Das Rockjahr 1991 R.E.M. mit „Out of Time“

Vor 30 Jahren erlebte das Rock-Genre eine Blüte. Wir schauen auf die zehn wichtigsten Gitarren-Alben des Jahres. Platz 4: R.E.M. mit "Out of Time".

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Damals in der Waldbühne. REM-Sänger Michael Stipe im Jahr 2008. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Damals in der Waldbühne. REM-Sänger Michael Stipe im Jahr 2008. © Mike Wolff

Rockmusik verzerrt so viel. Klanglich, weil ihr Lärmbild „beschmutzt“ wird von übersteuerten E-Gitarren. Aber auch kulturell, weil der Mythos vom Rebellentum das Bild des Rock selbst jahrzehntelang verzerrt hat. Als eine Prahlerei, in der es immer um alles geht – Sex, Leben und Tod. Das setzte Helden voraus und ein paar Heldinnen.

Wo jedoch sollten die Anti-Typen bleiben, die normalen Jungs, gewöhnlichen Mädchen, die sich, ohne es zu wissen, Bartlebys Lebensmotto „I would prefer not to“ zu eigen machen?

Sie heißen Slacker

Der US-Filmemacher Richard Linklater widmete ihnen 1991 sein Generationenporträt „Slacker“. Es handelte von jungen Leuten in einer amerikanischen Kleinstadt, die nicht mitmachen wollen, als Rebellen allerdings noch weniger taugen, weil es hieße, bei etwas anderem mitzumachen.

Als einer von ihnen, Typus: ewiger Student, gefragt wird, wovon er lebe, sagt er: „Zur Hölle mit der Arbeit, der man nachgehen muss, um zu leben. Das füllt doch nur die Mägen der Schweine, die uns ausbeuten. Ich mag kein gutes Leben haben, aber wenigstens muss ich dafür nicht arbeiten."

Der Film war in der Provinz entstanden, in einer Studentenstadt wie Athens, Georgia, in der ein grüblerischer Kunststudent namens Michael Stipe lebte und auf alles, was man ihn fragte, höchstens vage Antworten gab.

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Musik, klar, machte er auch. Gehörte zum guten Ton. In einer Garage. Mit einem Kerl, der in einem Plattenladen arbeitete. Und einem anderen, der in der Band seiner Schwester spielte.

Und einem Dutzend weiterer Leute, die meistens sowieso in Probenräumen abhingen und ihre Freitagabende damit verbrachten, sich bei Dosenbier und Taco Chips über Musik zu unterhalten. Denn auskennen taten sich alle. Sie waren ja nicht dumm, sondern immatrikuliert.

Intelligente Musik für intelligente Leute

Im Hintergrund plärrte WUOG, das örtliche College Radio, das von Kommilitonen betrieben wurde und, weil es der Universität gehörte, keinerlei kommerziellen Zwängen unterlag. Hier liefen die angesagten Indie-Sachen, die sich über das Netz an Uni-Sendern im ganzen Land verbreiteten. Intelligent music for intelligent people.

Immer häufiger waren ab 1987 auch die Songs von Stipe und seinen Kumpanen Peter Buck, Mike Mills und Bill Berry darunter. Stipe hatte damals schon eine vage Vorstellung davon, was abging: „It’s the end of the world as we know it.“

Amerika ohne Heldenverehrung

In eine bestimmte musikalische Richtung drängte es R.E.M. nie: Amerika irgendwie, aber kleiner, unverzerrt, ohne Heldenverehrung. Obwohl Stipes wachsendes Selbstvertrauen dazu führte, seine Ansichten mit der Zeit klarer zu formulieren, umgab die Band eine Aura des Ungefähren. „Out Of Time“ beginnt mit einem fassungslosen Song über den Terror nichtssagender Formatradios.

Der Hit „Losing My Religion“ deutet allerdings an, dass den Slackern nicht mehr alles egal ist. Dieses Gefühl teilen R.E.M. anno 91 mit ziemlich vielen ihrer gebildeten Zeitgenossen. „Interessant“ ist das Adjektiv der Stunde. Immer ist alles „interessant“. R.E.M.s akustisches Folk-Album mit Mandoline, Cembalo und Streichern verkauft sich millionenfach.

Aus der schluffigen Underground-Band, die jahrelang durch die Provinz getourt ist, werden internationale Stars. Aber den Musikern liegt nicht viel daran. Lieber würden sie vorziehen, es nicht zu sein. Kurt Cobain findet, dass sie mit ihrem Ruhm „wie Heilige“ umgehen. Ein Jahr später nehmen sie ihr bestes Album auf.

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