Fünf Wochen lang gibt es virtuelle Wiener Festwochen

Ansicht der Neuen Nationalgalerie von der Potsdamer Straße aus, 1968. Foto: Reinhard Friedrich
Das große Finale der Streaming-Tipps Diese Online-Empfehlungen hat unsere Kulturredaktion für die nächsten Wochen

Streaming-Tipps für Freitag, 15. Mai

Festival-Tipp

Verwaiste Kinossessel in der Wüste Sinai: ein surreales Bild. Die Wiener Festwochen, die an diesem Freitag hätten eröffnet werden sollen, benützen es als Plakatmotiv. Das hier von einem französischen Unternehmer geplante Freiluftkino musste bereits in der ersten Nacht geschlossen werden, zurück bleibt eine apokalyptische Szenerie, eine vom Menschen aufgegebene Natur. Was ja auch hervorragend zu den abgesagten Festwochen passt. Statt des realen festivals sollen jetzt auf der Webseite www.festwochen.at. fünf Wochen lang Videobotschaften, Plakate, Bilder und Texte das Fehlen der Kunst spürbar machen und auf die Gesamtpartitur des Festivals verweisen, so Leiter Christophe Slagmuylder. Das von ihm und seinem Team erdachte Online-Konzept basiert auf vielen "kleinen Gesten", wie er es nennt. Heute, Freitag, senden um 21 Uhr einige Künstler vom Wiener Rathausplatz, wo sonst traditionell die Eröffnung stattfindet, musikalische Grüße, am Samstag um 10 Uhr wird eine Rede der indigenen Aktivistin Kay Sara und des Theatermachers Milo Rau veröffentlicht, die eigentlich im Burgtheater das Festival hätte eröffnen sollen.

Kino-Tipp

Heute beginnen Woche 9 & 10 im Arsenal 3, dem digitalen Kinosaal des Arsenal, und die bringen vor allem eines: "We MUST have music!" lautet das Motto. "Wir werden", so das Arsenal, "viel Zeit verbringen mit der Musik von Margarita Fernández, Blixa Bargeld, Ricky Shayne, dem Schlippenbach-Trio, Kreidler, The Invisible Hands, Throbbing Gristle, Leila Albayaty, bengalischen Bauls, Puccini, Lena Horne, mit musikalischen Traditionen Palästinas und der Emirate, brasilianischen Soundscapes oder einem melancholischen Volkslied aus Kuwait." Zum Beispiel im Programm: Leila Albayatys Film "Berlin Telegram" (2012), annonciert als musikalisches Roadmovie. Es führt die Protagonistin von ihrer Heimatstadt Brüssel, die sie wegen einer unglücklichen Liebe überhastet verlässt, in ein neues Leben nach Berlin, später nach Lissabon und Kairo.

Interaktive Karte

Theater-Tipp

Wer an Helene Weigel denkt, denkt wahrscheinlich an Mutter Courage, eine Rolle, mit der Bertolt Brechts Gattin so untrennbar identifiziert werden dürfte wie Carrie Fisher mit der von Prinzessin Leia. Ab Freitag 15 Uhr streamt das Berliner Ensemble auf seiner Webseite die Aufzeichnung einer Vorstellung des Dramas von 1957. Der ein Jahr zuvor verstorbene Brecht hatte sein Stück 1949 inszeniert. "Daraus ging das sogenannte „Couragemodell“ hervor – ein Modelbuch mit Fotos und Anweisungen, das zum verbindlichen Muster für alle weiteren Inszenierungen der „Mutter Courage“ wurde", schreibt das BE. Der Mitschnitt ist eine Woche lang verfügbar.

Plakatmotiv der Wiener Festwochen 2020. Foto: Kaupo Kikkas Vergrößern
Plakatmotiv der Wiener Festwochen 2020. © Kaupo Kikkas

Klassik-Tipp

Das diesjährige "Staatsoper für alle"-Konzert auf dem Bebelplatz ist für den 6. September geplant. Wer ein bisschen in Erinnerungen schwelgen und sich klarmachen möchte, was außerhalb einer Pandemie alles möglich ist, kann sich die Aufzeichnung von 2019 ansehen. Die Staatsoper stellt sie noch bis Samstag Mittag in ihrem Video-on-Demand-Programm auf Youtube bereit. Daniel Barenboim dirigiert die Staatskapelle (die dieses Jahr ihr 450. Jubiläum feiert) mit Brahms' 2. Symphonie, Jiyoon Lee ist Solistin im Violinkonzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Literatur-Tipp

"Weiter lesen" heißt die Reihe, mit der das Literarische Colloquium Berlin am Wannsee auch in Pandemiezeiten digital präsent bleibt. Aktuell liest etwa der chilenische Autor Benjamín Labatut aus seinem ersten auf Deutsch erschienenem Buch "Das blinde Licht" (Suhrkamp Verlag 2020). Ein bisschen in Daniel-Kehlmann-Manier erzählt Labatut hier Wissenschaftsgeschichte anhand der Biographien von vier Pionieren der Forschung. "Das Buch zeigt, dass sie auch einfach Menschen waren, die am Balanceakt zwischen Fortschritt und Zerstörung, zwischen Wahnsinn und Genie scheiter", so das LCB. Natascha Freundel moderiert den Podcast, Thomas Brovot kommentiert.

(Zusammenstellung: uba)

Zur Startseite