Analog war schöner, brauchte aber mehr Platz. Der Inhalt eines Plattenladens passt heute auf eine Festplatte. Foto: imago/Christian Grube
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Das Internet als Archiv Wie die Digitalisierung unsere Musikkultur verändert

Simon Reynolds

Im Datendelirium: Fast die gesamte Popmusik der Geschichte und Gegenwart ist im Netz zugänglich. Was macht das mit Hörern, Sammlern und Musikern?

Im Jahr 1995 veröffentlichte der französische Philosoph Jacques Derrida ein schmales Buch mit dem Titel „Mal d’Archive“. Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, dass ich alle seine abstrusen Argumente verstehe, aber was mich unmittelbar berührte und mir in Erinnerung blieb, war die Brillanz des ins Englische übersetzten Titels: „archive fever“. Ich stelle mir vor, dass er auf Deutsch sogar noch besser aussieht und klingt: Archivfieber.

Das Wort wirkt auf mich wie ein Miniaturgedicht, das die Essenz unserer heutigen Lebensweise beinhaltet. Seit das Breitband-Internet eingeführt wurde, herrscht in unserer Kultur eine Manie des Katalogisierens, Listen-Erstellens, der Dokumentation und Erinnerung. Sie betrifft insbesondere den Konsum und das Fantum von Musik, ist aber keineswegs darauf beschränkt. Für unsere Vorfahren wäre der durch Suchmaschinen ermöglichte umfassende und unmittelbare Zugriff auf die Kulturgeschichte noch unvorstellbar gewesen.

Der Ausbruch des Archivfiebers

Open-Access-Archive wie YouTube, Soundcloud, Mixcloud and Discogs sind etwas zwischen einer Bibliothek und einem Labyrinth: In beiden kann man sich für eine Ewigkeit verlieren. Archivfieber und „Retromania“ sind im Grunde austauschbare Konzepte: Man könnte sagen, dass ein Hauptsymptom des Retro-Virus der Ausbruch des Archivfiebers ist. Es hat mich zu einem kränklichen Wesen gemacht, dessen Gedächtnis ramponiert ist und dessen Arme und Finger vom täglichen Auf-und-ab-Rasen im Internet schmerzen. Beim Schwirren durch verschiedene Vergangenheitsebenen habe ich mir ein Zeit-Schleudertrauma zugezogen. Wie ein Tourist, der nur seine Checklisten abklappert, kann ich kaum Bilder der musikalischen Museen und Klangmonumente in Erinnerung behalten, die ich besucht habe. Ich will nichts verpassen, und so erlebe ich am Ende kaum etwas.

Archivfieber ist ein vorübergehendes Leiden. Chronisch wird es vor allem bei denjenigen, die mit dem kulturellen Mangel der analogen Ära aufgewachsen und auf den digitalen Reichtum nur teilweise eingestellt sind. Digital natives wie meine Kinder haben nicht den gleichen Drang, alles zu behalten und zu sammeln. Sie setzen sich zwar Lesezeichen bei Dingen, die ihnen gefallen, aber sie müssen nicht unbedingt MP3-Dateien besitzen.

Menschen meiner Generation sind mit dem nagenden Bedürfnis nach mehr Musik aufgewachsen, als sie sie sich damals leisten konnten – oder kopieren (wobei Leerkassetten ja auch Geld kosten). So sammelt jemand mit meiner speziellen Mischung aus Neugier, breitem Geschmack und großer Gier Tausende von Stunden Musik auf einer externen Festplatte an – erheblich mehr, als er in seiner verbleibenden Zeit auf diesem Planeten auch nur einmal anhören könnte.

Menschen mit einer Neigung zu Zwangsstörungen konnten natürlich auch in analogen Zeiten schon aus der Bahn geraten, wenn sie zu Hause nicht zu bewältigende Massen an Vinylplatten, Büchern etc. anhäuften. Doch die Digitalisierung der Kultur hat die Sammelmanie in groteske Dimensionen befördert, weil die Begrenzung des Speicherplatzes wegfällt und die Kosten überschaubar sind. Weil das Material nun in einem kleinen Kubus, einem Computer, Laptop oder Telefon verstaut ist, wird die Schande für Außenstehende zwar unsichtbar, das Elend der vollgestopften Seele jedoch nicht gelindert.

Es gibt den Sammelimpuls und den Drang, zu teilen

Eine ungezügelte Musik-Libido ist sicherlich eine Form der Neugierde und der Vergnügungslust, womit sie der Sphäre des lebensbejahenden Eros zuzurechnen ist. Aber der Einfluss des Internets auf den Musikkonsum führt auch in die morbide Zone repetitiven Verhaltens. Der Archivierungstrieb hat einen neurotischen Aspekt: die Leugnung der Sterblichkeit. „Wir kaufen Bücher, weil wir glauben, wir kaufen die Zeit, sie zu lesen“, hat Warren Zevon in Anlehnung an eine Schopenhauer-Maxime gesagt. Das Gleiche gilt für Platten und MP3s.

Bis hierher ging es nur um den analfixierten Aspekt des Musikkonsums in Zeiten der Überfülle: den rückständigen Sammelimpuls. Aber was ist mit Leuten, die genau den gegenteiligen Drang verspüren? Menschen, die teilen und hochladen. In vielerlei Hinsicht ist diese irre Großzügigkeit viel verblüffender (die komplette Diskografie eines Künstlers hinterlegt in einem Blog – ein Geschenk an völlig Fremde). Obwohl ich eindeutig mehr nehme als gebe, habe ich auch schon diesen Sharing-Impuls des Archivars verspürt, Raritäten zu digitalisieren – Kassettenaufnahmen von Radiosendungen aus dem London der frühen 90er oder B-Seiten von 12-Inch-Instrumentals, die noch niemand bei Youtube hochgeladen hat. Solche Akte des inoffiziellen Archivierens sind mit einem vagen Tugendgefühl verbunden. Aber auch mit einem neurotischen Sinn für Vollständigkeit: Man korrigiert Sünden der Auslassung, füllt Lücken der historischen Aufzeichnung.

Die Musik wird durch diese Auswüchse der amateurhaften Online-Archivierung in zweifacher Hinsicht beeinflusst. Es verändert die Hörerfahrung der Fans und die Mentalität der Musiker. Fans mit unbeschränktem Zugriff auf aktuelle und historische Musik müssen angesichts der Übermaßes an Wahlmöglichkeiten schneller hören – oder hören, während sie andere Dinge tun.

Heute sind alle mit einem Wi-Fi-Zugang in der Position, die einst nur Kritiker und DJs hatten, denen Alben zugeschickt wurden. Deshalb hören Fans jetzt wie Kritiker und DJs. Sie spielen Stücke nur ein einziges Mal ab und bilden sich Spontanurteile, nachdem sie manches nur teilweise gehört haben. Sie geben den Songs nur einen Teil ihrer Aufmerksamkeit: Während sie hören, sind sie mit der Art von Multitasking beschäftigt, die von Computern und Telefonen nicht nur ermöglicht, sondern auch befördert wird.

Wie kann ich die Ware wieder verzaubern?

Während Musik wie Strom oder Wasser durch unsere Leben strömt, entwickeln Hörer Taktiken, „die Ware wieder zu verzaubern“, wobei die Ware längst keine Ware mehr ist, sondern ohne Preis und deshalb zunehmend ohne Wert. Blogger stellen sich die Aufgabe, eine Woche lang nur ein Album zu hören, oder sie versuchen, das Gesamtwerk eines Künstlers in einem Rutsch durchzuhören. Man kann das Internet wie einen Plattenladen-Ersatz nutzen, den man besucht, ohne aus dem Haus zu gehen. Man kann auch den Thrill des Mangels auferstehen lassen, indem man das völlig Obskure fetischisiert, sich auf die Suche nach dem absolut (und zu Recht) Vergessenen macht oder nach dem komplett Exotischen.

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Simon Reynolds © Adriana Bianchedi

Es gibt Blogs, die sich mit den staatlichen Plattenfirmen verschiedener Sowjetrepubliken befassen oder mit afrikanischem Dance Pop der 70er oder 80er, der nur auf Kassetten erschienen ist und nie den Westen erreicht hat.

Musiker, die ihre Eingeweide einer überreichen und vielfältigen Audio-Diät aussetzen, sondern unweigerlich irgendwann eine Ästhetik ab, die ich „glutted and clotted“ (vollgestopft und verstopft) nenne. Unter diesen überladenen Umständen braucht es unermessliche geistige Stärke und ästhetische Strenge, sich nicht von den vielen Einflüssen überfluten zu lassen und eine eigene markante Klang-Identität zu kreieren.

Dieser hartnäckige Eifer ist auch für Kritiker und Historiker unerlässlich, nicht nur, wenn es um Musik geht, sondern in jedem Bereich. Die übervollen Archive machen es fast unwiderstehlich, es mit der Recherche zu übertreiben. Heute Historiker oder Sachbuchschreiber zu sein, ist wie eine moderne Version von Herkules im Augiasstall: das Zusammentragen großer Mengen von Mist, die dann umgehend weggeschafft werden müssen. Forscher müssen den rücksichtslosen Willen aufbringen, Details, Ereignisse und Personen dem historischen Vergessen zu übergeben, dem Material gewaltsam eine Form aufzuerlegen. Eine Version dieses Willens ist derzeit etwa bei Meta-Journalisten wie Seth Abramson zu beobachten, deren Rolle es nicht ist, eigene Reportagen über Trump oder Russland zu schreiben, sondern das bereits publizierte Material zu ordnen, Zeitleisten zu erstellen und Verbindungslinien aufzuzeigen, um Fakten zu bewahren, die bereits aus dem Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden sind.

Jahrtausendelang war der Mensch an der unmittelbaren Umgebung orientiert

Früher wurde Journalismus als „erster Entwurf der Geschichte“ bezeichnet, aber Leute wie Abramson kommentieren und kürzen, was für zukünftige Historiker ansonsten unlesbar und unleserlich wäre. Die dunkle Seite dieses Bestrebens, dem Chaos mittels einer Erzählung Herr zu werden, ist Verschwörungstheorie. In der Tat hat sich die paranoide Schizophrenie oft durch eine Archivmanie, esoterisches Wissen und das Erstellen grandioser Systeme ausgedrückt.

Dass wir uns schlecht an die riesige und immaterielle Informationswelt anpassen, die wir geschaffen haben, liegt daran, dass sich das menschliche Sensorium jahrtausendelang an der unmittelbaren Umgebung und der Gegenwart orientiert hat. Aufnahmen (phonographische, fotografische, Kinofilme usw.) gibt es hingegen erst seit etwas mehr als einem Jahrhundert. In wenigen Jahrzehnten hat sich der individuelle Zugang zu Archiven enorm vergrößert, wobei die Archive selbst astronomisch erweitert wurden, während der Spielraum für persönliche Selbstdokumentation und Selbstdarstellung ebenfalls nahezu unbegrenzt ist.

Trotzdem haben wir immer noch die haptische und gegenwartsbezogene Orientierung, die uns die Evolution hinterlassen hat. Ist es da verwunderlich, dass unsere Nerven geschreddert werden, dass unser Sinn für Ich-Grenzen und unser Gedächtnis verschwommen und schwach werden, dass Persönlichkeitsstörungen zunehmen? Wie wir in England sagen: „You can have too much of a good thing.“ Man kann von einer guten Sache auch zu viel haben.

Aus dem Englischen von Nadine Lange.

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