Die Qualen der Sünder. "Dante und Virgil in der Hölle" von William-Adolphe Bouguereau, ca. 1850. Foto: Imago/United Archives International
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Das Vermächtnis von Dante Alighieri Der Laster und Strafen sind viele

Christian Schröder

Vor 700 Jahren starb Dante Alighieri. Seine „Göttlichen Komödie“ prägte unsere Vorstellung der Hölle für immer. Ein Blick in den Abgrund.

Von der Hölle wie vom Himmel haben wir keine Vorstellung mehr. Beide H-Wörter sind immer noch omnipräsent, aber bloß noch als Metapher und Redensart. „Hölle, Hölle, Hölle!“, skandieren Wolfgang-Petry-Fans, wenn der Schlagersänger seinen Hit „Wahnsinn“ anstimmt: „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle / Eiskalt lässt du meine Seele erfrier’n.“ Ein Eifersuchtsdrama mit heißkalter Teufelin. Und der Himmel? Der kann warten. So empfiehlt es Michael Jackson in seiner Ballade „Heaven Can Wait“, einer Ode an ein schöne, wundervolle, unglaubliche Frau. Das Glück muss man am besten sofort genießen. Weil niemand weiß, was im Jenseits wartet.

Vor 700 Jahren, am 14. September 1321, starb Dante Alighieri. Die Imagination, was wir von der Hölle befürchten müssen und vom Himmel erhoffen dürfen, hat der italienische Nationaldichter bis heute geprägt. „Auf halbem Weg des Menschenlebens fand / ich mich in einen finstern Wald verschlagen, / Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.“ So hebt, in der Übersetzung von Karl Streckfuß, die „Comedia“ an. Zur „Göttlichen“ Komödie wurde sie erst im 16. Jahrhundert promoviert.

Da hatten Maler wie Botticelli und Bronzino auf ihren Porträts Dante bereits mit Lorbeeren bekränzt. In 100 Gesängen und 14 233 Versen erzählt ein „Ich“ von einer Reise, die von der Hölle übers Fegefeuer zum Paradies führt. Dieses Ich, das wie ein Reporter vom Schrecklichen und Schönen berichtet, das ihm unterwegs begegnet, ist Dante selbst.

Für Dante ist die Hölle eine Vision und gleichzeitig ein konkreter Ort. Er befindet sich im Inneren der Weltkugel, in sein Zentrum gelangt man über sich zum Erdmittelpunkt verjüngende Kreise. „Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qual erkornen, / Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund, / Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen“, lautet die Inschrift auf dem Tor zur Unterwelt.

Geführt wird Dante vom römischen Dichter Vergil, den er für sein Epos „Aeneis“ bewunderte. Dem Inferno entronnen, trifft Dante an der Pforte zum Paradies Beatrice, ein engelgleiches Wesen, das ihn durch neun himmlischen Sphären begleitet. Ihr Vorbild soll eine Jugendliebe des Dichters sein, eine Florentiner Bankierstochter, die an der Pest gestorben war.

Dante verbrachte einen Teil seines Lebens im Exil

Mythos und Privates mischen sich in Dantes Komödie. Die Qualen der Sünder werden in poetischer Präzision wiedergegeben. So vielfältig wie die Laster sind auch die Strafen. Die Trägen sind zu rastlosem Rennen verurteilt, Wollüstige werden durch eine Flammenwand getrieben. Aber alle Schmerzen dienen der Läuterung, sie helfen, sich dem Himmel zu nähern.

Dante hatte seine Karriere als Politiker in Florenz begonnen, war durch eine Intrige gestürzt und zur Verbannung verurteilt worden. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Exil. Ein Mann der Mittelalters, der so selbstbewusst von sich in der ersten Person spricht, dass er fast wie ein Zeitgenosse wirkt. Zwischen Mailand und Palermo wird er auch deshalb bis heute verehrt, weil er die Comedia nicht auf Latein, sondern auf Italienisch veröffentlichte und es damit als Schriftsprache durchsetzte.

In den letzten Zeilen geht es um die Liebe, „die kreisen macht die Sonne wie die Sterne“. Gemeint ist Gott, der siegen wird, auch wenn die Teufel überall lauern. Da war sich Dante sicher.

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