Murmuration-Musiker. B. Meyer , C. Puntin, A. Haberl, P. Meyer. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Das Bernhard Meyer-Quintett im Porträt Stars? Wir sind Stare

Roman Rhode
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Miniorchester mit Indie-Rock-Drive: Der Berliner Jazz-Bassist Bernhard Meyer und sein Quintett haben ihr erstes Album „Murmuration“ veröffentlicht. Eine Begegnung.

Ein lichter Probenraum im Kreuzberger Graefe-Kiez, Kaffeebecher und eine Tüte Schokoriegel zwischen den Instrumenten. Peter Meyer rückt seinen Gitarren-Looper zurecht, Andi Haberl platziert Becken, Schellen und Glöckchen ums Schlagzeug, Claudio Puntin mustert seine Klarinette. Bassist und Bandleader Bernhard Meyer schlägt „Just like John“ zur Einstimmung vor: „Peter spielt die Melodie, Claudio mit mir zusammen die Unisono-Linie. Wir fangen mit Groove an.“

Sogleich fühlt man sich wie in Trance versetzt. Aus rhythmisch-komplexem Unterholz steigt eine Brise leichter, manchmal elegischer Melodiebögen auf, die das in den Himmel reichende Geäst wie ein Mobile zum Klingen bringen. Diese starke Verbindung zwischen luftigen und bodenständigen Passagen findet sich in nahezu allen Tracks auf „Murmuration“, dem ersten Album des Bernhard Meyer Quintetts.

Hommage an Steve Reich

„Hier noch mehr Action, dort etwas relaxter, bis es wirklich cool ist“, sagt Bernhard Meyer, als es darangeht, „Plain Air“ den letzten Schliff vor dem Konzert zu geben. Drummer Andi Haberl vergegenwärtigt sich noch mal die Melodie, dann bearbeitet er Felle und Rims. Das minimalistisch-perkussive Stocken zu Beginn des Stücks löst sich auf in einem Fluss sich überlagernder Klangschichten und betörender Melodien, die geballte Faust öffnet sich zur samtweichen Handfläche. „Als ich ,Plain Air‘ komponierte“, erzählt Bernhard Meyer, „dachte ich an Amerika. Ich dachte an eine Hommage an Steve Reich, legte eine spacige, Mingus-artig verzierte Melodie in schnellem Tempo darüber, wollte einen Blues-Approach und entfernte Gitarrensounds à la Grizzly Bear. Ich liebe es, wenn Musik so farben- und facettenreich ist.“

Innerhalb der Jazzsparte lässt sich solche Musik kaum verorten. Davon künden auch andere Projekte, in die der Bassist involviert ist. Etwa das erfolgreiche, mal mit Power-Trio, mal mit Prog rock-Jazz umschriebene Melt Trio oder das von den Meyer-Brüdern unter Mitwirkung des Saxofonisten Wanja Slavin und des Drummers Jim Black ins Leben gerufene Quartett Other Animal. „Murmuration“, sagt Meyer, „klingt ruhiger. Es ist eher ein Miniorchester mit dem Drive von Indie-Rock.“

Für sein Quintett hat Bernhard Meyer eine Handvoll Stilisten eingeladen, die sich einer Etikettierung ebenso verweigern wie ihre vielfältige Musik: Andi Haberl, der als ausgebildeter Jazzschlagzeuger auch an den Drums der Indie-Rockband The Notwist sitzt; den nuancierten Vibrafonisten Julius Heise, der irgendwo zwischen Klassik, Jazz und Neuer Musik beheimatet ist; den Schweizer Klarinettisten Claudio Puntin, der sich außerdem als Elektronik-Klangtüftler einen Namen gemacht hat. Vor einigen Jahren lernten sich alle während des Studiums am Jazz Institut Berlin (JIB) kennen, Puntin war dort als Dozent tätig. Seitdem haben sie in verschiedenen Projekten und unterschiedlichen Besetzungen zusammengewirkt. „Murmuration“, sagt Meyer, „gibt es seit etwa zwei Jahren. Ich hatte die Idee, das Melt Trio und ein weiteres Trio, in dem ich zusammen mit Julius Heise und Claudio Puntin spiele, zu kombinieren.“

Besonders eng ist die Zusammenarbeit zwischen den Brüdern Meyer. Aufgewachsen im niedersächsischen Visbek, schrieben sie im Alter von 15 Jahren ihre ersten eigenen Stücke. Ihre erste Band trug den Namen „Sideways“, ein Gitarrentrio mit Drums. Die spätere gemeinsame Arbeit und Entwicklung von Projekten seit 2003 in Berlin nennen die Meyers „eine perfekte Ergänzung“. Sogar die Vorliebe für die Bauart ihrer Instrumente teilen sie: Peter spielt eine halbakustische Moffa-Gitarre, Bernhard einen Godin-Halbresonanzbass; beide Klangkörper sind mit Fichtenholz gedeckt.

Jeder soll sich perfekt entfalten können

„Von Hause aus bin ich eigentlich E-Bassist“, erklärt Bernhard Meyer. „Doch der Akustikbass atmet stärker, hat mehr Holz und kann richtig Power geben.“ Meyers warmes Bassspiel trägt hier reiche Melodien, setzt dort markante Rhythmen. Das Stück „Dark Flow“ setzt mächtig an, eine Dampflok, die erst zum Schluss schnaufend stehen bleibt. Zwischendurch spielen Vibrafon und Bassklarinette im Duett, Bass und Vibrafon unisono, Puntin streut auf der Bassklarinette eine helle, zarte Melodie ein und Heise lässt metallene Akkordtupfer übers Effektgerät vibrieren.

„Wir wollen den Sound einer subtil miteinander verzahnten Band, in der sich jeder Musiker perfekt entfalten kann“, sagt Bernhard Meyer. Daher passt auch „Murmuration“, das englische Wort für den Formationsflug von Staren. Meyers Formation wirkt genauso faszinierend wie ein Starenschwarm, der sich als eigener Organismus ohne Leitvogel in wellenförmigen Bewegungen durch die Lüfte schwingt.

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Die CD „Murmuration“ erscheint bei Traumton Records. Release Konzert im A-Trane, 31.1. um 21 Uhr

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