Zwei Freunde auf ihren vier Buchstaben. Alexander Kluge (links) und Helge Schneider im HKW. Im Hintergrund: Szene aus dem Film "Ich bin eine Leseratte" mit Schneider als Walter Wöhler. Foto: Stephanie Plicker.
p

"Das Neue Alphabet" im HKW Go, Golem, go!

0 Kommentare

Alexander Kluge und Helge Schneider eröffnen das Dreijahres-Projekt „Das neue Alphabet“ im Haus der Kulturen der Welt.

Schon am Nachmittag meldet sich das ominöse Leben zu Wort. Was, so fragt Bernd Scherer zum Auftakt des jüngsten Dreijahresprojekts im Haus der Kulturen der Welt, passiert eigentlich zwischen der Null und der Eins des binären Codes? Es ist, erklärt er, das Leben. Fünf Stunden und eine verwirrende Zahl von Podien, Performances, Installationen und Vorträgen später formuliert Alexander Kluge, der Kurator des ersten von vier „Opening Days“, seinen vitalistischen Einspruch gegen das bloß Mechanische. „Da steht was auf und sagt: Ich bin wirklich“, teilt er im Zirkusrund der Ausstellungshalle mit. „Aber der Antirealismus des Gefühls kann das Gegenteil behaupten.“ Es gehe um „reale Lebendigkeit“ und „lebendige Erfahrung“. Man müsse auf Auswege sinnen, auf Hoffnungsfunken und ungenutzte Reserven. Die digitale 4.0-Industrie gebe dem Menschen keineswegs alle Handlungsmöglichkeiten vor.

Das Leben. Ist es nicht hilflose Trotzköpfigkeit, in seinem Namen gegen ein politisch-ökonomisch als totalitär empfundenes Zeichensystem aufzubegehren? Und weiß Kluge nicht genau, von welch gefährlichem „Antirealismus des Gefühls“ wir umgeben sind? „Das Neue Alphabet“, wie das HKW-Projekt heißt, kommt an diesem Abend nicht über eine gigantomanische Einführung in Fluch und Segen unserer digitalen Zukunft inmitten von Künstlicher Intelligenz hinaus. Das Thema, über seine ersten Buchstaben auch als Verweis auf den genetischen Code der DNA zu lesen, bleibt unscharf, die Begriffsbildung unsauber.

Buchstaben machen noch kein Alphabet. Ein Alphabet macht noch keine Sprache. Und eine Sprache allein macht noch keine Wirklichkeit. Das ist nur das eine. Viele auch metaphorische Sprachen werden ignoriert, wenn man das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit nicht klärt. Und etliche Schriften, um mit Friedrich Kittler nicht gleich von „Aufschreibesystemen“ zu reden, stehen keineswegs für Lautalphabete, sondern sind Piktogramme wie die ägyptischen Hieroglyphen oder überwiegend kontingente Wort- und Silbenspeicher wie die chinesische Schrift. Und dann ist noch nichts über die theoretische Verbindung von Zeichen und Bezeichnetem gesagt.

Das Unerlöste der Vergangenheit

Irgendwann geht irgendwer bei den parallel laufenden Panels zwar irgendwie auf diese Aspekte ein, doch das öffnet die Stoffmassen nur ins vollends Unüberschaubare. Am besten fährt man, wenn man den Abend mit Blick auf Alexander Kluges einzigartige Assoziationskunst als intellektuelle Wundertüte betrachtet. Ein schwer vergrippter Richard Sennett betrachtet zusammen mit dem Meister noch einmal das Finale des ersten Akts von Verdis „Macht des Schicksals“. Kluges Lieblingsschauspielerin Hannelore Hoger spricht mit ihrem Regisseur über Bauchgefühle und liest seine Geschichten, begleitet vom Volksbühne-Pianisten Sir Henry. Am einen Ende stehen Ernst Blochs „Geist der Utopie“ und Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, die auf das Unerlöste in der Vergangenheit setzen. Am anderen Ende steuert der Prähistoriker und Preußen-Stiftungspräsident Hermann Parzinger Empirisches bei. Und weil es in Kluges Welt mindestens noch ein drittes Ende geben muss, kommt auch der Unsinn nicht zu kurz.

Zur Primetime im Auditorium gibt Helge Schneider eine seiner virtuos verknautschten Vorstellungen. Mit dem Cello sägt er sich durch die Nationalhymne und die Internationale, an E-Gitarre und Tenorsaxofon gibt er den Jazz-Anarcho. Als sitzender Standup-Comedian im „Trio minus one“ mit Kluge ist er um keine noch so absurde wortspielerische Antwort verlegen. Dazu laufen neue Kluge-Kurzfilme wie „Ich bin eine Leseratte“, in der Schneider die Rolle des text- und papiergierigen Walter Wöhler übernimmt. Noch abstruser sein für den Verfassungsschutz arbeitender „Roboter-Flüsterer“. Dabei fallen unvergessliche Schneider-Sätze wie „Demontage ist keine Strafe für ein Gerät, sondern Urlaub“ oder „Wer nicht lesen kann, kann auch nicht lesen“. Wenn Humor die Schaltkreise der Siris und Alexas verzweifeln lassen könnte, dann solcher.

Vielleicht steckt darin auch schon die Widerlegung dessen, was Max Senger, Technikphilosoph bei Google, mit einer Formel seines Lieblingsdenkers Daniel Dennett illustrieren will. Dennett hält menschliches Bewusstsein seit jeher für eine Illusion und glaubt, dass es „competence without comprehension“ gebe, also vernünftiges Verhalten und sogar Kreativität ohne ein hermeneutisches Selbstverständnis. Sicher könnte man eine Software programmieren, die SchneiderTexte herstellt. Die Satzbildungsmuster sind überschaubar, ihre logischen Paradoxien wiederholen sich, sogar ihr Wortwitz lässt sich durch Regeln beschreiben. Und doch wäre ein digitaler Helge Schneider, selbst wenn man ihn artgerecht mit Bart, Brille und Saxophon ausstaffiert, nicht echt, weil er kein Bewusstsein von seiner Witzigkeit hätte.

Die Sinnverweigerung, die der Helge Schneider aus Fleisch und Blut betreibt, könnte der digitale gar nicht erst gegen die herkömmliche Sinnerwartung abgrenzen. Und weil er es gar nicht witzig meinen kann, würde er sein Publikum um das Entscheidende betrügen. Anders als der Pferdeflüsterer, dessen Kunst darin besteht, außersprachlich zwischen Tier und Mensch zu kommunizieren, ist der Roboter-Flüsterer reine Parodie.

Leibnizens Universalsprache ist Wirklichkeit geworden

Muss man sich also vor dem Kommenden nicht fürchten? Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl warnt vor einer von digitalen Codes und Algorithmen verwalteten Welt, die zum ersten Mal die totale Lesbarkeit aller Phänomene verspreche. Die von Gottfried Wilhelm Leibniz erträumte und in ihren wesentlichen Eigenschaften konzipierte Universalsprache sei mit einem Zeichensystem Wirklichkeit geworden, das alle Objekte und deren Beziehungen zueinander darstellen könne.

Der Mensch habe damit eine Annäherung an „das Auge des absoluten Lesers“ vollzogen, als der zuvor Gott galt. Zugleich lasse sich diese Entwicklung nur als Höhepunkt einer im Kalten Krieg entstandenen militärisch-industriellen Verquickung begreifen, die der einstmals theologischen Hoffnung Nahrung geb, dass sich die notorisch unzuverlässige Welt künftig gegen böse Überraschungen programmieren lasse.

Für den dabei entstandenen Plattformkapitalismus, der sich in der Hegemonie von Google, Facebook oder Amazon zeigt, hat er wenig Sympathien. Das Rating und Scoring, das im chinesischen Sozialkreditsystem neben dem Konsumenten auch den Staatsbürger erfasst, ist für ihn Ausdruck einer „progressiven Kommodifizierung“, also eines Verhaltens, das alles zur Ware macht. Man könne, so Vogl, daher auch von einem linguistischen Kapitalismus sprechen, der im „algorithmischen Auktionshaus Google“ jedes vermeintlich noch so unschuldige Wort einem Marktwert unterwirft. Vogl diagnostiziert dabei eine neue Spiritualität des Kapitals, die sich von den Beschwernissen des Fixkapitals gelöst habe.

Da ist es nicht verkehrt, auch Theologen zu befragen. Der Judaist Peter Schäfer erklärt denn auch, dass schon die göttliche Erschaffung des Lichts ein Sprechakt war. Auf Umwegen führte der zu dem Glauben, dass auch der Mensch den Menschen erschaffen könne. Rabbis wie Eleasar von Worms erarbeiteten Tabellen, die aus den 22 richtig kombinierten Buchstaben des hebräischen Alphabets und der von Aleph bis Jod zugeordneten Zahlen eins bis zehn Gottes Schöpferkraft nacheifern sollten. Daraus entstand die Tradition des Golems, bei der aus toter Erde ein lebendiges Wesen erweckt wurde. Durch umgekehrtes Aufsagen der Formel sank es wieder in den Staub zurück.

Das ging, wie die Literatur weiß, nicht immer gut. Es gibt kaum ein treffenderes Gleichnis für den Moment, in dem wir leben.

Mehr zum Thema

Am heutigen Samstag ab 15 Uhr, morgen Sonntag von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Eintritt frei. Mehr unter www.hkw.de

Zur Startseite