den ich liebe!“ Das ist nicht gerade Sappho, die bekanntlich auch vor queerfeministischen Augen Gnade findet, aber es ist von einer unverschämten heterosexuellen Direktheit, die mit keinem Wort auf die inneren Werte des Liebesobjekts eingeht. Es handelt sich nach den Kriterien der Gomringer-Kritiker um ein sexistisches Gedicht. Nur lassen sich Männer von gleich welcher Metaphernblüte wohl nicht so leicht demütigen. Man kann sie wahrscheinlich sogar als selbstgefällige Horde von Affen beschimpfen – sie werden es mit gewissem Gleichmut ertragen.

Ein entscheidendes Problem der Sanktionierung diskriminierender Sprache besteht darin, dass immer der Diskriminierte (oder der es sich einbildet) entscheiden kann, ob er verletzt wurde. Derjenige, der sich schuldig macht (oder von dem es behauptet wird), hat gar keine Möglichkeit, seinen guten Willen unter Beweis zu stellen. Insofern lassen sich Hardenbergs und Gomringers vermutlich um dieselbe Zeit entstandenen Zeilen nicht einfach parallelisieren: Während der „Frühling“ als Vorschein selbstbewusster weiblicher Sexualität straffrei ausgehen wird, haftet an Gomringers „Avenidas“ der Vorwurf überkommener Männlichkeit.

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