Eine Ausstellung in der Kunstbibliothek beleuchtet die Geschichte des Kulturforums. Foto: dpa
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Das Berliner Projekt "Utopie Kulturforum" Auf der Suche nach dem Piazza-Gefühl

Die Museen rund ums Kulturforum wollen mit der Philharmonie und der Matthäikirche kooperieren. Aber erst blicken sie zurück auf die Geschichte des Ortes.

Es ging überraschend gut voran in jüngster Zeit auf dem Kulturforum: Die Neue Nationalgalerie erstrahlt in frisch saniertem Glanz, rund um Philharmonie und Kammermusiksaal laden seit eineinhalb Jahren großzügige Freiflächen zum Flanieren ein – und was den Neubau des Museums des 20. Jahrhunderts betrifft, so bleibt die Hoffnung, dass es in echt besser aussehen wird als die Kritiker aufgrund der Entwurfszeichnungen unken.

Trotzdem ist hier natürlich noch viel Raum für Ideen. Kann man die ungeliebte Schräge der Piazzetta aufwerten oder die hermetische Fassade des Kunstgewerbemuseums? Und vor allem: Wie nur um alles in der Welt lässt sich das italienische Piazza-Feeling herstellen, von dem alle träumen?

Wie schön, denkt man da, dass sich die Anrainer jetzt für das Projekt „Utopie Kulturforum“ zusammentun. Initiator der Aktion ist Hannes Langbein, der Pfarrer der St. Matthäus-Kirche. Er berichtet von einem Aufkleber, den jemand im vergangenen Jahr auf das Bronzemodell des Kulturforums an der Kreuzung Ben-Gurion- und Potsdamer Straße geklebt hat: Darauf stand der Schlingensief-Spruch „Beweise, dass es dich gibt“.

Hier sind viele Träume geplatzt

Und genau darum soll es nun gehen bei dem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das die Stiftung St. Matthäus mit den Berliner Philharmonikern und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bis zum Jahresende aufgelegt hat. Sie wollen den Nachweis bringen, dass an diesem Unort Bewegung möglich ist, wenn sich die Solitäre zum Chor vereinen (weitere Informationen zum Projekt unter www.utopie-kulturforum.de).

Aber erst gibt es einen Blick zurück. In der Kunstbibliothek wird dem Betrachter schnell zum Heulen zumute: Auf diesem kleinen Stückchen Innenstadt scheint einfach alles zu scheitern. Nur kurz währte der bürgerliche Glanz des Tiergartenviertels, das sich um die 1846 geweihte Matthäikirche entwickelte. Erst machten sich Handel und Gewerbe breit, dann enteigneten die Nazis die jüdischen Hausbesitzer, um alles plattzuwalzen für ihre irrwitzigen Germania-Pläne.

Und nach dem Krieg entstanden auf der Brache zwar zwei Architekturikonen, doch zum urbanen Ganzen wollte sich das Gelände einfach nicht fügen. Die wahrlich utopischen Entwurfsmodelle für das Areal, auf dem sich heute das Kraut-und-Rüben- Konglomerat von der Gemäldegalerie bis zum Kunstgewerbemuseum erstreckt, sind die Highlights der Ausstellung.

Hochkarätige Namen

Prominent war die Pressekonferenz bei der Präsentation des Projekts besetzt, und große Namen werden auch zum Start aufgeboten: Zur Eröffnung am Donnerstagabend gab es eine Rede des Schriftstellers Peter Schneider (81) und anschließend die Vorführung von Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ (1987). Am Wochenende wollen dann Michael Schindhelm und Claudio Bucher historische Stimmen aus dem Tiergartenviertel und Gegenwartsstimmen zur Klanglandschaft verbinden, und schließlich hält der Autor Jens Bisky eine Kanzelrede im Rahmen eines Abendgottesdienstes in der St. Matthäus-Kirche.

Wenn man die Chefinnen und Chefs der Anrainerinstitutionen eloquent von ihren Häusern schwärmen hört, dann wird aber auch klar, worum es hier eigentlich geht: nämlich um eine Selbstvergewisserung der Akteure. Ja, sie machen allesamt gute Arbeit, und es ist ehrenwert, dass sie jetzt einmal mehr beteuern, gemeinsam stark sein zu wollen.

Ohne das Bezirksamt geht hier nichts

Doch um dem Kulturforum dauerhaft Leben einzuhauchen, um hier eine echte Versammlungsstätte zu etablieren, einen Ort des Austausches im antiken griechischen Sinn, braucht es mehr als den kollektive Blick zurück, eine Reihe von nebeneinander stehenden Diskussionsrunden und künstlerische Interventionen, die mit dem Gegensatzpaar von Utopie und Dystopie jonglieren.

Die illustre Runde hat nämlich vergessen, einen wichtigen Akteur mit an den Tisch zu bitten: das Bezirksamt. Ohne die dortigen Beamten aber wird das nichts mit dem erhofften urbanen Treiben auf dem Kulturforum. Schließlich braucht alles, was auf dem öffentlichen Straßenland zwischen den Nobelinstitutionen passieren soll, eine behördliche Genehmigung. So gesehen ist die Erlaubnis zum Aufstellen eines mobilen Kaffee-Wagens, die sich die Philharmoniker erkämpft haben, der wohl größte Beitrag zur Belebung des Areals seit Jahrzehnten. Mehr davon!

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