Jessica Paré und Gabriel Byrne. Foto: MFA+ Film Distribution
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„Death of a Ladies’ Man“ im Kino Abgesang auf einen Womanizer

Christian Schröder

Letzte Liebe: In der Tragikomödie „Death of a Ladies’ Man“ glänzt Gabriel Byrne als alternder Schürzenjäger, der die Kontrolle über sein Leben verliert.

Bevor das Eishockeyspiel beginnt, wird die Nationalhymne gesungen. In Kanada ist das offenbar so üblich. Doch die junge Frau, die mit dem Mikrofon in der Hand im Mittelkreis des Spielfelds steht, intoniert dann nicht „O Canada“, sondern Leonard Cohens schwermütige Ballade „Bird on the Wire“. Und während das halbe Stadion mitsingt, gleiten die Spieler dazu in einer bizarren, parodistisch anmutenden Walzer-Choreografie über das Eis. Nur einen scheint das zu wundern, Sam O’Shea (Gabriel Byrne), Literatur-Professor an der Universität von Montreal, war gekommen, um seinen Sohn spielen zu sehen.

Betrogener Betrüger

O’Shea ist der Held von Matt Bissonnettes Tragikomödie „Death of a Ladies’ Man“, ein alternder Macho, dem die Kontrolle über sein Leben zu entgleiten beginnt. Gleich in der ersten Szene überrascht er seine deutlich jüngere Ehefrau (Carolina Bartczak) beim Sex mit einem Liebhaber in der gemeinsamen Wohnung. Er wirft sie raus und sie verlangt die Scheidung. Schließlich habe er sie schon oft genug betrogen.

Mitleid mit O’Shea hat man eher nicht, dafür wirkt er zu selbstgerecht. Obwohl der Akademiker erkennbar seine besten Jahre hinter sich hat, hält er sich noch immer für unwiderstehlich. Wie alle eitlen Menschen interessiert er sich eigentlich nur für sich selbst. Als ihm sein Sohn (Antoine Olivier Pilon), den er lange nicht getroffen hat, offenbart, dass er schwul ist, fällt ihm dazu bloß eine kitschige Kalenderweisheit ein: „Das Herz will, was das Herz will.“

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Gabriel Byrne spielt den abgehalfterten Womanizer mit einer Mischung aus Melancholie und Widerborstigkeit. Die Wirklichkeit kommt O’Shea mehr und mehr abhanden, er driftet ab in eine Welt, die wie ein Zerrbild aus Träumen und Erinnerungen wirkt. Sein längst verstorbener Vater (Brian Gleeson) sitzt plötzlich in der Küche des Sohns, rezitiert einen Hamlet-Monolog und raunt: „Du siehst nicht gut aus.“ Ein Freund, mit dem sich O’Shea in einer Kneipe trifft, verwandelt sich in Frankensteins Monster. Und eine Vorlesung wird zur Party, bei der die Studierenden Papphütchen tragen und Leonard Cohens Hymne „The Music Crept By Us“ singen.

Flashbacks eines Alkoholikers

O’Shea ist Alkoholiker, am liebsten trinkt er irischen Whisky. Aber seine Flashbacks und Halluzinationen sind Nebenwirkungen einer Erkrankung. Im Kopf des Professors, das zeigt sich bei einer MRT-Untersuchung, wächst ein Tumor. Die Ärzte schätzen, dass er maximal noch ein Jahr zu leben hat. Woraufhin O’Shea seinen Job hinschmeißt und nach Irland aufbricht. In seinem malerisch am Meer gelegenen Geburtshaus möchte er einen Roman schreiben – und noch einmal begegnet ihm die Liebe. Da scheint die Geschichte eines Abschieds doch noch als romantische Komödie zu enden.

[„Death of a Ladies’ Man“ läuft in Berlin in den Kinos b-ware!, Babylon Kreuzberg, Eva-Lichtspiele, Filmkunst 66, Hackesche Höfe und Odeon (alle OmU)]

Der Titel „Death of a Ladies’ Man“ hat Matt Bissonnette von Leonard Cohens gleichnamigen Studioalbum aus dem Jahr 1977 übernommen, auf dem sich der kanadische Singer-Songwriter halb ironisch, halb ernsthaft als unwiderstehlicher Verführer feiert. Schon in seinem Debütfilm „Looking for Leonard“ (2002) hatte der Regisseur von einem Cohen-Fan erzählt, der davon träumt, seinem Idol zu begegnen. „Death of a Ladies’ Man“ ist eine weitere Hommage auf den inzwischen verstorbenen Musiker, unterlegt mit einigen seiner besten Songs.

In der vielleicht schönsten Szene des Film tanzt O’Shea mit seiner Anonymen-Alkoholiker-Gruppe eine Art Ringelreihen zur Hymne „Did I Ever Love You“. Gabriel Byrne trägt den Film, es bleibt ihm auch nichts anderes übrig, weil die Nebenfiguren allesamt blass bleiben. Zum Abspann singt Cohen noch einmal „I Greet You from the Other Side“.

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