Noch aktuell von vergangener Woche: eine Polemik gegen das Streaming

Daniel Stabrawa, Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Foto: Sebastian Hänel
Das große Finale der Streaming-Tipps Diese Online-Empfehlungen hat unsere Kulturredaktion für die nächsten Wochen

Streaming-Tipps für Samstag, 30. Mai

Klassik-Tipp

Ein Bund fürs Leben: Seit fast 40 Jahren ist Daniel Stabrawa Mitglied der Berliner Philharmoniker, seit 1986 Erster Konzertmeister. Bei der neuesten Ausgabe der "Berlin Phil Series" an diesem Samstag um 19 Uhr steht er als Musiker und Programmmacher im Mittelpunkt. Wäre es nicht zum Corona-Shutdown gekommen, hätte Stabrawa nämlich eine Rarität in der Philharmonie vorgestellt: Das 1971 für Yehudi Menuhin entstandene Violinkonzert seines polnischens Landsmanns Andrzej Panufnik. Jetzt präsentiert Stabrawa im Livestream das Werk in kammermusikalischer Besetzung als Solist. Außerdem ist er als Kammermusiker zu hören in Antonín Dvořáks Terzett für 2 Violinen und Viola - und in seiner dritten Eigenschaft als Konzertmeister in einer Aufzeichung von Jean Sibelius' 4. Symphonie mit Simon Rattle am Pult.

Theater-Tipp

Mit seiner Webserie "Im Auge der Libelle" produziert Filmemacher Alexander Kluge regelmäßige Beiträge zum Programm der Berliner Volksbühne. Die einzelnen Folgen sind jeweils eine Woche online und werden danach nicht archiviert. Im aktuellen Beitrag "Supermacht der Viren" spricht Kluge mit der Virologin Karin Mölling von der Universität Zürich und vom Wissenschaftskolleg Berlin über die "Evolutionäre Rasanz der kleinsten Lebenssplitter". Auch wenn man Kluge im Video nur hört, nicht sieht, kann man sich doch seine großen, staunenden Augen vorstellen, mit denen er sich über das Thema beugt. Mit ihm erfahren wir mehr über molekulare Scheren, die teilweise sehr große Erfolgsstory der HIV-Forschung und den erstaunlichen Frieden, in dem wir die meiste Zeit mit den Viren leben.

Interaktive Karte

Tanz-Tipp

Bei den Wiener Festwochen hätte Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker ihre Solo-Tanzproduktion "Goldberg Variationen, BWV 988" zeigen sollen, nach dem Zyklus von Johann Sebastian Bach. Festwochen-Intendant Christophe Slagmuylder hat sie stattdessen in Brüssel getroffen und mit ihr gesprochen, über ihre Arbeit, das Virus, Ökologie und den Planeten, die Eingebundenheit der Künste in ein kapitalistisches System. "Es entspann sich ein Gespräch über Zweifel, Traurigkeit, Verständnis und Revolte in der Krise, über Bach und die anderen 45 bis 50 Stücken in ihrem Leben, über den möglichen nächsten Schritt und die den darstellenden Künsten zugeschriebene Eigenheit: diese „Wir-teilen-Raum-und-Zeit“-Besonderheit", teilen die Festwochen mit. Das halbstündige Gespräch ist auf Youtube zu sehen.

Lektüre-Tipp

Unzählige Theater, Orchester, Opernhäuser suchen seit Beginn der Corona-Pandemie ihr Heil im Digitalen - um wenigstens auf diese Weise präsent zu bleiben. Doch was, wenn das genau der falsche Weg ist? Michael Marti liest der künstlerischen Szene in der Berner Zeitung "Der Bund" in einer Polemik die Leviten, in sechs Thesen. Er konstatiert einen "Verrat am Analogen" und erfindet das hübsche Wort "Kurzarbeitskreativität", die allerorten herrsche: "Das Gegenteil hätte man sich gewünscht, das Gegenteil hätten wir gebraucht. Dass nämlich die Kunst ihre physische Kraft mobilisiert, sich zum Ereignis macht, das Analoge feiert und bewahrt. Eben gerade weil die Welt ins Digitale emigriert, nicht erst seit der Corona-Krise. Kunst ist nicht E-Learning, Remote-Working oder Cloud-Kommunikation, Kunst ist keine Kopie, sondern das Original." Das Deutsche Symphonie-Orchester scheint es übrigens ähnlich zu sehen. Es will am Samstag und Sonntag das Streaming hinter sich lassen und in Pop-Up-Konzerten in kammermusikalischer Besetzung an verschiedenen Orten im Berliner Stadtgebiet auftreten. Um zu zeigen, dass Musik kein Luxus, sondern existentiell ist - und um auf die Notlage freier Musiker und Musikerinnen aufmerksam zu machen.

(Zusammenstellung: uba)

Martin Wuttke als Arturo Ui in der Inszenierung von Heiner Müller. Foto: Barbara Braun/ MuTphoto Vergrößern
Martin Wuttke als Arturo Ui in der Inszenierung von Heiner Müller. © Barbara Braun/ MuTphoto

Streaming-Tipps für Freitag, 29. Mai

Theater-Tipp 1

Seit dem Ende der Castorf-Volksbühne freut mich sich immer, wenn Martin Wuttke vom Burgtheater kommend in Berlin vorbeischaut. Kommende Woche wäre es mal wieder soweit gewesen: zum 25. Jubiläum von Heiner Müllers legendärer Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Premiere war am 3. Juni 1995, seither wird das Stück in dieser Fassung immer wieder neu ins Repertoire des Berliner Ensembles genommen. Unvorstellbar, dass jemand anderes als Wuttke den hechelnden, speichenleckenden Gauner Ui spielen könnte, der den inneren Diktator weder bändigen kann noch will. Natürlich fallen die beiden geplanten Jubiläums-Vorstellungen (es wären die 416. und 417. gewesen) aus, stattdessen zeigt das BE ab Freitag 18 Uhr für eine Woche eine 3sat-Aufzeichnung vom Theatertreffen 1996 (!).

Kino-Tipp

Für die nächsten zwei Wochen arbeitet Arsenal 3, der digitale Kinoraum des Berliner Arsenal, mit dem vom Goethe-Institut veranstalteten digitalen Festival "Latitude" zusammen (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Musikfestival). "Latitude" setzt sich mit dem Fortwirken kolonialer Strukturen in der Gegenwart auseinander, das begleitende Arsenal-Filmprogramm fokussiert sich auf Erinnerungserfahrungen. "Die antiphonischen, visuellen und klanglichen Melodien dieser Filme stimmen nicht mit den eindeutigen Kategorien von Rassismus, Wirtschaft und Wiedergutmachung überein, und zeigen auf, wie diese Themen sich verschränken und an den Nähten unserer Sehnsucht ziehen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen", heißt es in der Mitteilung. Übrigens ist es schon sehr bald möglich, Arsenal-Filme auch wieder außerhalb der eigenen Wohnung und nicht nur am Laptop zu sehen: Ab 30. Mai werden in der Betonhalle des Silent Green Kulturquartiers immer donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr wechselnde installative Arbeiten aus mehreren Forum-Expanded-Jahrgängen gezeigt. Sie sind Teil der vor Beginn der Corona-Pandemie geplanten Ausstellung "Part of the Problem".

Theater-Tipp 2

In seinem wöchentlichen Gesprächs-Livetream "Geist mit Humor" geht das Schlosspark Theater jetzt einen Schritt weiter - und präsentiert ein richtiges, von Irene Christ ausschließlich für dieses Format inszeniertes Theaterstück: den Einakter "Der Hochzeitsantrag", ein im Œuvre von Anton Tschechow untypisch humoristisches Stück, das allerdings - und das ist dann doch wieder sehr vertraut - auf einem Landgut irgendwo in der russischen Provinz spielt. In den drei Rollen sind Helen Barke ("Schmetterlinge sind frei"), Harald Effenberg (langjähriger Sketchpartner von Dieter Hallervorden) und Johannes Hallervorden zu sehen, der seit Beginn der Corona-Pandemie sehr aktiv im Livestream des Steglitzer Hauses engagiert ist (auf Facebook und Youtube).

Klassik-Tipp 1

Dankt man an brasilianische Musik, fällt einem vor allem Heitor Villa-Lobos ein. Weniger bekannt ist der 1995 gestorbene Waldemar Henrique, der in Rio Klavier, Komposition, Orchestrierung und Dirigieren studiert hat, viel durch den Amazonas-Regenwald gereist ist und die Kultur der Indigenen oft zum Thema seiner Musik gemacht hat. Beim wöchentlichen Konzertstream der Berliner Staatsoper am Freitag um 19 Uhr singt Adriane Queiroz vom hauseigenen Ensemble Stücke dieser beiden Komponisten für Sopran, begleitet von sechs Kontrabässen. "Dazu gibt es Tangos aus Argentinien und Finnland, feurig wie melancholisch, und zum Abschluss eine Suite von drei Gesängen für Sopran und Violine, die eine andere Facette von Villa-Lobos zeigt, der europäische und lateinamerikanische Traditionen so gut und stimmig zu verbinden wusste", teilt die Staatsoper mit.

Klassik-Tipp 2

Viele Musikhochschulen, etwa auch die Berliner "Hanns Eisler", mussten mit Beginn des Shutdowns hektisch auf digitalen Unterricht umstellen. Jetzt können zumindest Studierende wieder physisch in den Hochschulen anwesend sein - wenn auch ohne Publikum. Die Musikhochschule Freiburg meldet sich zurück und streamt am Freitag um 19.30 Uhr ihr erstes Live-Konzert seit vielen Wochen, aus dem leeren Wolfgang-Hoffmann-Saal. Auf dem Programm stehen Stücke, die "Kraft, Zuversicht und Freude schenken sollen", von Astor Piazzolla, Erich Wolfgang Korngold, Richard Strauss oder Ralf Schmid. Dazu passend das Motto: "Und morgen wird die Sonne wieder scheinen."

(Zusammenstellung: uba)

Zur Startseite