Zwei Generationen: Großvater Daniel (Gérard Meylan) und die kleine Gloria vor der Hafenkulisse von Marseille. Foto: Film Kino Text
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Das Familiendrama „Gloria Mundi“ im Kino Die Kinder sind die Zukunft

Der altlinke Regisseur Robert Guédiguian entwirft in „Gloria Mundi“ ein Arbeiterklasse-Panorama, in dem Geldnot alle Beziehungen zerfrisst.

Welch ein Wunder die Geburt doch ist; danach geht es nur noch bergab. So suggeriert es der französische Regisseur Robert Guédiguian zumindest in seinem Film „Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille“. Die lateinische Redewendung wird noch deutlicher: „(Sic transit) gloria mundi“ – so vergeht der Ruhm der Welt. Zu Beginn wird in Zeitlupe, unterlegt mit Verdis Requiem und Herzschlag-Wummern, die kleine Gloria geboren. Hinein in eine Familie, die für Momente beinahe bilderbuchartig erscheint. Doch je mehr der Film den Eltern und Großeltern des Kindes durch ihren Alltag folgt, desto mehr bekommt die vermeintlich heile Welt Risse.

Alle sind sie in der französischen Arbeiterklasse zu Hause und müssen über die Runden kommen. Geldnot ist ihr ständiger Begleiter, sie zerfrisst alle Beziehungen. Das erlebt auch Großvater Daniel (Gérard Meylan), der nach zwanzig Jahren im Gefängnis zu der Familie stößt. Schon die zweite (Wieder-)Geburt in „Gloria Mundi“.

Die Tür des Gefängnisses öffnet sich, die Sonne scheint, doch Daniel zögert kurz. Aus gutem Grund: Das Land, in das er entlassen wird, ist ein anderes geworden. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten patrouillieren in den Straßen, Geflüchtete leben in Zelten an den Ufern des Mittelmeeres. Guédiguian, eine Art französischer Ken Loach, dreht seit 40 Jahren entschieden linke Filme, die oft in Marseille spielen, seiner Heimatstadt.

Er blickt mit Pessimismus auf die Welt von heute. In ihr stehen Verrohung und beinharter Konkurrenzkampf an der Tagesordnung. Jede und jeder ist auf der Suche nach einem Glück, das sich erkaufen lässt. Vor allem die Vertreter:innen der jüngeren Generation, die der 68-Jährige in "Gloria Mundi" porträtiert, sind unangenehm. Sie fluchen ständig, sind nur auf ihren Vorteil bedacht und offen rassistisch.

Gestern Verbrecher, heute Heilige

Die Älteren kommen da schon besser weg, doch auch sie haben mit den Zuständen zu kämpfen. Großmutter Sylvie (Ariane Ascaride, 2019 auf dem Filmfestival Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet) arbeitet als Reinigungskraft und wird zur Streikbrecherin, weil sie sich die Solidarität mit ihren Kolleg:innen nicht leisten kann. Ihr Ex-Mann Daniel will niemandem etwas Böses. Er wandelt ziellos, doch stets hilfsbereit durch eine Stadt, in der er sich nicht mehr heimisch fühlt. So wie Guédiguian die Unschuld des Kindes überhöht, macht er aus dem ehemaligen Insassen einen strahlenden Geläuterten, der Haikus schreibt, um die Schönheit des Moments festzuhalten. Die Verbrecher von gestern sind in Guédiguians Welt die Heiligen von heute.

Dem ästhetisch offensiven Auftakt zum Trotz erzählt der Regisseur über weite Strecken sachlich von den Verästelungen im erweiterten Familienkreis. Er übt sich in formaler Zurückhaltung und rückt keine Figur entschieden ins Zentrum, um seinem Arbeiterklassen-Panorama eine Aura der Allgemeingültigkeit zu verleihen. Die unaufdringliche Inszenierung bekommt dem Film gut, sie entschärft die zum Teil überladene Figurenzeichnung.

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So sind Glorias Tante (Lola Naymark) und ihr Freund (Grégoire Leprince-Ringuet) nicht nur gefühlskalt und erfolgsgeil, sie koksen auch in einer Tour und wollen selbst noch mit ihren Privatpornos Geld verdienen. Man schaut sich diese Menschen und ihre Nöte an, wirklich nahe kommen sie einem nicht.

Guédiguian und sein Ko-Autor Serge Valletti, mit dem er zuletzt auch „Das Haus am Meer“ von 2017 geschrieben hat, binden ein paar Verstrickungen zu viel in das familiäre Netz. In „Gloria Mundi“ wird derart geballt fremdgegangen, bedroht, übers Ohr gehauen und gemordet, dass es der realistischen Anmutung eines Sozialdramas zuwiderläuft. Doch inmitten all der Schicksalsschläge und Enttäuschungen findet der Regisseur dennoch Momente von Mitgefühl, ein Lächeln oder ein Blick voller Wärme treffen einen umso unmittelbarer. So wirkt Guédiguians Tableau einer durchkapitalisierten Gesellschaft dennoch nach.

Zum bitteren Ende schließt er die Klammer: Noch einmal Zeitlupe, Herzschlag und Verdi, diesmal jedoch nicht für eine Geburt, sondern für eine so fatale wie uneigennützige Tat. Ganz vergangen ist der Ruhm der Welt noch nicht. (In den Berliner Kinos Hackesche Höfe, Il Kino, Kulturbrauerei, Passage)

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