Erzählt mir was: Robert Habeck, Annalena Baerbock und Christian Lindner. Foto: dpa
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Das „Narrativ“ und seine Geschichte Mit der Ampel in 1001 Nacht

Sondierungsgespräche in Nöten: Überall wird eine „Erzählung“ gefordert, immerzu ist von einem „Narrativ“ die Rede. Warum eigentlich? 

Von Helmut Schmidt gibt es den schönen Satz: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Nun, es ist völlig klar: Wir brauchen mit einer neuen (womöglich) Ampel-Regierung einen entschiedenen politischen Aufbruch. Eine Welt ohne Überschwemmungen, Müllflut oder Sommer in der Stadt bei 40 Grad, das hat schon was Visionäres. Dass das von den Herren Lindner, Habeck, Özdemir & Co. aber in einem fort als neues „Narrativ“ verkauft wird, nervt gewaltig.

Kaum eine Talkshow mit Rot-Gelb-Grün ohne das Anpreisen einer „Erzählung“. Ich komme mir schon wie vor wie bei „1001 Nacht“. Märchenerzählung. Dabei geht es jetzt rein fachlich-sachlich darum, konkrete politische Arbeit zu machen, sprich, einen vernünftigen Koalitionsvertrag aufs Papier zu kriegen, der für (mindestens) vier Jahre Bestand hat.

Allzu viel Emphase der Macher macht da nur misstrauisch. Wer Storys will, soll Krimis lesen, hieß es neulich in einem Beitrag auf Deutschlandfunk. Strategen, Berater und Spindoktoren versorgen die Medienöffentlichkeit mit dem Gerede vom „Storytelling“. Allerorten wird eine „Erzählung“ gefordert, immerzu ist von einem „Narrativ“ die Rede, das eine Koalition oder Partei jetzt zu erfinden habe.

Was sei das für eine Auffassung von Politik? Ist Storytelling nicht das inhaltsleere Aufplustern des Uneigentlichen, da es dabei allein auf die emotionale Stimmigkeit der „Geschichte“ ankommt, nicht aber auf Logik, Begründung, Präzision und Faktentreue?

Als Modewort durch Feuilleton und Geisteswissenschaften

Ganz unschuldig sind die Journalisten daran nicht. Seit den 2010er Jahren geistert das „Narrativ“ als Modewort durch Feuilleton und Geisteswissenschaften, ähnlich inflationär gebraucht wie in den 1970 und 80er Jahren der „Diskurs“. Ein Reden nicht ohne Erfolg, klar.

In der Wahlkampfforschung werden Narrative als Deutungsangebote herangezogen, die Wählerinnen und Wählern Identifikationsangebote unterbreiten und ihnen Definitionen politischer Probleme anbieten. Bekannte Beispiele: Barack Obamas „Hope“-Kampagne aus 2008 und „Mutti Merkel“, die den Bundestags-Wahlkampf 2013 prägte.

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Obama war nicht verkehrt. Aber wo landen wir, wenn durch den allgegenwärtigen Gebrauch des Worts jedes Phänomen als Narrativ bezeichnet wird und dabei auch Trennschärfe verloren geht, wo es gerade jetzt in den Sondierungsgesprächen doch darum geht, klipp und klar auseinander zu nehmen, wie, zum Beispiel, das 1,5 Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen umzusetzen ist und wer das dann bezahlen soll.

Es spricht ja nichts gegen das In-Frage-Stellen von Bewusstseinshorizonten. Wenn wir glauben, mit Elon Musk und dem E-Auto seien alle Mobilitäts- und CO-2-Probleme gelöst, sind wir auf dem Irrweg, wie der Soziologe Harald Welzer nicht müde wird zu betonen. Da braucht es einen Ruck, meinetwegen auch ein „Narrativ“ – wenn dieses Wort eben nur nicht in Talkshows so inflationär wie Nebelkerzen daher kommt.

Ich warte jetzt mal auf den Koalitionsvertrag. Auf Zahlen, Abmachungen und Präzision, was meinen Glauben an Machbarkeit von Veränderungen durch Politik kräftigt. Ohne Arztbesuch.

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