Kammerstück und politisches Drama: "Aida", näher erläutert von Dramaturgin Dorothea Hartmann

Alexander Khuon als Sohn, Bernd Stempel als Vater in "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Foto: Arno Declair
Das große Finale der Streaming-Tipps Diese Online-Empfehlungen hat unsere Kulturredaktion für die nächsten Wochen

Streaming-Tipps für Montag, 25. Mai

Architektur-Tipp

Die Internationale Bauausstellung von 1984 bis 1987 hat das Gesicht Berlins an vielen Stellen geprägt. Leider ist der Weg, der damals eingeschlagen wurde, später kaum weiter verfolgt worden: Historische Grundrisse und Parzellen zu respektieren und auf ihrer Grundlage Neubauviertel zu errichten sowie Altstadtquartiere behutsam zu restaurieren. Heute klotzt man lieber austauschbare Quader in die Landschaft, die gerne mal einen ganzen Straßenblock einnehmen. Über das, was in den 80er Jahren entstand und inwiefern es ein Vorbild für die Gegenwart sein kann, diskutieren Fachleute, unter ihnen Mittes Stadtrat für Stadtentwicklung Ephraim Gothe, am Montag Abend ab 20 Uhr live gestreamt in der Urania. Mit einer Einführung von Landeskonservator Christoph Rauhut.

Opern-Tipp 1

Warum nicht die viele Zeit zuhause (wer sie hat) nutzen, um ein bisschen mehr zu lernen übers Musiktheater-Repertoire? Auf www.deutscheoperberlin.de erklärt Dramaturgin Dorothea Hartmann in einem 18-minütigen Video den Doppelcharakter von Verdis "Aida": einerseits intimes Kammerspiel, andererseits ein bombastisches Kriegsstück. In der Inszenierung von Benedikt von Peter agieren die Protagonistinnen und Protagonisten auf der Bühne, während der Chor im Saal singt (leider unvorstellbar in der aktuellen Situation). "Der Regisseur überträgt damit die Idee, die dem Stück auch zugrunde liegt, auf die Architektur des Zuschauerraums", so Hartmann. "Aida" ist das zweite Stück aus dem Repertoire der Deutschen Oper nach Zemlinskys "Der Zwerg", für das eine Online-Einführung bereitsteht.

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Festival-Tipp

Für das Bergen International Festival reisen immer wieder Spitzenmusiker in die norwegische Hafenstadt. In normalen Jahren. 2020 findet das Festival, auf dem auch regelmäßig Lokalheld Edvard Grieg gefeiert wird, komplett im Internet statt: Reinschauen lohnt sich: Über 50 Ereignisse sind angekündigt, alle gratis. An diesem Montag um 21 Uhr zum Beispiel gibt's ein Kammerkonzert im Wohnzimmer von Griegs Wohnhaus in der idyllisschen Villa Troldhaugen bei Bergen mit Mozarts Streichquartett B-Dur KV 458 und dem dritten Streichquartett von Jörg Widmann. Von Widmann spielt Pianist Leif Ove Andsnes auch das Solostück "Idylle und Abgrund", ein musikalisches Porträt Franz Schuberts. Dessen Scherzo D 591 wird den Abend eröffnen. (www.fib.no)

Opern-Tipp 2

Kaum jemand, sicher nicht außerhalb Russlands, würde heute noch Zar Boris Godunow (1552–1605) kennen, hätte Puschkin nicht ein Drama über ihn geschrieben, das Modest Mussorgsky zur Vorlage seiner Oper heranzog. Es ist ein schroffes, verstörendes, eigenartig fremd schillernde, glockenumtostes Wunderwerk über den "russischen Macbeth" geworden. 2017 hat Richard Jones das Werk an der Deutschen Oper inszeniert, mit dem tief beeindruckenden Bass Ain Anger in der Titelrolle. "Der Este, der diese Rolle zum ersten Mal singt, hat mit seinen langen geglätteten Haaren etwas Christusartiges, sein tiefgelagerter, eindringlicher Bass ist von ehrlich empfundenen Emotionen durchdrungen, poetisch, verzweifelt, aber auch machtbewusst", schrieb der Tagesspiegel. Auch in Paris hat Anger die Rolle übernommen, die Opéra de Paris zeigt ab diesem Montag 19.30 Uhr bis 31. Mai einen Mitschnitt der Inszenierung von Ivo van Hove. Am Pult: Vladimir Jurowski.

(Zusammenstellung: uba)

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