Den Part des erkrankten Bratschisten Krzysztof Chorzelski (r.) übernahm im Boulez Saal Grégoire Vecchioni. Das übrige Belcea Quartet (v.l.): Axel Schacher, Antoine Lederlin, Corina Belcea. Foto: Marco Borggreve
© Marco Borggreve

Das Belcea Quartet im Pierre Boulez Saal Die Kunst des Leisespiels

Ihre Homogenität ist phänomenal: Das Belcea Quartet begeistert im Berliner Boulez Saal mit Schubert und Brahms.

Der Bratschist Krzysztof Chorzelski  hatte einen Unfall, es geht ihm besser, aber er kann noch nicht auftreten. An seiner Stelle übernimmt Grégoire Vecchioni den Violapart. Schade, denkt man zuerst, als Cellist Antoine Lederlin kurz erklärt, man habe nach den vielen corona-bedingten Konzertausfällen nicht auch noch diesen Abend im Pierre Boulez Saal absagen wollen und deshalb ausnahmsweise ein Mitglied ersetzt: Ob die legendäre Homogenität des Belcea Quartets darunter nicht leidet?

Das Belcea Quartet geht mit taktilem Feinsinn zu Werke

Von wegen. Vecchioni von der Oper Paris, Quartett-erprobt seit seiner Mitgründung des Van Kuijk Quartetts, fügt sich so souverän wie diskret in die sublime Klangkunst des in der Originalbesetzung rumänisch-polnisch-französischen Ensembles, das 1994 in London gegründet wurde. Die lange gemeinsame Zeit der anderen ist in jedem Takt zu hören.

Alleine die Einmütigkeit, wie sie am Ende die rasende Stretta von Franz Schuberts d-moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ so energisch wie mit präzisesten minimalen Verzögerungen, Accelerandi und Farbnuancen gestalten, sucht Ihresgleichen.

Zittrig bewegte Klangflächen gleich zu Beginn in Schuberts „Quartettsatz“ c-moll: Primgeigerin Corina Belcea gibt einen schlanken gesanglichen Ton vor, nimmt sich zugunsten der zweiten Geige (Axel Schacher) auch öfter zurück. Man belauscht weniger ein Gespräch unter Freunden als einen vielstimmigen Organismus, das Selbstgespräch einer erschütterten, mit sich ringenden und sich immer wieder beschwichtigenden Seele. Mitunter ist der Ton so intim, dass auch der Zuhörerin bang wird.

Filigrane Texturen, scheinbar ziellos driftende, haltlose Harmonik entdeckt das Quartett auch in Johannes Brahms‘ c-moll-Quartett op. 51 Nr. 1.  

Sei das Innenhalten zwischen den zerklüfteten, schroff auffahrenden Melodieresten und die vibratolos ersterbenden Schlüsse im Kopfsatz, der inständige Gebetston der Romanze oder das kurze ungläubige Glück und die erotische Spannung des Allegrettos: Das Belcea Quartet geht mit taktilem Feinsinn zu Werke. Jede Wendung hegt es  mit einer Aura der Behutsamkeit ein.

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Die unprätentiöse Kunst des Leisespielens verleiht dem Abend ein utopisches Moment, und mit „Der Tod und das Mädchen“ ist die Sphäre des Unwirklichen endgültig erreicht. Selten hat man den Variationssatz mit solcher Innigkeit gehört, auch das Cello singt jetzt, inbrünstig, selig, zart. Kurze Generalpausen, die Stimmungsumschwünge, die jagend trotzige Stretta: Das Publikum in der hölzernen Herzkammer des Boulez Saals hält den Atem an. Der anschließende Jubel ist groß.

Wer nicht genug hat, kann übrigens weiterhören: Gerade hat das Belcea Quartet die Streichsextette von Brahms auf CD eingespielt, bei Alpha, gemeinsam mit Tabea Zimmermann und Jean-Guihen Queyras.   

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