Die still stehende Rolltreppe an der Messehalle 3, auf der sich sonst die Besucher der Frankfurter Buchmesse bewegen. Foto: Arne Dedert/dpa
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Das war die Frankfurter Buchmesse 2020 Lebbe geht weider

Braucht man eine digitale Buchmesse? Oder läuft es auf die Abschaffung solcher Zusammenkünfte hinaus? Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2020.

Tja, wie war sie denn nun, die Frankfurter Buchmesse 2020? War sie überhaupt? Es hat ein paar Veranstaltungen gegeben, Jürgen Boos, der Buchmessendirektor ist hier und da gesehen worden, und getroffen haben sich ein paar bekannte und weniger bekannte Autorinnen und Autoren, ein paar Moderatoren und Moderatorinnen und sonst niemand – in der Stadt und auf dem Messegelände, wo die ARD-Bühne in der Frankfurter Festhalle ohne Publikum bespielt wurde. 

Und, das schon: Die Frankfurter Buchmesse hat es digital gegeben – doch wer hat eingeschaltet?

Gerade unterhält sich Bärbel Schäfer mit Jan Böhmermann über sein Twittertagebuch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst“. Es gibt ein paar Zeitverzögerungen, weil nur Schäfer auf der ARD-Bühne sitzt und Böhmermann aus Portugal vor einem lustigen Paisley-Kachelhintergrund zugeschaltet ist. Böhmermann ärgert sich deshalb über das „verdammte Internet“, irgendwann spricht er „von der Überforderung der klassischen Literaturkritik mit dem digitalen Medium Twitter“.

Das ist natürlich arg sensationell, weil doch inzwischen jeder weiß, dass die Literaturkritik sowieso ewig gestrig ist und mit Social Media nix anfangen kann. Man fragt sich sogleich, was Jan Böhmermann eigentlich von der Literatur hält, was er so für Bücher liest. Doch vielmehr fragt man sich: Wer guckt das wirklich? Gibt es Quoten? Und: Warum sollte man das überhaupt gucken?

148 000 User aus 183 Ländern haben die digitalen Angebote genutzt

Warum wieder wie das gesamte halbe Jahr zuvor zu Hause im Home-Office stundenlang vor einem Bildschirm sitzen und einen Schwung Bücher vorgestellt bekommen, die zwar aktuell sind, aber doch von Zufall und Corona geleitet ins Digitalprogramm der Messe gespült wurden?

Hier auf der ARD-Bühne einschalten, dort beim digitalen Bookfest und ihren zwei Streams hängen bleiben – und dann doch besser abbiegen, um drei-, viermal die von den Ärzten produzierte Coverversion ihrer neuen Single „True Romance“ zu schauen, „We are Romance“, mit haufenweise Kollegen der Ärzte, von Dirk von Lowtzow über Campino bis zu Fettes Brot, allerdings ohne Jan Böhmermann.

Und wenn man doch tapfer dran bleibt an den digitalen Buchmessenevents, wird das Sehnen nach einem Live-Spiel der Ligue 1 oder von La Liga auf Dazn größer und größer (gleich um 16 Uhr beginnt Celta Vigo gegen Atletico Madrid).

„Die Medienkonkurrenz schläft nicht“ hatte Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs bei der Eröffnung am Dienstag gesagt, schon gar nicht, wenn digitale Buchmesse ist; wenn Autorinnen und Autoren und ihre Bücher gegen Beyoncé, Die Ärzte, Babylon Berlin oder Fußball antreten müssen.

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Eine Messe ist für so einen Konkurrenzkampf der denkbar ungünstigste Ort – und in einem ganz eigenen Orbit bewegte sich Jürgen Boos, als er dann am Freitagabend schon einmal eine Zwischenbilanz zog und Zahlen nannte: 148 000 User aus 183 Ländern sollen die digitalen Angebote in der Messewoche schon genutzt und 422 digitale Aussteller aus 103 Ländern sich auf der Plattform „buchmesse.de“ registriert haben.

„Mit unseren Angeboten wollten wir den digitalen Rechtehandel unterstützen, ein Schaufenster sein für Neuerscheinungen aus vielen Ländern und die Vernetzungsangebote für Branche und Publishing Professionals anbieten.“ So klingt das im Buchmessenerfolgsdeutsch. Was es jetzt genau heißt, wie diese Zahlen zu bewerten sind? Das weiß vermutlich Jürgen Boos auch nicht so recht.

Am schlimmsten jedoch war es, in einem fort das Gerede von den „fehlenden Begegnungen“ zu hören, dem fehlenden „produktiven Chaos“. Und von den Phantomschmerzen der anderen belästigt zu werden, von Erinnerungen an Verlagsparties, Suhrkamp-Kritikerempfänge oder teure Biere im Frankfurter Hof um vier Uhr morgens.

Die viele Nostalgie nervte. Dabei wusste doch schon der Frankfurter Fußballphilosoph Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weider.“

Wie war also die Messe 2020? Ach, sie war nicht wirklich, und digital brauchte man sie so gar nicht. Und wie sehr „Lebbe“ weidergeht, wird man nächstes Jahr merken, wenn die Frankfurter Buchmesse wieder nicht die alte sein kann – und alle das ganz in Ordnung finden.

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