Das Thema sexualisierte Gewalt beim Theatertreffen Ein Stück mit Triggerwarnung

Rüdiger Schaper

"Like Lovers Do": Die Münchner Kammerspiele greifen bei ihrem Gastspiel in Berlin voll daneben.

Die Münchner Kammerspiele haben sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Ihre Produktion „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ kommt mit einer Triggerwarnung zum Theatertreffen. „Der Text enthält Schilderungen so sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und retraumatisierend wirken können.“ Denn das Stück dreht sich tatsächlich um sexualisierte Gewalt, und die Sprache ist drastisch. Aber eher Porno als Protest.
Und so funktioniert die Warnung nach altbewährtem Muster – als Verlockung. Die folgende Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet, wie es im Fernsehen immer schön heißt. Na, dann schauen wir uns das doch mal an.

Orakel mit Planschbecken

Schnell stellt sich heraus, dass hier ein anderer Warnhinweis angesagt wäre. Vorsicht Verharmlosung! Die trashige, parodistische Art und Weise, wie die fünf Performer über harten Sex, Vergewaltigung und wilde Rachefantasien plappern, mag für manche Menschen befreiend wirken. Andere stößt es ab. Weil der Entertainment-Ton verniedlicht und ablenkt. Grundsätzlich stellt sich natürlich auch die Frage, was das mit dem Theater, mit der Kunst macht, wenn das Publikum – warum nicht auch bei antiken Tragödien – vorab eine Information, einen Disclaimer bekommt. Und dann machen sie sich auch noch im Stück darüber lustig – Triggerwarnungen würden sich nun mal gut verkaufen. Eklig!
Riesige aufblasbare Phallus-Objekte (die nachher natürlich in sich zusammenfallen) stehen auf der Bühne, ein Orakel mit Planschbecken und rotem Wasser in der Mitte. Die Klamotten der Medusen liegen zwischen „Rocky Horror Show“ und der Enterprise. Ja, eine Utopie: Aus abgeschnittenen Penissen entsteht ein „Nährboden für neue Narrative und Umgangsweisen“ (Programmzettel).

Sieg über das Patriarchat?


Noch ein Hinweis: Die Tänze dieser Space-Vögel sind peinlich, und um den Text besser zu verstehen, braucht man die englischen Obertitel. Nur wenn die feste, klare Stimme von Wiebke Puls aus dem Off zu hören ist, ändert sich die Stimmung. Plötzlich kommt mit dieser Schauspielerin eine Schärfe durch, die auf der Show-Bühne gleich wieder abgeschüttelt wird. Sivan Ben Yishais Text schreit nach einer anderen Umsetzung. Er wird über weite Strecken von Pinar Karabuluts Regie dementiert.
Kann es sein, dass die Münchner Kammerspiele nicht bemerken, wie sexualisierte Gewalt gegen Frauen und auch gegen Männer in dieser Inszenierung Stück heruntergespielt wird? Ist es fahrlässig und naiv, was sie hüpfend aufführen, oder ziemlich clever und spekulativ? Die Einladung zum Theatertreffen nach Berlin scheint den Kammerspielen Recht zu geben. Andererseits stärkt die Erfahrung mit der diesjährigen Auswahl nicht unbedingt das Vertrauen in die Urteilskraft und Geschmackssicherheit der Jury.
Was bei „Like Lovers Do“ anfangs an Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ erinnert, endet in einer Publikumsumarmung. Jubel und Gejaule im Parkett, das Festspielhaus feiert offensichtlich einen Sieg über das Patriarchat und sein Theater.

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